Islam und Terror Steuern zahlen, Terror verdammen - was denn noch?

Während eines WM-Spiels ist die Stimmung immer gut. Im Alltag wird es schwierig.

(Foto: Getty Images)

Zwischen Muslimen und Nichtmuslimen ist ein paranoider Raum entstanden im Jahr des Terrors. Niemand kann dort unbeschwert reden, das Missverständnis lauert überall.

Von Matthias Drobinski

Das russische Fernsehen ist nach Köln gekommen, um über dieses merkwürdige Land zu berichten, das so viele muslimische Flüchtlinge aufnimmt. Bekir Alboga hat sich im dunklen Anzug so hingestellt, dass die Kamera den eingerüsteten Rohbau der großen Moschee einfängt; die Krawattennadel mit dem Emblem des türkisch-islamischen Verbandes Ditib blitzt in der Wintersonne. Alboga fröstelt, er steht ohne Mantel da. Doch tapfer erklärt der Ditib-Generalsekretär den Russen dieses Deutschland. Ob es nicht viele Probleme gebe? "Viel weniger als befürchtet," sagt Alboga. Wie gut die Türken assimiliert seien? "Hier muss sich niemand assimilieren". Alboga preist Religionsfreiheit, Demokratie, den Rechtsstaat und dass die Muslime sich in Deutschland zu Hause fühlen könnten. Ein Wort zum russisch-türkischen Konflikt? "Als Muslim bete ich um Frieden", sagt er, "aber wir sind ein deutscher Verband".

Wachsender Verdacht trotz Terror-Verdammung

"Vorm Ausland rede ich nicht über Probleme", sagt Alboga, als die Journalisten aus Moskau weg sind. Seht, ist seine Botschaft, ich werbe für mein Land, als Muslim. Was aber macht das Land? Probleme. Diese Verletzung schmerzt viele Muslime am Ende des Jahres 2015, dem Jahr des Terrors im Namen des Islams: Wir können friedlich sein, Steuern zahlen, den Terror verdammen - der Verdacht gegen uns wächst. Die türkisch-islamische Ditib wiederum ist von der Erosion des Vertrauens besonders betroffen.

"Wenn einer gegen den islamischen Fundamentalismus arbeitet, dann wir"

Dabei ist die Lage ja gar nicht schlecht für die "Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion", dem mit fast 900 Moscheevereinen größten islamischen Verband in Deutschland. Die Proteste gegen die Zentralmoschee in Köln sind Geschichte, geblieben sind die Baumängel. Die Ditib spielt eine wichtige Rolle bei der Islamkonferenz, wenn es um islamische Fakultäten, den Religionsunterricht oder muslimische Sozialarbeit geht; in Nordrhein-Westfalen könnte man bald als Religionsgemeinschaft anerkannt sein. Jetzt aber ist die Kritik wieder da. Sind die konservativen Ditib-Moscheen nicht doch geschlossene Gesellschaften? Was wird da gepredigt? Gewalt?

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"Wenn einer gegen den islamischen Fundamentalismus arbeitet, dann wir", sagt Bekir Alboga. Er zitiert aus der Freitagspredigt nach den Anschlägen in Paris, in der die Terroristen Verräter des Islams genannt werden und sagt: "Gut, dass das in allen unseren Moscheen verlesen wurde". Er sagt, dass die Ditib jetzt Glaubenskurse anbietet für Konvertiten und überhaupt Muslime, die ihren Glauben tiefer verstehen wollen, "auch, um den Unterschied zwischen unserem Islam und dem der Salafisten und Wahabiten zu erklären: Für uns muss der von Gott geoffenbarte Koran immer in der jeweiligen Zeit verstanden werden - für die Fundamantalisten gelten die Regeln des 7. Jahrhunderts auch heute." Wir machen, argumentieren, kämpfen - und keiner will es anerkennen. Und dass sich die Zahl der Angriffe auf Moscheen in diesem Jahr fast verdoppelt hat, werde nur am Rand zur Kenntnis genommen. So sieht es Bekir Alboga.

Soll der Muezzin auch in Deutschland zum Gebet rufen?

