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Flüchtlinge:Wie es wirklich ist, Flüchtlingen zu helfen

Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge in Dresden

Erste Hilfe nach wochen-, manchmal monatelanger Flucht: Helfer empfangen in einer Dresdner Erstaufnahme-Einrichtung eine Frau und ihr Baby.

(Foto: dpa)

Seit zwei Jahren unterstützt unsere Autorin in ihrer Freizeit geflüchtete Familien. Eine ehrliche Bilanz.

Lesedauer: 13 Minuten

Es gibt dieses sehr beglückende Gefühl, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein und genau das Richtige zu tun. Verliebte kennen es, Konzertbesucher auch. Mich überkam es letzten Winter, als ich vor dem Europäischen Patentamt in München stand und fror. Es muss um Weihnachten herum gewesen sein, es hatte frisch geschneit. Mit Mann, Sohn und Schlitten war ich zum nächsten Hügel spaziert. Ebenfalls dabei: Nadja, ihre drei Kinder und ihr Mann - meine irakische Patenfamilie. Die beiden Mädchen, damals drei und eineinhalb Jahre alt, tollten im Schnee herum wie übermütige Welpen. Sie zogen mit ihrem Vater den Schlitten den Hügel hoch und ließen sich unten, kurz vor den mit Strohballen umringten Bäumen, in den Schnee fallen. Noch mal, noch mal und noch mal.

Als wir unsere Füße kaum noch spürten, stapften wir zurück nach Hause. Wir wärmten uns bei Plätzchen und Tee, dann gab es Geschenke. Da saßen wir nun zusammen in unserem Wohnzimmer und feierten Weihnachten, Christen und Jesiden. Ein Jahr zuvor hatte ich von dieser Religion noch nie etwas gehört. Nadja und ihre Familie schenkten mir einen Jeansrock. Und das Gefühl, vielleicht zum ersten Mal im Leben etwas wirklich Sinnvolles zu tun.

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Genau so hatte ich mir die Arbeit als Flüchtlingshelfer vorgestellt, erfüllend und befriedigend. Wie die meisten Ehrenamtlichen wollte ich "etwas bewirken". Außerdem wollte ich etwas von dem Glück zurückgeben, das ich bislang im Leben gehabt habe. Während meiner Elternzeit vor zwei Jahren setzte ich den Vorsatz, mich sozial zu engagieren, endlich in die Tat um. Der ganz große Flüchtlingstreck war damals noch ein winziger Punkt in weiter Ferne.

Inzwischen ist er unter dem Brennglas der Medien zu einem Strom, zu einer Welle, zu einer Flut angeschwollen. Seit diesem Herbst streitet Deutschland darüber, ob wir "es" schaffen oder nicht - die Integration von Tausenden Menschen aus Syrien, Afghanistan, Irak, Afrika.

Und auch wenn ich versuche, nach zwei Jahren Flüchtlingsarbeit eine erste, ehrliche Bilanz zu ziehen, steht eine Frage wie ein Elefant im Raum: Habe ich mir "es" zu einfach vorgestellt? Und wenn ja: Darf, soll, muss man das dann schreiben? Oder trägt das nur dazu bei, das Kippen der Willkommenskultur noch schneller herbeizubeschwören?

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Ich habe lange gezögert - und schreibe jetzt doch, mit dem Einverständnis meiner beiden Patenfamilien, denen ich zu ihrem Schutz andere Namen gebe. Weil Dinge nicht verschwinden, nur weil man sie verschweigt. Weil andere vielleicht aus meinen Fehlern lernen können. Vor allem aber: weil wir weitermachen müssen. Wir Flüchtlingshelfer. Und wir Deutschen. Weil es zu "es" einfach gar keine Alternative gibt. Selbst dann nicht, wenn manchmal der Frust kommt.

Alles begann, wie in jeder echten Beziehung, mit großer Euphorie und sehr vielen Whatsapp-Nachrichten. Ich lernte beide Familien in einem Bildungslokal der Stadt München kennen. Einmal in der Woche übernahm ich dort das Sprachcafé, ein Angebot nur für Migrantinnen. Fünf bis zehn Frauen kamen jeden Dienstag, um in lockerem Rahmen Deutsch zu sprechen und zu lernen. Einige brachten ihre Kinder mit, für manche war das Sprachcafé tatsächlich der einzige feste Termin in der Woche außer Haus. Mal erklärte ich das deutsche Kinderbetreuungssystem, mal den Ticketautomat der Bahn, mal den Unterschied zwischen Spülung und Shampoo.

