Jorgo Chatzimarkakis "Schluss mit dem Pranger am Netz"

Chatzimarkakis hat offenbar genau das getan. Schon bei der ersten von Vroniplag als Plagiat gekennzeichneten Stelle zeigt sich, dass seine Zitiertechnik zumindest missverständlich ist: Die ersten fünf Zeilen der Einleitung von Chatzimarkakis' Doktorarbeit sind den Plagiatsjägern zufolge wortgleich aus einem Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung abgeschrieben. Sie sind in der Dissertation weder kursiv noch eingerückt abgedruckt.

Zwar weist Chatzimarkakis in einer Fußnote auf die Quelle "Beck/Prinz (1998)" hin. Die Fußnote folgt jedoch erst in Zeile 21. Vroniplag ordnet die Stelle deshalb als "verschleiertes" Plagiat ein. Der Großteil der von dem Portal aufgeführten Passagen beruht auf diesem Vorwurf: Chatzimarkakis hat demnach ganze Passagen inhaltlich abgeschrieben, die Fußnote aber so positioniert, dass sie den Eindruck erweckt, als handle es sich nur bei dem letzten Gedanken direkt davor um ein Zitat.

Zweiter Verdachtsfall innerhalb der FDP-Fraktion im EU-Parlament

Warum der Europaparlamentarier, der als scharfer Kritiker des mittlerweile abgetretenen FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle aufgefallen war, die Zitate nicht eindeutiger markiert hat, ist unklar. Auf eine Anfrage von sueddeutsche.de teilte sein Büro mit, das Statement auf der Website des Politikers sei alles, was Chatzimarkakis derzeit zu dem Thema zu sagen habe.

Sollte der in Duisburg geborene Vater zweier Töchter, der neben der deutschen auch die griechische Staatsbürgerschaft besitzt, über die Plagiatsvorwürfe stolpern, wäre das für die Europa-FDP der zweite Schlag binnen weniger Tage. Am 11. Mai hatte die FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin wegen einer Plagiatsaffäre ihre Posten als Vorsitzende der FDP im Europaparlament und Vizepräsidentin des Europaparlaments niedergelegt. Ihr Abgeordnetenmandat will sie jedoch behalten. Zwei Monate war Karl-Theodor zu Guttenberg nach dem Verlust seines Doktortitels von allen Ämtern zurückgetreten.

Kritik an den Plagiatsjägern

Die Betreiber von Vroniplag betonten, es sei reiner Zufall, dass nun wiederum die Doktorarbeit eines FDP-Politikers überprüft werde. Der Frankfurter Rundschau sagte der Vroniplag-Initiator: "Seine Arbeit ist komplett online, es war ganz einfach, sie zu finden und einfach mal nachzusehen."

Chatzimarkakis' FDP-Fraktionskollege im Europarlament, Alexander Graf Lambsdorff, kritisierte die Vroniplag-Macher. "Schluss mit dem Pranger am Netz" forderte er. Chatzimarkakis habe es "als kreativer Kopf und mutiger Querdenker" mit Sicherheit "nicht nötig gehabt, Textstellen anderer Autoren zu übernehmen, um Ideen zu produzieren", sagte Lambsdorff.

Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Frank-Walter Steinmeier, sieht durch die Plagiatsaffären um Guttenberg und Koch-Mehrin die Glaubwürdigkeit der Politik beschädigt. "Da gibt's einige wenige, die sich auf krummen Wegen akademische Ehren beschaffen und hinterlassen den Eindruck, ein solches Verhalten sei unter Politikern üblich", sagte er der Bild am Sonntag. "Genau darüber kann ich mich granatenmäßig ärgern."