bedeckt München 28°

FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle:Glückloses Urgestein

Die FDP hat sich im Wahlkampf auf ihren lautesten Wortführer verlassen. Er ist einer der erfahrensten Akteure in der ansonsten verjüngten Parteispitze, seit 25 Jahren macht Rainer Brüderle Politik. Nun verfehlt die Partei unter ihm wohl den Einzug in den Bundestag - zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik. Brüderles Laufbahn in Bildern.

13 Bilder

FDP Dreikönigstreffen

Quelle: dpa

1 / 13

Die FDP hat sich im Wahlkampf auf ihren lautesten Wortführer verlassen. Er ist einer der erfahrensten Akteure in der ansonsten verjüngten Parteispitze, seit 25 Jahren macht Rainer Brüderle Politik. Nun verfehlt die Partei unter ihm wahrscheinlich den Einzug in den Bundestag - zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik. Brüderles Laufbahn in Bildern.

Erst sieht es aus wie ein Putsch - doch dann macht Rainer Brüderle im Januar einen Rückzieher, und die FDP-Spitzenleute beenden ihren öffentlich ausgetragenen Machtkampf. Der Kompromiss: Philipp Rösler bleibt trotz seinem Rücktrittsangebot Parteichef, der als Nachfolger gehandelte Brüderle wird Spitzenkandidat für die Bundestagswahl. "Ich habe Höhen und Tiefen erlebt, aber ich habe nie aufgehört, zu kämpfen", hat Brüderle kurz vorher auf einem Landesparteitag gesagt - und damit seine 25-jährige Laufbahn in der Politik zusammengefasst.

-

Quelle: Imago Stock&People

2 / 13

Geboren wird Brüderle am 22. Juni 1945 in Berlin. Nach drei Jahren zieht die Familie ins pfälzische Landau. Brüderles Vater betreibt ein Textilgeschäft, der junge Brüderle verdient dort sein erstes Geld. Als Kind wollte er noch Tierarzt werden, später studiert er Volkswirtschaftslehre mit den Nebenfächern Publizistik, Jura und Politik in Mainz. Nach dem Abschluss 1971 arbeitet Brüderle erst an der Uni und später in verschiedenen Wirtschaftspositionen für die Stadt Mainz.

RAINER BRÜDERLE

Quelle: DPA

3 / 13

1987 zieht er in den rheinland-pfälzischen Landtag ein und wird Minister für Wirtschaft und Verkehr. Drei Ministerpräsidenten - Benhard Vogel (CDU), Carl-Ludwig Wagner (CDU) und Rudolf Scharping (SPD) - kommen und gehen, Brüderle bleibt im Amt und ist zudem ihr aller Stellvertreter. In Mainz pflegt er sein Image als "Mister Mittelstand" als Vertreter der Handwerker und kleinen Unternehmer.

RAINER BRÜDERLE UND WEINKÖNIGIN

Quelle: dpa

4 / 13

Vor allem pflegt er die Weinkultur: Im Kabinett von Kurt Beck ist er von 1994 bis 1998 "Super-Minister" für Wirtschaft, Landwirtschaft, Verkehr und Weinbau und erhöht die Subventionen für Weinbau an Steilhängen um mehr als 200 Prozent - die Winzer freut's, die Landeszentralbank weniger. 

Es gäbe keine Weinkönigin, die er noch nicht geküsst habe, soll er einmal gesagt haben. Später korrigiert er sich: 1348 Weinköniginnen habe er getroffen, das stehe auch so im Guinness-Buch der Weltrekorde. Nur geküsst habe er sie leider nicht alle. Die Geschichte wird er trotzdem nicht mehr los.

RAINER BRÜDERLE FDP

Quelle: DPA

5 / 13

Nach fast zwölf Jahren Landespolitik zieht er 1998 als Abgeordneter in den Bonner Bundestag ein, überraschenderweise in der Opposition. Zum ersten Mal seit knapp drei Jahrzehnten ist die FDP nicht Regierungspartei. Zwei Legislaturperioden lang ist er stellvertretender Fraktionsvorsitzender, wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion sowie Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Technologie des Bundestages. Den Parteivorsitz der FDP in Rheinland-Pfalz hat er weiter inne, insgesamt wird er sie 28 Jahre lang führen, von 2011 an als Ehrenvorsitzender. Trotzdem ist es ein offenes Geheimnis, was er eigentlich will: den Posten des Wirtschaftsministers.

Brüderle stellt neues Lehrmaterial an Berliner Schule vor

Quelle: ag.dpa

6 / 13

Nach der Wahl 2009 ist es soweit - er wird Nachfolger von Wirtschaftsminister Guttenberg, der ins Verteidigungsressort wechselt. Brüderles Amtsantritt wird skeptisch beäugt, viele trauen dem Pfälzer den Posten nicht zu: Seine Reden, gespickt mit Floskeln und Stammtischwitzen, könne er allenfalls in der Handwerkskammer halten, nicht aber in der Bundespolitik, kritisieren hinter vorgehaltener Hand sogar Parteikollegen.

