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Familienpolitik:Arme Kinder brauchen mehr als nur Bedauern

Kinderarmut

Kinderarmut in Deutschland: Ein zehn Jahre altes Mädchen steht in abgetragener Kleidung ohne Schuhe in einem Hinterhof in Hamburg.

(Foto: dpa)

In der Vereinbarkeit von Beruf und Kindern hat sich einiges getan. Doch die Situation armer Kinder verbessert sich kaum. Das muss unter Familienministerin Giffey anders werden.

Kommentar von Hannah Beitzer, Berlin

Jedes fünfte Kind in Deutschland ist arm. Arme Kinder, so zeigen es Studien, müssen hierzulande vielleicht nicht hungern. Sie können aber vieles nicht tun, das für andere Kinder zum Leben dazu gehört. Sie können nicht mit Freunden ins Kino gehen, weil das Geld für die Karte fehlt. Sie können keine anderen Kinder nach Hause einladen, weil die Wohnung zu klein ist. Ferien in Italien? Nicht dran zu denken.

Kinderarmut ist ein Problem, das Deutschland nach Ansicht vieler gar nicht haben dürfte. Deutschland ist schließlich reich. Wie kann es da sein, dass nicht alle Kinder teilhaben dürfen an dem, was für ihre Freunde eine normale Kindheit ausmacht? Mit schlimmen Folgen: Wer nur eingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilhaben könne, habe auch in der Schule schlechtere Chancen, heißt es etwa in einer Bertelsmann-Studie. Besonders armutsgefährdet sind die Kinder alleinerziehender Eltern, meistens Mütter. Das ist eine Schande. Eine Schande und eine riesige Aufgabe für die neue Familienministerin Franziska Giffey.

Fortschritte im Koalitionsvertrag

Ihre Vorgängerin Katharina Barley hatte schon vor der Bundestagswahl damit begonnen, die Kinderarmut immer mehr in den Vordergrund zu stellen. Der Koalitionsvertrag, den Barley für die SPD mit verhandelt hat, räumt dem Thema viel Platz ein. So will die neue Regierung den Kinderzuschlag für Eltern mit geringem Einkommen erhöhen. Außerdem sollen für arme Kinder die Zuschläge zum Kita- und Schulessen sowie für die Fahrkarten entfallen. Nicht zuletzt sollen die Familien unbürokratischer an Leistungen kommen, die ihnen zustehen.

Experten und Sozialverbände beurteilten die Ergebnisse allerdings zurückhaltend. Sie fordern ebenso beharrlich wie vergeblich ein großes, mutiges Konzept, das das Thema Kinderarmut noch einmal ganz neu denkt. Zum Beispiel mit einer bedingungslosen Grundsicherung für Kinder. So weit geht der Koalitionsvertrag nicht. Im Vergleich zu dem Koalitionsvertrag, den Union und SPD 2013 geschlossen haben, sei er allerdings tatsächlich ein Fortschritt, sagen Sozialverbände. Damals habe sich das Wort "Kinderarmut" nicht einmal im Text gefunden.

Die familienpolitischen Debatten der vergangenen Jahre, ja, fast Jahrzehnte, waren von einem anderen wichtigen Thema geprägt: der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Besonders Akademikerinnen sollte mit Leistungen wie dem (einkommensabhängigen) Elterngeld und mehr Kitaplätzen die Angst vorm Kinderkriegen genommen werden. Tatsächlich ist die Kinderlosigkeit unter Hochqualifizierten zurückgegangen.

Vereinbarkeits-Debatten halfen armen Familien nicht

Arme Kinder jedoch fanden in der Debatte zu wenig Beachtung. Kitaplätze helfen schließlich auch armen Familien, war häufig die Argumentation. Zum Beispiel den alleinerziehenden Müttern, die dank eines Betreuungsplatzes wieder arbeiten können. Im Kontrast zu dieser Annahme stehen allerdings die Armutszahlen, die einfach nicht fallen wollen. Und mit ihnen die Zahl der Kinder, die nicht am kulturellen und sozialen Leben ihrer Altersgenossen teilnehmen können.

Die neue Familienministerin Franziska Giffey muss nun dafür sorgen, dass sich das ändert. Kinder dürfen nicht aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden, nur weil ihre Eltern nicht genug Geld verdienen. Giffey bringt für ihre Aufgabe gute Voraussetzungen mit. Sie kennt Kinderarmut aus ihrer langjährigen Arbeit in der Neuköllner Politik. Wo sie herkommt, sind viele Kinder arm - mit allem, was nach landläufiger Meinung dazu gehört: mangelnde Integration und Teilhabe, schlechte Noten in der Schule, Gewalt, Kriminalität und Perspektivlosigkeit.

Doch Neukölln ist nicht nur Problembezirk. Es gibt dort auch viele Menschen, die sich mit aller Kraft dafür einsetzen, die Situation für Kinder und Jugendliche zu verbessern. Lehrer, Sozialarbeiter, Nachbarschaftsvereine, Politiker. Neukölln hat in den vergangenen Jahren manch kreative Lösung hervorgebracht, die für ganz Deutschland beispielhaft sein könnte. Die bekannteste Erfolgsgeschichte ist die ehemalige Problemschule in der Rütlistraße, die zum anerkannten "Campus Rütli" avanciert ist.

Von all diesen Erfahrungen will Giffey auch in der Bundesrepublik zehren, schrieb sie nach ihrer Ernennung auf Facebook. Hoffentlich schafft sie es, dafür zu sorgen, dass Kinderarmut bald genauso hitzig und anhaltend diskutiert wird, wie das Thema "Kind und Karriere".

© SZ.de/biaz
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