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Flüchtlingsunterkünfte:Wenn das Virus eingezäunt wird

Corona-Tests in Flüchtlingsheim

Eine Wohncontaineranlage für Flüchtlinge im bayerischen Pöcking nach einem Corona-Ausbruch im Juli.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Keine Chance, Abstandsregeln einzuhalten: Bricht in einer Flüchtlingsunterkunft Corona aus, hat eine Quarantäne schwere Folgen. Das RKI empfiehlt etwas anderes als Einzäunen und Zusperren.

Von Nina von Hardenberg

Am befremdlichsten seien die Zäune, sagt eine Helferin. Meterhohe Bauzäune habe man rund um die Flüchtlingsunterkünfte gezogen, über die das Gesundheitsamt eine Quarantäne verhängt hat. Manchmal wurde etwas Grün mit eingezäunt, sodass die Bewohner sich die Füße vertreten können. In anderen der neun Anlagen im Landkreis Passau, die sie betreut und die zum Teil über Wochen zugesperrt wurden, aber laufe der Zaun eng an den Gebäuden entlang. Davor steht Security, dahinter die Bewohner, wie in einem Gefängnis.

Die zweite Corona-Welle rollt über Deutschland und wie schon bei der ersten, verbreitet sich das Virus besonders schnell dort, wo Menschen eng zusammenwohnen, also auch in Flüchtlingsheimen. 199 Ausbruchsfälle mit 4146 infizierten Menschen zählte das Robert-Koch-Institut (RKI) in Flüchtlingsheimen bis Mitte Juli insgesamt, in sechs dieser Fälle waren jeweils mehr als 100 Personen auf einmal betroffen.

134 Unterkünfte in Bayern unter Quarantäne

Das RKI hat deshalb bereits im Juli Empfehlungen herausgegeben, wie speziell Flüchtlingsunterkünfte mit Corona umgehen sollen. Einzäunen und zusperren gehört ausdrücklich nicht dazu: "Es wird dringend empfohlen, eine Quarantäne der gesamten Aufnahmeeinrichtung oder Gemeinschaftsunterkunft sowie das Errichten von (zusätzlichen) physischen Barrieren (Zäunen) zu vermeiden", heißt es vielmehr. Und trotzdem kommt genau das zurzeit wieder häufiger vor.

Infektionszahlen in Flüchtlingsunterkünften werden nicht systematisch erfasst, aber die Nachrichten häufen sich: Seit Montag etwa dürfen 700 Menschen der Einrichtung Hermeskeil bei Trier die Anlage nicht mehr verlassen, wie die zuständige Aufsichtsbehörde mitteilte. Bayern gibt an, dass 134 aller 3200 Flüchtlingsunterkünfte unter Quarantäne stünden. "Bund und Länder verkünden immer strengere Kontaktvermeidungs- und Abstandsregeln, aber Geflüchtete steckt man unverändert in beengte Massenunterkünfte, in denen sie den geforderten Abstand und entsprechende Hygieneregeln unmöglich einhalten können", kritisiert deshalb die Linken-Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke, die das Thema mit einem eigenen Antrag am Mittwoch auf die Tagesordnung des Innenausschusses setzte.

Zermürbende Langeweile

Sich von der Welt zu separieren, um niemanden mit Covid-19 anzustecken, ist derzeit für viele Menschen ein schwieriges Erlebnis. In den Flüchtlingsunterkünften, wo es kaum Rückzugsmöglichkeiten und Ablenkung gibt, ist diese Anordnung aber ungleich schwerer. Er habe sein Zimmer seit Anfang November nur noch zum Duschen und zum Toilettengang verlassen dürfen, beschreibt ein Flüchtling aus der Unterkunft in Mering seine Situation. Seit Wochen schaut er Filme oder tippt auf seinem Handy rum, statt zu seiner Arbeitsstelle als Gebäudereiniger zu gehen. Die Langeweile zermürbt ihn. Für sich selbst kann er die Anordnung noch verstehen, da er positiv getestet wurde, aber der Hausarrest traf in den ersten Wochen auch alle anderen Bewohner.

Auch Wissenschaftler warnen vor den psychischen Folgen, die lange Quarantänezeiten für die Flüchtlinge haben können. Auch sei der Nutzen solcher Anordnungen für die Gesamtbevölkerung keineswegs belegt, kritisiert Bevölkerungsmediziner Kayvan Bozorgmehr von der Universität Bielefeld, der das Infektionsgeschehen der ersten Welle in 30 unter Quarantäne gestellten Flüchtlingsheimen untersucht hat. Gleichzeitig erhöhe sich aber möglicherweise das Ansteckungsrisiko für alle jene, die auf dem Gelände eingesperrt würden.

NRW mietet zusätzlich Jugendherbergen an

Statt zusätzlicher Zäune und verstärkter Security empfahl auch das RKI schon im Sommer dringend präventive Vorkehrungen, um Ausbrüche in den Heimen möglichst im Vorfeld zu vermeiden. Eine Umfrage unter den Ländern zeigt, dass sich viele bemüht haben, diese Anregungen zumindest zum Teil umzusetzen. So werden inzwischen vielerorts neue Bewohner zunächst getrennt untergebracht und auf Corona getestet. Auch bemühen sich viele Länder, die Einrichtungen nicht allzu voll zu machen. So hat Nordrhein-Westfalen aus diesem Grund extra neun Jugendherbergen vorübergehend angemietet. Die großen Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes seien derzeit nur zu einem Drittel belegt, heißt es aus dem Landesministerium.

Nach Ansicht von Flüchtlingsorganisationen könnten Flüchtlinge allerdings noch viel besser geschützt werden, wenn sie grundsätzlich nicht so lange in den riesigen Sammelunterkünften bleiben müssten. Vor einem Jahr hatte die Bundesregierung festgelegt, dass Flüchtlinge, deren Verfahren noch nicht abgeschlossen sind oder die eine Ablehnung bekommen haben, grundsätzlich 18 Monate in Erstaufnahmeeinrichtungen der Länder bleiben müssen, statt schnell auf die Kommunen verteilt zu werden.

Dass sich Bewohner mit Corona anstecken, wird sich nie ganz vermeiden lassen. Wie dann im Fall einer Ansteckung jeweils agiert wird, entscheiden die Gesundheitsämter. In Bayern werde zum Schutz der Bewohner grundsätzlich erst mal eine 14-tägige Quarantäne für die gesamte Einrichtung verhängt, teilte das bayerische Innenministerium mit. Die Einrichtung Hermeskeil bei Trier habe man nur komplett geschlossen, weil das Infektionsgeschehen nicht einzugrenzen gewesen sei, hieß es dagegen aus Rheinland-Pfalz. In anderen Fällen habe man nur einen Teil der Bewohner separiert.

© SZ/pak
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