Es ist aber nicht immer nur nicht nur die unverständige, gar feindliche Welt da draußen für dieses Misstrauen verantwortlich ist. Denn eigentlich sollte diese Geschichte in Oberhausen spielen, wo gerade eine Ditib-Moschee gebaut wird und die Gemeinde wünscht, die Stimme eines Muezzins möge vom 18 Meter hohen Turm aus zum Gebet rufen. Wäre das nicht ein Ort, um zu erfahren, was sich zwischen Muslimen und nichtmuslimischer Mehrheit in Deutschland geändert hat? Gerade jetzt nach den Anschlägen in Paris und Kalifornien.

Lieber nicht, entschied die Ditib-Zentrale, aber in Köln-Chorweiler gebe es eine tolle Moschee, die sich sehr um Flüchtlinge kümmere, ob man nicht da Leute treffen möchte? Nur dass dann auch die keine Zeit haben und man allein Bekir Alboga gegenübersitzt, dem Generalsekretär der Ditib. Der ist ein intelligenter, angenehmer Gesprächspartner, kann aber doch nicht den Eindruck vertreiben, dass man bei der Ditib in diesen Zeiten ungern Gemeinde-Muslime und Journalisten unkontrolliert miteinander reden lässt.

Es hat sich nichts verändert und viel verändert

Ob es nicht doch jemanden gibt, der berichten kann, wie es den Muslimen geht in jenen Zeiten, da in Dresden das Abendland vorm Islam gerettet werden soll und in Amerika der Präsidentschaftskandidat Donald Trump einen Einreisestopp für Muslime fordert? Ayten Kılçarslan und Gürcan Mert nehmen sich Zeit; sie leitet die Frauen-, Jugend- und Sozialabteilung des Verbandes, er koordiniert die Jugendarbeit. Es hat sich nichts verändert und viel verändert, erzählen sie. Es haben ja nicht die Nichtmuslime in der Schule, dem Sportverein, am Arbeitsplatz den Muslimen auf einmal die Freundschaft gekündigt oder umgekehrt. Es ist ja nicht geplatzt wie eine Seifenblase, was in den Jahrzehnten des Zusammenlebens gewachsen ist. Und doch hat sich was geändert, erzählen sie. "Ich rede viel mit jungen Muslimen, ich habe viele Facebook-Kontakte", sagt Ayten Kılçarslan - "und gerade die Jungen sind in der Defensive, weil Islam, Islamismus, Gewalt in einen Topf geworfen werden.

Zwischen Muslimen und Nichtmuslimen klafft ein paranoider Raum

Und viele fragen sich: Warum legen jetzt alle die Trikolore über ihre Whatsapp-Profile, und niemand nimmt die türkische Flagge, obwohl der IS in Ankara einen Anschlag verübt hat, bei dem fast 100 Menschen starben?" Es ist zwischen Muslimen und Nichtmuslimen ein paranoider Raum entstanden im Jahr des Terrors. Niemand kann dort unbeschwert reden, das Missverständnis lauert überall.

Es ist ein Raum, in dem auch Jugendliche zornig auf den Rest der Welt werden, gibt Gürcan Mert zu. "Wir beschäftigen uns jetzt in der Jugendarbeit sehr mit dem Thema Salafismus," sagt er, "es ist eben doch eine Jugendbewegung, der wir etwas entgegensetzen müssen. Es hilft nichts, einfach zu sagen, wir sind ganz anders" - und ja, vereinzelt gebe es auch in den Moscheegemeinden Jugendliche, die den Salafismus interessant finden. Es sind neue Töne für die Ditib, wo man lange erklärt hat, man sei von Natur aus gefeit gegenüber dem Fundamentalismus. Jetzt sagt Mert, der Jugendreferent: "Wenn wir zu dieser Debatte nichts mehr beizutragen haben, wird es schwierig."

Kommen Sie, sagt Alboga, "ich zeige Ihnen die neue Moschee". Gottfried und Paul Böhm haben einen beeindruckenden Bau entworfen, leicht und licht und modern. Nur dass jetzt überall Risse im Beton sind. Loch um Loch müssen sie gefüllt werden, in nicht enden wollender Kleinarbeit. Kein schlechtes Bild für die Lage, eigentlich.

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