Atom-Gespräch im Kanzleramt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit ihrem Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP)

Quelle: dpa

7 / 13

Schon ein Dreivierteljahr nach seinem Einzug ins Wirtschaftsministerium gibt es Krach mit Kanzlerin Merkel. Der Autokonzern General Motors (GM) fordert Staatshilfen für die Sanierung der maroden Tochter Opel, Brüderle will nicht zahlen und verweist stattdessen auf die Länder. Merkel widerspricht prompt: Das letzte Wort sei noch nicht gesprochen, sagt sie und brüskiert damit ihren Minister. Das Problem klärt sich später von selbst, weil GM überraschend die Bürgschaftsanträge zurückzieht. Die Stimmung in der Koalition aber ist beeinträchtigt.

Rainer Brüderle FDP Sexismus Laura Himmerlreich Stern

Quelle: dpa

8 / 13

Wenige Monate kämpft Brüderle mit neuen Problemen: Beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2010 trifft sich sein Vorgänger Guttenberg mit führenden Wirtschaftsvertretern zum Frühstück - ohne Brüderle. Der ist verstimmt, Guttenberg nennt ihn daraufhin öffentlich eine "beleidigte Leberwurst".

FDP Bundesparteitag

Quelle: dpa

9 / 13

Nicht mal zwei Jahre nach Amtsantritt muss Brüderle seinen langjährigen Traumjob schon wieder aufgeben. Nach parteiinternen Machtkämpfen übernimmt der neue Parteichef Rösler das Ministeramt, Brüderle wird Fraktionsvorsitzender im Bundestag. Als im Januar 2013 erneut Machtkämpfe losbrechen, sieht es für einen Moment so aus, als ob dem Pfälzer jetzt der Sprung in das höchste Parteiamt glücken könnte. Doch kurz vor dem Ziel zieht er zurück: Rösler bleibt Parteichef, Brüderle wird als Spitzenkandidat nominiert. In Brüderles Worten: Er sei der Stürmer, der die Bälle ins Tor schieße. Rösler sei der Kapitän, der die Mannschaft zusammenhalte.

Deutscher Handelskongress Brüderle Künast

Quelle: picture-alliance/ dpa

10 / 13

Das von Brüderle bemühte Fußballbild ist harmlos, verglichen mit dem, was der Politiker sonst noch verlauten lässt. Den früheren Finanzminister Hans Eichel betitelte er einst als "Blockwart der Nation", der Grünen-Fraktionsvorsitzenden Künast  warf er an den Kopf, die "Jeanne d'Arc der freilaufenden Hennen" zu sein. "Wer nix isst und nix trinkt und den Vögeln die Körner wegpickt, kann doch kein glücklicher Mensch sein", so Brüderle. Aus seiner eigenen Begeisterung für Wein macht er kein Geheimnis. 2002 tritt er in der TV-Show von Harald Schmidt auf, Titel der Rubrik: Saufen mit Brüderle. Bis heute ist er in der pfälzischen Weinregion zu Hause. Mit seiner Frau Angelika lebt er in Mainz.

Brüderle und Himmelreich

Quelle: dpa

11 / 13

Im Januar 2013, wenige Monate vor der Bundestagswahl, verschafft ihm die Liebe zum Wein erneut Aufmerksamkeit - wenn auch ungewollt. Da erscheint im Stern ein Artikel der Journalistin Laura Himmelreich. Sie berichtet über eine etwa ein Jahr zurückliegende Begegnung. An einer Hotelbar vor dem Dreikönigstreffen der FDP soll Brüderle anzügliche Bemerkungen gemacht haben (das Bild zeigt beide bei einer Unternehmensbesichtigung). Der Artikel löst eine bundesweite Sexismus-Debatte aus. Brüderle äußert sich nicht zu den Vorwürfen, Parteikollegen werfen dem Magazin eine Kampagne vor.

Ein Jahr Schwarz-Gelb - Merkel; Brüderle

Quelle: picture alliance / dpa

12 / 13

Im Juni macht Brüderle Schlagzeilen, weil er bei einem Abendessen mit Freunden stürzt und sich mehrere Brüche zuzieht. Auf den Wahlkampf habe das aber keine Auswirkungen, heißt es kurz darauf. In seiner Kampagne setzt Brüderle sich für eine Fortsetzung der schwarz-gelben Regierung ein. Während die Union mit ihrem guten Ergebnis auf die Alleinherrschaft zusteuert, fliegt die FDP wohl zum ersten Mal aus dem Bundestag.

Bundestagswahl 2013

Quelle: Maurizio Gambarini/dpa

13 / 13

Am Wahlabend: Es sieht nicht gut aus für die FDP. Unter Brüderle verpassen die Liberalen wahrscheinlich zum ersten Mal den Einzug in den Bundestag. Für den Spitzenkandidat bedeutet das Ergebnis wahrscheinlich das Ende seiner Karriere - ein unrühmliches.

© Süddeutsche.de/chu/olkl/rus

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite