Europa in der Krise:Der Grundton von Reims

Seit Beginn der Finanzkrise wettet die Finanzindustrie geradezu auf die Widersprüche der Politik. Frankreichs Präsident Hollande und Kanzlerin Merkel preisen in Reims den Wert ihrer Allianz. Vertrauen entsteht aber nicht nur durch Sonntagsreden, sondern durch eine möglichst geschlossen handelnde politische Union. Europa zeigt Ermüdungserscheinungen - ein gefährlicher Trend.

Stefan Kornelius

Die Euro-Krise lässt inzwischen sehr viele Wahrheiten und Widersprüche zu - worin auch ihr größtes Problem liegt. Denn der Schlamassel um die Währung und die Schulden wird eines Tages nur gelöst werden können, wenn in dieser Kakofonie von Stimmen und Stimmungen am Ende noch ein gemeinsamer Grundton herausgehört werden kann. Auf den aber muss man sich erst einmal einigen.

Da preisen am Wochenende der französische Präsident und die deutsche Kanzlerin den Wert ihrer Allianz, quasi das Fundament, auf dem Europa ruht. Gleichzeitig warnt der Präsident davor, dass sich Europa hüten müsse vor einem Duumvirat, einer alles beherrschenden Doppelspitze. Das würden die kleinen Staaten übel nehmen.

Richtig, Monsieur le Président, mag da die Kanzlerin rufen, aber dennoch wird nichts gelingen, wenn man uns beide gegeneinander ausspielen kann oder wenn einer von uns sich auf Kosten des anderen profiliert - siehe auch das Gipfeltreffen der vorvergangenen Woche. Das musste schon Nicolas Sarkozy akzeptieren; lange hat's gedauert.

Seit Beginn der Finanzkrise hatte die Politik vier Jahre Gelegenheit zu lernen, dass die Finanzindustrie von diesen Widersprüchen lebt. Sie wettet geradezu auf die Differenzen in der Politik. Und sie spürt, ob ihr ein gerüttelt Maß an Ent- und Geschlossenheit entgegengebracht wird - oder eben nicht. Bisher hat es die Politik nicht vermocht, auf dem nach oben hin offenen Vertrauensbarometer einen derart beeindruckenden Wert zu erreichen, dass die Märkte ein für allemal abgeschreckt wären und das Spekulieren sein ließen.

Wer an das Ende denkt, der muss an den Anfang gehen

Vertrauen entsteht aber nicht nur durch Sonntagsreden, sondern durch möglichst hohe Sicherheitsmauern, durch Regeln, Gesetze, Verfahren - kurzum: durch ein möglichst geschlossen handelndes politisches System. Das kann nach allem Ermessen nur eine echte Europäische Union sein - eine Union, die sich freiwillig so viele politische Muskeln verpasst, dass sich keiner mehr ran traut und mit ihrem Geld Schindluder treiben mag.

Diese politische Union wird es nicht über Nacht geben. Ihr Bau kostet Zeit und benötigt viel Überzeugungsarbeit. Über Nacht kann lediglich die Währung kollabieren, was einen unbeschreibbar hohen politischen Preis einfordern würde. Das kann niemand ernsthaft wollen. Diese Alternativen sollten alle bedenken, die in diesen Tagen laut über den Euro nachdenken. Ob Präsident oder Kanzlerin, ob Verfassungsrichter oder Wirtschaftswissenschaftler - für alle gilt: respice finem, bedenke das Ende.

Wer an das Ende denkt, der muss an den Anfang gehen: Reims 1962, Adenauer und de Gaulle, Europas historische Bürde, die Erfahrung von zu viel Leid und Hass. Wenn die Währung bricht, bricht auch die Union, und vor allem brechen die emotionalen Dämme. Europa zeigt bereits Ermüdungserscheinungen, die Nerven liegen blank, die Urteile werden schärfer, die Ressentiments verletzender. Es ist kein Fehler, in diesen Tagen in Reims eine Kerze anzuzünden - und auf den Grundton zu hören.

© SZ vom 09.07.2012/fran
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