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Extremismus - Magdeburg:Überlebende des Anschlags von Halle kritisieren Polizei

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Magdeburg (dpa/sa) - Überlebende des rechtsterroristischen Anschlags in Halle haben erneut das Verhalten der Polizei nach dem Attentat kritisiert. "Sie sahen uns nicht als die Opfer, die wir waren", sagte der Berliner Rabbi Jeremy Borovitz am Mittwoch im Untersuchungsausschuss des Landtags zum Anschlag. Die Beamten hätten die Überlebenden behandelt wie Verdächtige. "Ich hatte gerade den schlimmsten Tag meines Lebens erlebt und ich hätte mir gewünscht dass sie das gesehen hätten", sagte der Geistliche.

Vor Gericht hatten viele Überlebende beklagt, dass die Polizei unsensibel vorgegangen sei, respektlos gegenüber der jüdischen Liturgie und ohne die Betroffenen über die Geschehnisse zu informieren. "Wenn uns einfach nur mal jemand gefragt hätte, "Was brauchen Sie?", dann hätte das die Situation schon total verändert."

Am 9. Oktober 2019 hatte ein Terrorist versucht, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur die Synagoge von Halle zu stürmen und ein Massaker anzurichten. Er warf Brand- und Sprengsätze und schoss auf die Zugangstür, gelangte aber nicht auf das Gelände. Vor der Synagoge ermordete er dann die 40 Jahre alte Passantin Jana L. und in einem nahe gelegenen Döner-Imbiss den 20-jährigen Kevin S. Auf der anschließenden Flucht verletzte er weitere Menschen. Das Oberlandesgericht Naumburg verurteilte den 28 Jahre alten Attentäter zu lebenslanger Haft und anschließender Sicherungsverwahrung und stellte die besondere Schwere der Schuld fest.

Viele Polizisten hätten den Eindruck vermittelt, dass der Schutz der Jüdinnen und Juden ihnen zur Last falle. Es sei die Pflicht der Polizei, die Menschen zu schützen, sagte Borovitz. Als Rabbi und Vater kenne er sich mit Pflichten aus, sagte er und verwies auf die 613 Verbote und Gebote der Tora.

Wenn er sich diesen Pflichten mit einer negativen Einstellung stellen würde, machte ihn das zu einem schlechten Juden und einem schlechten Vater, sagte Borovitz. "Wir müssen diese Pflicht als ein Geschenk wahrnehmen", sagte der Rabbi. "Was für ein Wunder! 80 Jahre nach der Katastrophe können wir zusammen eine bessere, tolerantere Gesellschaft aufbauen, die sich um alle kümmert."

Borovitz war gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter erst einige Monate vor dem Anschlag aus den USA nach Berlin gezogen - um zu helfen, die jüdische Gemeinschaft in Deutschland zu beleben. Er glaube auch weiterhin, dass das jüdische Leben in Deutschland eine Zukunft habe. "Aber die Verantwortung, das aufzubauen, liegt nicht nur bei mir. Sie liegt auch bei Ihnen und bei der ganzen deutschen Gesellschaft", sagte er den Abgeordneten.

Borovitz betonte, wie schon vor Gericht, dass er die Polizei nicht beschuldigen wolle. "Aber ich glaube, dass die Polizei selbst dort besser werden möchte". Niemand sei auf den 9. Oktober vorbereitet gewesen. Vielleicht könne er mit seiner Aussage helfen, die Beamten für künftige Einsätze besser auszubilden.

Ähnlich äußerte sich Iona Berger, die wie Borovitz und auch die beiden weiteren Zeugen, die der Ausschuss am Mittwoch befragte, als Teil einer Berliner Gruppe nach Halle gekommen war. "Ich will das den Polizisten gar nicht vorwerfen, die wurden dafür einfach nicht geschult", sagte Berger. Sie hoffe aber, dass der Ausschuss dazu beitragen kann, "dass die Polizei einen besseren Job macht".

Der damalige Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) hatte vor zwei Monaten in dem Ausschuss ausgesagt und angekündigt, die Kritik der Überlebenden, die sie damals schon vor Gericht geäußert hatten, ernst zu nehmen und auszuwerten. Bei aller Anspannung und allem Stress, unter dem die Beamten kurz nach der Tat gestanden hätten, müssten sie trotzdem zu einem professionellen Handeln in der Lage sein, hatte Stahlknecht betont. "Das muss man trainieren."

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