Immer dabei war mein wenige Monate alter Sohn. Über ihn fiel der Zugang zu den Frauen leicht. Ich war auch eine Mutter mit kleinem Kind, ich war eine von ihnen, irgendwie. Nach eineinhalb Stunden Baby-ruhig-und-Unterrichthalten war ich oft schweißgebadet. Aber stets radelte ich mit dem befriedigenden Gefühl nach Hause, etwas Gutes getan zu haben.

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Es dauerte nicht lange, bis mich die Frauen nach dem Café ansprachen. Ob ich nicht hier einen Brief erklären, da einen Deutschkurs suchen könne. Manche luden mich auch einfach nur zu sich nach Hause ein. Am Anfang versuchte ich, allen zu helfen, aber schnell wurde klar: Das geht auf Dauer nicht. Also suchte ich mir zwei Frauen aus, die mir am sympathischsten waren und mit denen ich mich auf Deutsch unterhalten konnte: Nadja, 25, und Hazal, 30, beide aus dem Irak. Vor allem aber entschied ich mich für zwei Frauen, von denen ich den Eindruck hatte, dass sie von ihren Männern unterstützt und nicht ans Haus gefesselt wurden. Nadjas Mann, ein herzlicher Mensch und fürsorglicher Vater, lernte ich mit der Zeit gut kennen, Hazals Mann kenne ich bis heute nur vom Foto. Er arbeitet eigentlich immer.

Nadja und Hazal hatten im Irak nur die Grundschule besucht. Als ich sie kennenlernte, hatten beide zwei kleine Kinder und lebten seit fünf Jahren mit ihren Männern in München. Ihr Asylantrag war bereits bewilligt worden.

Der größte Unterschied zwischen den beiden jesidischen Familien war, dass Hazal und ihr Mann bereits stolze Selbstverdiener waren - auch wenn das Geld immer knapp und die zwei Zimmer ihrer Wohnung viel zu klein waren. Hazals Mann arbeitete als Paketbote und am Wochenende noch bei einem Pizzaservice. Hazal putzte morgens in einem Einkaufszentrum, während die vierjährige Tochter im Kindergarten war und die Schwägerin auf den einjährigen Sohn aufpasste.

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Auch Nadja lebte mit ihrer Familie in einer Zweizimmerwohnung - allerdings noch von Sozialhilfe. Ihr Mann, fast Analphabet, hatte einen 400-Euro-Job als Tellerwäscher in einem Biergarten. "Er würde gerne mehr arbeiten, und ich auch", sagte Nadja oft. "Aber ich kann ohne ihn das Haus nicht verlassen." Schuld daran war nicht etwa ihr Mann, sondern eine Treppe. Sie war steil und schmal und führte hoch zur Wohnung in den dritten Stock. Nadja sagte, sie käme mit den beiden Mädchen weder alleine hoch noch runter. Ich bot an, verschiedene Varianten mit ihr zu üben (mit Tragehilfe, oder erst das eine Kind, dann das andere Kind etc.). Aber noch vor der ersten Übungseinheit war Nadja zum dritten Mal schwanger. Drei Kinder und die Treppe? Mein Ziel, weg von Sozialhilfe, rückte in weite Ferne.

Die Familie brauchte eine größere Wohnung. Ich sprach mit dem Paar beim Wohnungsamt vor. Zwar erhielten sie die höchste Dringlichkeitsstufe, die Chancen auf eine größere Sozialwohnung waren trotzdem verschwindend gering.

Für mich hatte ohnehin etwas anderes Priorität: die Sprache. Und damit vor allem Betreuungsplätze für die beiden Mädchen. Nadja und ihr Mann waren ihren Töchtern liebevolle Eltern, aber daheim lief der Fernseher heiß, die dreijährige Lana sprach nur Kurdisch. Ihr einziges deutsches Wort: "Schettaming" - Schmetterling. Während meiner Elternzeit besuchte ich sie etwa einmal die Woche. Schon unten an der Haustüre hörte ich Lana immer "Anna, Anna" rufen. Auch Nadja und ihr Mann freuten sich sehr, wenn ich kam. Nie durfte ich die Wohnung verlassen, ohne gegessen zu haben. Ähnlich war es bei Hazal. Seit meinem Auszug von zu Hause bin ich nicht mehr so viel und gut bekocht worden wie in den vergangenen zwei Jahren. Überhaupt macht man in den ersten Monaten als Flüchtlingshelfer einen ziemlich guten Deal. Man gibt: ein bisschen Zeit, ein wenig Geld, ein paar ausrangierte Klamotten. Man bekommt: leuchtende Augen, Dankbarkeit, einen erweiterten Horizont und endlich wieder Platz im Kleiderschrank.

