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Flüchtlinge in Deutschland:Warum viele Flüchtlinge kein Zuhause finden

Flüchtlingskinder in einer Kaserne in Heidelberg

Spätestens nach 18 Monaten können und sollen Neuankömmlinge aus Sammelunterkünften wie hier in Heidelberg ausziehen. Doch viele bleiben, weil sie keine Wohnung finden.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Selbst anerkannte Flüchtlinge mit einer festen Arbeitsstelle finden oft keine eigene Wohnung. Denn günstiger Wohnraum ist knapp und Flüchtlinge haben es auf Grund von Sprachproblemen und Diskriminierung bei der Suche besonders schwer.

Von Nina von Hardenberg, München

Nichts wünsche sich der Mann aus Eritrea sehnlicher als eine eigene Wohnung. Seit 2015 schon ist er in Deutschland, seit drei Jahren hat er eine feste Stelle bei einer Reinigungsfirma in Berlin. Er hat genug von Gemeinschaftsküche und geteilter Toilette auf dem Flur. Und trotzdem: Die Nachricht, dass er binnen drei Monaten aus der Flüchtlingsunterkunft Hennigsdorf in Brandenburg ausziehen soll, habe ihn hart getroffen, erzählt Kirstin Neumann vom Flüchtlingsrat Brandenburg, die seinen Fall kennt. Denn er wünscht sich zwar eine eigene Wohnung. Aber er findet keine.

Insgesamt 61 anerkannte Flüchtlinge im Landkreis Oberhavel in Brandenburg sollen wie der Mann aus Eritrea binnen drei Monaten aus ihren Gemeinschaftsunterkünften ausziehen, sonst droht ihnen die Zwangsräumung. "Die Betroffenen sind alle anerkannte Flüchtlinge, die ein Einkommen beziehen und deshalb keine Sozialleistungen benötigen", heißt es in der Pressemitteilung des Kreises. Sozialarbeiter würden sie unterstützen. "Der konkreten Wohnungssuche müssen die Bewohner jedoch selbst nachkommen."

Was nach Härte klingt, ist eigentlich der vorgesehene Ablauf für alle Flüchtlinge: Neuankömmlinge werden grundsätzlich in Sammelunterkünften untergebracht. Spätestens nach 18 Monaten oder aber wenn sie als Flüchtlinge anerkannt sind, dürfen und sollen sie ausziehen. Die eigene Wohnung gilt neben Job und Sprache als entscheidender Faktor für eine erfolgreiche Integration.

Jeder zweite Flüchtling, der in Berlin in einer Sammelunterkunft lebt, könnte längst ausziehen

Wunsch und Wirklichkeit aber klaffen bei der Wohnungsfrage weit auseinander. Im Landkreis Oberhavel und erst recht in Städten wie Berlin. So könnte etwa die Hälfte der 19 000 Flüchtlinge, die derzeit in den 80 Sammelunterkünften des Landes Berlin leben, ausziehen, schätzt der Sprecher des Landesamts für Flüchtlingsangelegenheiten, Sascha Langenbach, "zum Teil schon seit drei bis vier Jahren". So einfach aber ist es nicht. Denn günstiger Wohnraum ist knapp in Berlin, und Flüchtlinge haben es auf Grund von Sprachproblemen und Diskriminierung bei der Suche besonders schwer. "Viele erzählen, dass sie nicht einmal eingeladen werden, wenn sie ihren Namen sagen", sagt Langenbach.

Doch selbst in Oberhavel gelingt vielen Flüchtlingen der Umzug in eine eigene Wohnung nicht, berichtet Flüchtlingshelferin Neumann: "Viele fürchten nun Obdachlosigkeit." Der Landkreis Oberhavel streckt sich zwar von der Berliner Stadtgrenze bis weit in den Norden hinauf, also dorthin, wo der Wohnungsmarkt weniger umkämpft ist. Ihre bisherigen Unterkünfte und damit auch die Jobs der Flüchtlinge aber liegen im Berliner Speckgürtel oder sogar in Berlin selbst. Vom Norden aus sei dies nicht oder nur schwer mit Bus und Bahn zu erreichen.

