Europa:Der Balkan wird für Flüchtlinge zur Sackgasse

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Europa: In Bihać im Nordwesten Bosnien-Herzegowinas sammeln sich Flüchtlinge in einem improvisierten Lager. Der Ort liegt nahe der kroatischen Grenze, die streng bewacht wird. Die humanitäre Situation ist kritisch.

In Bihać im Nordwesten Bosnien-Herzegowinas sammeln sich Flüchtlinge in einem improvisierten Lager. Der Ort liegt nahe der kroatischen Grenze, die streng bewacht wird. Die humanitäre Situation ist kritisch.

(Foto: AFP)

Dramatische Meldungen über eine angeblich neue Fluchtroute durch Südosteuropa heizen die Stimmung an. Tatsächlich aber stecken die meisten Migranten fest, besonders in Bosnien.

Von Peter Münch, Sarajevo

Um kurz vor zwei zur Mittagszeit bildet sich auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof eine lange Schlange aus meist schweigenden, müden Männern. Sie kommen aus dem Schatten, wo sie in Grüppchen ihr Lager aufgeschlagen haben, doch eigentlich kommen sie von ganz weit her: aus Syrien oder Afghanistan, aus Irak oder Iran, aus Pakistan oder Marokko. An einem weißen Passat öffnet sich die Heckklappe, und eine Gruppe junger Freiwilliger beginnt mit der Essensverteilung aus dem Kofferraum. Aus der Reihe tritt immer einer nach vorn und empfängt einen dampfenden Teller. Heute ist es Sarajevo. Heute gibt es Suppe.

Mitten in der Schlange steht João dos Santos Pequeno aus Portugal, der die freiwilligen Helfer anführt, die sich "Souls of Sarajevo" nennen. Er sorgt dafür, dass sich niemand vordrängelt, dass kein Streit ausbricht, dass jeder genug zu essen bekommt. Seit 2015 schon ist er meist da, wo die Flüchtlinge sind, war in Griechenland, in Frankreich, in Serbien. Seit ein paar Wochen ist er nun in Bosnien. "Es kommen mehr und mehr", sagt er. "Mal sind es kleine Wellen, mal große."

Auf dem langen Marsch der Flüchtlinge in den Westen gibt es immer neue Knotenpunkte, immer neue Plätze, an denen sie sich sammeln oder auch stauen. Der jüngste Hotspot ist die bosnische Hauptstadt, sie ist der Dreh- und Angelpunkt einer sogenannten neuen Balkanroute, die in den Hauptstädten der EU wieder für Alarmstimmung sorgt. "Albanienroute" wird sie von manchen genannt, weil die Flüchtlinge von Griechenland aus jetzt über Albanien, Montenegro, Bosnien und dann via Kroatien und Slowenien den Weg in den Westen suchen. "Moscheen-Route" haben sie andere getauft, weil die Flüchtlinge angeblich unterwegs in muslimischen Gotteshäusern nächtigen, vor allem aber wohl, weil das irgendwie bedrohlich klingt.

Kein Vergleich zu 2015, als 20 000 Menschen dort ankamen - pro Woche

Die Maschinerie jedenfalls ist angelaufen, die der Helfer ebenso wie die der großen Politik. Dort ist schnell der Abwehr-Mechanismus aktiviert worden, und mit Zahlen wird sehr großzügig hantiert. Von 80 000 Migranten, die auf dem Weg seien, spricht in Österreich General Franz Lang, der Direktor des Bundeskriminalamts. Besonders in Bosnien sei die Lage "dramatisch". Ablesen kann man das tatsächlich an einem Anstieg der dortigen Flüchtlingszahlen um gleich mehrere hundert Prozent. Kein Wunder also, dass man sich in Wien bereits publikumswirksam für die Schließung der Grenzen rüstet, dass in Berlin der Streit um die Flüchtlingspolitik hochkocht und dass sich in Brüssel die Gipfeltreffen jagen.

Die Dramatik relativiert sich allerdings beim Blick auf die konkreten Zahlen: Es werden mehr Neuankömmlinge in Griechenland registriert - rund 18 000 sind es in den ersten fünf Monaten 2018 im Vergleich zu 11 500 im ersten Halbjahr 2017. Kein Vergleich ist das allerdings zu 2015, als 20 000 Menschen dort ankamen - pro Woche. In Bosnien erklärt sich die prozentuale Explosion damit, dass im gesamten Jahr 2017 nur 755 Migranten gezählt wurden, 2018 sind es bis Mitte Juni 6400. Derzeit kommen nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) jede Woche rund 500 dazu. "Aber das sind keine neuen Flüchtlinge", sagt Peter Van der Auweraert, "ungefähr 80 Prozent von ihnen waren schon auf der alten Balkanroute unterwegs".

Der Belgier ist Regionalkoordinator der UN-Migrationsagentur IOM, in seinem Büro laufen die Zahlen zusammen und die internationale Hilfe wird koordiniert. "Geografisch gibt es eine neue Balkanroute über Albanien, Montenegro und Bosnien", sagt er, "aber die meisten auf dieser Route waren vorher schon in Griechenland oder Serbien gestrandet". Vor allem von Serbien aus, wo die Grenzübergänge nach Ungarn und Kroatien dicht sind, strömten die Migranten nun nach Bosnien.

Schließlich gebe es dort eine fast tausend Kilometer lange Grenze zu Kroatien, die schwer zu sichern sei. Die Schlepper hätten die neuen Wege Ende letzten Jahres ausprobiert. Der Rest, so erklärt er, ist Routine im Chaos der Fluchtbewegung: Über Facebook- und Whatsapp-Gruppen wird die neue Route verbreitet, sogar Videos gibt es, auf denen die Schleichwege gezeigt werden.

Doch natürlich haben mittlerweile auch die Kroaten reagiert. Sie sichern ihre Grenze mit zusätzlichen Patrouillen, mit Hubschraubern und mit Drohnen. Die Anspannung ist so groß, dass Ende Mai das Feuer eröffnet wurde auf einen Kleinbus voller Flüchtlinge, die aus Bosnien gekommen waren. Zwei Kinder wurden von Kugeln am Kopf getroffen und schwer verletzt. Für Abschreckung sorgen zudem die Berichte vieler Flüchtlinge, dass sie von kroatischen Grenzschützern geschlagen, dass ihnen Geld abgenommen und Handys zerstört würden. "Es wird für die Migranten auch von Bosnien aus zunehmend schwieriger, nach Kroatien zu kommen", bilanziert Van der Auweraert. "Bosnien läuft Gefahr, zu einem Land zu werden, in dem die Migranten stecken bleiben."

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