Flüchtlinge in Wien:"Syrien ist das Gegenteil von Deutschland"

Flüchtlinge in Wien: Flüchtlinge aus Budapest erreichen den Wiener Westbahnhof.

Flüchtlinge aus Budapest erreichen den Wiener Westbahnhof.

(Foto: AFP)

Mit jedem Zug aus Ungarn kommen Hunderte Syrer und Iraker in Wien an - und werden herzlich empfangen. Über Deutschland denken sie hoffnungsfroh.

Reportage von Oliver Das Gupta, Wien

In der ersten Septemberstunde ist der Wiener Westbahnhof ein Ort der Freude. Der letzte Zug aus Ungarn rollt nach Mitternacht ein. Junge Männer springen heraus, es folgen Väter mit verschlafenen Kleinkindern auf dem Arm, am Ende steigen ältere Frauen in eleganten Kleidern aus.

Die meisten kommen aus Syrien, dem Irak, einige aus Eritrea. Länder, die seit Jahren Krieg zerfrisst. Die Flüchtlinge haben Schleppern viel Geld gezahlt, um über die Türkei, Griechenland, Mazedonien nach Ungarn zu kommen.

Und nun hören und sehen sie mehr als einhundert Wiener, die applaudieren und jauchzen. "Welcome", schreit ein junger Mann. Es sind die Letzten der 3650 Flüchtlinge, die an diesem Betriebstag der Bahn von Ungarn aus in Wien eintreffen.

Die meisten wollen weiter nach München, doch das geht erst mit der Bahn um 5.30 Uhr morgens. Viele von ihnen werden auf dem Bahnsteig schlafen, weil sie Angst haben, den Zug zu verpassen.

In den Stunden zuvor hatten sich auf dem Ostbahnhof der ungarischen Hauptstadt Budapest dramatische Szenen abgespielt. Tausende Flüchtlinge saßen dort fest, die Polizei ließ die Menschen erst in die Züge in Richtung Westen, als sich die Stimmung deutlich verschlechterte.

Die Entwicklung überrumpelt die österreichischen Behörden. In Wien und später auch in Linz und Salzburg aber organisiert sich spontan Hilfe. Die oft der Schwerfälligkeit verdächtige Österreichische Bundesbahn hält die Bahnhöfe offen und stellt Personal ab, die Caritas schenkt Gemüsesuppe aus, Bürger spenden Babynahrung, Brot, Zahnbürsten und allerlei andere Dinge, die Studenten und Gewerkschafter verteilen.

Flüchtlinge in Wien: Menschenrechtsdemonstrationen in der Innenstadt von Wien.

Menschenrechtsdemonstrationen in der Innenstadt von Wien.

(Foto: AP)

Über soziale Netzwerke werden Menschen gesucht und gefunden, die des Arabischen mächtig sind, auch Lokalpolitiker wie die Grüne Birgit Hebein und die Sozialdemokratin Muna Duzdar packen an bis tief in die Nacht. Ein bemerkenswertes Zusammenspiel.

In der Innenstadt setzen die Wiener bereits am früheren Abend ein eindrucksvolles Zeichen. Zu einer via Facebook initiierten Demonstration strömen am Abend 20 000 Menschen. Sie gedenken der 71 erstickten Flüchtlinge, die vor wenigen Tagen in einem Lastwagen gefunden wurden.

Die Teilnehmer gehen durch die Innenstadt zum Parlamentsgebäude, es ertönen Lieder wie "Es fangt genauso an" von STS und "A Mensch möcht i bleiben" von Wolfgang Ambros. Einige wundern sich, wie viele gekommen sind. Einer sagt, er sei erleichtert, wie "menschenfreundlich" die Stadt sei. Die Wiener bringen Österreich an diesem Abend zum Leuchten.

In Österreich bleiben will fast niemand

Viele sind frustriert von der politischen Entwicklung, die die österreichische Gesellschaft genommen hat. Sie erzählen davon, wie hilflos, unfähig und ängstlich die rot-schwarze Bundesregierung beim Thema Flüchtlinge bislang agiere.

Er wisse nicht mehr, welche Koalition er sich wünschen solle, sagt ein blasser junger Mann. Eine Studentin erzählt von dem Gefühl, dass jede noch so dumpfe Parole der rechtspopulistischen FPÖ Zuspruch finde.

Flüchtlinge in Wien: Helfer verteilen Lebensmittel an die Neuankömmlinge.

Helfer verteilen Lebensmittel an die Neuankömmlinge.

(Foto: odg)

Parolen, die in Deutschland als rechtsextrem gelten. Zwei Landtagswahlen stehen an, auch die Bundeshauptstadt Wien - bislang fest in sozialdemokratischer Hand - bestimmt ein neues Lokalparlament und einen neuen Bürgermeister. Die Umfragen sehen die FPÖ im Aufwind, die Angst vor den Flüchtlingen begünstigt die auf den Vorsitzenden Heinz-Christian Strache zugeschnittene Partei.

Strache pflegte in früheren Jahren Kontakt zu Neonazis und Wehrsportgruppen. Als Parteiobmann kultiviert er die Fremdenangst so sehr, dass ihn ein Discjockey mit Adolf Hitler verglich. Straches Klage prallte vor Gericht ab (Urteil noch nicht rechtskräftig).

Die Stimmung für die FPÖ kultivieren Massenblätter wie die Kronen-Zeitung, deren Kolumnisten auf der xenophoben Klaviatur klimpern. An dem Abend, an dem die Flüchtlinge mit den Zügen aus Ungarn kommen, titelt die Krone: "Chaotische Szenen am Westbahnhof". Das Konkurrenzblatt Österreich buhlte am nächsten Morgen mit der Zeile "Flüchtlings-Welle außer Kontrolle".

Am Westbahnhof ist nichts konfus. Die Ausgabe von Lebensmitteln läuft geordnet ab, Abfall wird in Müllsäcke gestopft, die Menschen lachen, manche dösen, die Kinder strahlen, wenn sie einen Schokoladenriegel zugesteckt bekommen. Viele haben Fragen: Wo erhalte ich eine Sim-Karte für Handys? "Wann kommt der nächste Zug aus Budapest?", fragt ein Syrer mit rotgeweinten Augen, der seine Familie im Gewühl vor der Abfahrt verloren hat.

In Österreich bleiben will fast niemand: Von den 3650 Flüchtlingen vom Montag beantragen lediglich sechs Asyl. Die anderen haben ein Ziel, von dem sie schwärmen: Deutschland.

München, Hamburg, Berlin - dorthin wollen die meisten der in Wien Gestrandeten. Deutschland ist ein Sehnsuchtsort für sie, eine Destination, die unbedingt gut ist, das Land, in dem sie Frieden finden können.

Mohammed, ein älterer Bauarbeiter aus dem südirakischen Basra, sagt, Deutschland sei ein "gutes Land". Dort würde er gerne bleiben, sagt er, und klingt so hoffnungsfroh dabei.

Said, ein Jugendlicher aus dem syrischen Aleppo, hält die Deutschen für "freundlich". Er will mehr erfahren von dem Land, das von einer Frau regiert wird, von der ihm gesagt wurde, dass sie Syrer möge. "Meine Heimat Syrien ist das Gegenteil von Deutschland".

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