Angekommen und anerkannt - aber ohne Aussicht auf eine eigene Wohnung, so geht es derzeit vielen Flüchtlingen in ganz Deutschland. Wenn sie dürfen, bleiben deshalb viele in den Gemeinschaftsunterkünften. "In Berlin werfen wir niemanden raus", sagt Amtssprecher Langenbach. Der Stadtstaat hat vielmehr begonnen, Sozialwohnungsblocks speziell für Flüchtlinge zu bauen. Zuletzt wurden zwei Apartment-Häuser in Marzahn fertig für 431 Menschen aus 12 Nationen. Die Wohnungen haben ein bis fünf Zimmer und eigene Küchen und Bäder. Das Haus verfügt sogar über eine integrierte Kita.

Vielerorts bemühen sich auch Hilfsorganisationen darum, den Flüchtlingen zu einer eigenen Bleibe zu verhelfen. So vermittelt der Berliner Verein "Zusammenleben Willkommen" bundesweit Flüchtlinge in WGs, seit 2014 ist das 515 Mal gelungen. Obada Alfabo ist einer, der diese Chance schon vor fünf Jahren in Leipzig genutzt hat. Er war als 19-Jähriger alleine aus Syrien geflohen. Er habe bewusst nach einem Ort gesucht, wo er Deutsch sprechen musste, habe sich dafür von der Gruppe von Syrern, mit der er angekommen war, getrennt. Mit Hilfe des Vereins zog er in eine Wohngemeinschaft mit drei Frauen und einem anderen Mann und blieb dort zwei Jahre. "Für mich war das eine große Chance", sagt er. "Ich habe da viel gelernt, viele Fragen gestellt." Inzwischen studiert er Wirtschaftsingenieurwesen.

Corona hat die Lage noch mal verschärft

"Wir erleben, dass für die Flüchtlinge ein anderes Leben beginnt, wenn sie endlich in eigene Wohnungen ziehen dürfen", sagt Christl Kamm, Grünen-Abgeordnete im bayerischen Landtag. Sie hat in Augsburg, wo beim Amt für Wohnungswesen derzeit mehr als 2000 Haushalte gemeldet sind, die dringend eine Wohnung benötigen, das Projekt "Tür an Tür" mitinitiiert, das 37 Sozialwohnungen an Flüchtlinge und andere Bedürftige vermietet. Ein weiterer Neubau ist geplant. Corona habe die Lage noch mal verschärft, weil die Sammelunterkünfte zum Teil mehrfach unter Quarantäne gestellt wurden. Junge Auszubildende mussten dann ihre Ausbildung unterbrechen, ein Rückschlag. Der Verein unterstützt Flüchtlinge auch bei der Wohnungssuche, stellt ihnen ehrenamtliche Helfer zur Seite, die erste Anrufe machen und Ansprechpartner für die Vermieter sind.

Ohne diese Hilfe hätten viele Flüchtlinge auf dem Wohnungsmarkt gar keine Chance, sagt Integrationslotsin Corinna Höckesfeld. Die Vermittlung scheitere an Sprachproblemen, zum Teil aber auch an den modernen Vorstellungen der Vermieter von angemessenem Wohnen, etwa dass jedes Kind ein eigenes Zimmer brauche. Manche Flüchtlingsfamilie würde darauf bereitwillig verzichten, wenn sie nur endlich eine eigene Küche hätte. Insgesamt gebe es schlicht viel zu wenig günstigen Wohnraum, das treffe Flüchtlinge, Studenten und Senioren gleichermaßen. "Es müsste mehr gebaut werden."

In Oberhavel hat der Kreis den Flüchtlingen, die jetzt ausziehen müssen, eine andere Lösung vorgeschlagen: "Die Gefahr einer Obdachlosigkeit können Sie abwenden, da Sie über genügend Einkommen verfügen, um vorübergehend auch ein Zimmer in einer Pension anzumieten", heißt es in dem Schreiben des Kreises.

© SZ/pamu
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