Irgendwann kommt das erste Mal der Frust

Wann genau ich das erste Mal Frust statt Befriedigung spürte, weiß ich nicht mehr. Vielleicht nach der Sache mit dem Praktikum. Oder nach einem der unzähligen Amtstelefonate, um einen weiteren Deutschkurs bezahlt zu bekommen. Oder einfach, weil ich irgendwann spürte, dass meine Ziele zu hoch gesteckt waren. Oder zu sehr aus meiner Perspektive gedacht.

Nadja zum Beispiel würde gerne als Erzieherin arbeiten. Allerdings fehlt ihr dazu nicht nur die Ausbildung, sondern auch ein Schulabschluss. Vorbildlicherweise hat die Stadt München ein Programm speziell für Frauen wie sie entwickelt, das beides miteinander verbindet, Ausbildung zur Kinderpflegerin plus Schulabschluss. Bedingung davor: 400 Stunden Praktikum. Nadjas drittes Kind - zum Glück ein Junge - ist sechs Monate alt, als wir das Praktikum in Angriff nehmen wollen. Bis zum Start des neuen Ausbildungsjahres sind es noch zehn Monate. Mit zehn Stunden Praktikum pro Woche könnte Nadja die 400 Stunden schaffen. Die beiden Mädchen sind inzwischen in Kindergarten und Krippe untergekommen. Nadja will ihren Sohn zum Praktikum mitnehmen. Ich sage ihr, dass das nicht gehen wird. Ihr immer noch arbeitsloser Mann willigt ein, auf den Sohn aufzupassen. Nach vielen Telefonaten finde ich eine Elterninitiative, die Nadja ein Praktikum anbietet: zweimal fünf Stunden in der Woche. Der Mann traut sich fünf Stunden Babybetreuung nicht zu. Ich verhandle wieder, die Elterninitiative berät erneut. Das Ergebnis: zwei Stunden an fünf Tagen. Euphorisch rufe ich Nadja an: "Juhu, du kannst anfangen!" Am anderen Ende der Leitung nur Stille. Wenig später ruft sie zurück: "Er sagt, zwei Stunden sind auch zu lang." "Aber Nadja, mein Mann schafft das doch auch!" Am nächsten Tag, als mein größter Ärger verflogen ist, wird klar, welchen Fehler ich begangen habe: Ich muss erst ihm einen Job suchen, dann ihr. Und es ist nicht mein Mann. Sondern ihrer.

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Es sind versteckte kulturelle Missverständnisse, die sich immer wieder zwischen uns schieben. Solche, die man nicht im Gespräch entdeckt. Weil beide Seiten sich ihrer oft gar nicht bewusst sind. Ich habe zum Beispiel nicht verstanden, warum Hazal einen Putzjob, den ich ihr extra organisiert hatte, abgelehnt hat. Ihre Begründung: Sie habe Angst, nicht so viele Büros in zwei Stunden zu schaffen. Inzwischen weiß ich: Hazals und auch Nadjas Selbstbewusstsein lässt sich nicht mit ein paar Mal "Du-schaffst-das-schon"-Aufmunterungen stärken. Auch habe ich zwei Jahre gebraucht um zu begreifen, dass das Problem des deutschen Sozialstaats nicht nur Behördenbriefe sind, die selbst ich nicht verstehe. Sondern dass es für Menschen wie Nadja, die aus Ländern ohne jede Absicherung kommen, einfach gar nicht so einfach ist zu verstehen, wie dieser Sozialstaat gedacht ist.

Etwa ein Jahr, nachdem wir den Bewerbungsbogen für eine Sozialwohnung ausgefüllt haben, ziehen Nadja und ihre Familie das große Los: Die neue Eigentümerin ihrer Zweizimmerwohnung vermittelt eine Vier-Zimmer-Sozialwohnung. Mit Aufzug und Balkon! Die Freude ist riesig, die Treppe weg. Dafür dauert der Weg zu Kindergarten und Krippe jetzt 45 Minuten mit dem Bus. Zwei Stunden sei sie morgens und am Nachmittag unterwegs, mit drei Kindern sei das extrem anstrengend, klagt Nadja. Ich rede auf sie ein, dass sie die Kinder trotzdem auf keinen Fall rausnehmen darf, bevor wir nicht neue Plätze in der Nähe gefunden haben. Da verkündet sie mir ihre Idee: "Ich frage beim Jobcenter, ob wir nicht ein kleines Auto haben können!" Ich warte auf ein Lachen, aber es ist kein Witz. Für Nadja ist es seit sieben Jahren ein abstrakter Staat, der Miete, Essen, Arzt und Kindergarten bezahlt. Warum sollte ihre Familie da nicht auch ein Auto bekommen?

Es ist seltsam, weshalb, wenn ich Bilanz ziehe nach diesen zwei Jahren, die Enttäuschungen unsere schönen Picknickausflüge in den Zoo oder an den Starnberger See überlagern. Vielleicht ist es nur eine Momentaufnahme. Vielleicht hat mich die Ernüchterung einfach mehr überrascht als die Befriedigung. Ich muss erst lernen, dass sie zum Helfen dazu gehört.

Vielleicht hat mich die Ernüchterung einfach mehr überrascht als die Befriedigung

Kurz nach der Autogeschichte meldet sich die Eigentümerin der alten Wohnung mit einer saftigen Rechnung. Die Wohnung sei weder geputzt noch gestrichen gewesen. "Was war los, Nadja?", frage ich. "Ich habe euch doch gesagt, was ihr beim Auszug machen müsst." "Wir haben geputzt, alles war o. k." Fotos der Vermieterin beweisen am nächsten Tag das Gegenteil. Ich schäme mich für meine Familie, die sonst nach jedem Essen zum Staubsauger greift, um alle Brösel sofort zu verbannen. Noch mehr allerdings schäme ich mich dafür, dass mein erster Gedanke tatsächlich ist: "Oh Mann, typisch." Als ich Nadja die Fotos weiterleite, gesteht sie, dass sie mit den Kindern schon in der neuen Wohnung war und ihr Mann versprochen hatte, zu putzen. "Ich habe mit ihm geschimpft!" Die nächsten Tage verbringe ich am Telefon, um wenigstens einen Teil der Kaution zu retten. Und damit, die gefährlichen Vorurteile aus meinem Kopf zu verbannen.

Es gibt sie also durchaus, die Momente, in denen ich mich frage: "Wozu das alles?" Ich arbeite inzwischen wieder Vollzeit, habe ein kleines Kind, Zeit ist in meinem Leben das knappste Gut. Andererseits: Was wäre die Alternative? Meine Familien aufgeben? Die Integration dem Staat, der Politik überlassen? Sicher, ich bin nicht unersetzlich. Auch andere Freiwillige könnten Nadja, Hazal und ihren Familien helfen. Aber das würde ich nicht übers Herz bringen. Und irgendwie haben wir doch auch schon eine ganze Menge erreicht. Immerhin drei der fünf Kinder gehen in Krippe oder Kindergarten und lernen dort rasend schnell Deutsch. Nadja und Hazal haben inzwischen E-Mail-Adressen und können sogar Anhänge verschicken. Letztens war ein Foto von Lana dabei, die an einer Tafel das große "A" übt - mit vier Jahren. Hazal macht im Moment eine Art Vorausbildung zur Einzelhandelskauffrau und hat ganz alleine einen neuen Putzjob gefunden. Vor zwei Wochen haben wir ihre Bewerbung für ein Praktikum bei einer Drogeriekette abgegeben. Der Filialleiter, ein Mann mit Migrationshintergrund, sagte auf der Stelle zu. Beim Rausgehen hatten wir beide Tränen in den Augen.

Wie es mit beiden Familien weitergeht? Ich weiß es nicht. Es kann sein, dass Nadja und ihr Mann nie ohne Geld vom Staat werden leben können. Es kann sein, dass sie dem Wunsch der Großeltern nachgeben und versuchen, noch mehr männlichen Nachwuchs zu zeugen. Es kann sein, dass Nadjas Traum, Erzieherin zu werden, irgendwann in Erfüllung geht. Es kann sein, dass Hazals Praktikum der Einstieg in einen sicheren Job wird. Es kann sein, dass Lana später einmal Ärztin wird - oder Hartz-IV-Empfängerin.

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Sicher weiß ich nur, dass ich beide Familien auf ihrem Weg begleiten werde, wohin auch immer. Ich tue das nicht nur für sie, sondern auch für mich. Weil alle Erfahrungen, egal ob positiv oder negativ, mein Leben bereichern. Weil sie mir erlauben, meine eigenen kleinen Probleme zu relativieren. Weil es zur Integration der Flüchtlinge schlicht keine Alternative gibt. Weil schlimmer als Jammern nur ist: jammern und nichts dagegen zu tun.

Erschienen in der SZ vom 12./13.12.2015