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Erster Weltkrieg in Frankreich:"An der leichenfressenden Somme"

British officers observe artillery fire during the Battle of the Somme

Britische Soldaten beobachten aus ihrer Stellung die Frontlinie während der Somme-Schlacht 1916

(Foto: REUTERS)

Im November 1916 endete das Gemetzel an der Somme. Die Schlacht war blutiger als Verdun, endete ohne Sieger - und wirkte doch mächtig nach.

Zwischen starken Regenschauern scheint die spätherbstliche Sonne mild an diesem Freitag über Thiepval. Bei dem nordfranzösischen Dorf haben sich etwa 2000 Menschen zu einem besonderen Gedenkgottesdienst versammelt. Es geht um den Ersten Weltkrieg und die Soldaten des britischen Expeditionskorps, die der Weltenbrand in diesem Landstrich am Flüsschen Somme einst fraß und der am 18. November vor 100 Jahren endlich endete.

141 Tage tobte die Schlacht, die für die Briten von zentraler Bedeutung ist, weil sie so vielen eigenen Männern das Leben kostete und selbst initiiert war. Zahlreiche Veranstaltungen erinnerten in den letzten Monaten an den Mordsommer an der Somme, das Centenariumgedenken schließt mit dem Gottesdienst bei Thiepval ab. Hier, wo die Schlacht besonders schlimm tobte, erinnert ein kolossaler Torbogen an mehr als 70 000 Soldaten aus Großbritannien, Australien und anderen Commonwealth-Staaten, die als vermisst gelten oder deren zerfetzte Körper nicht mehr identifiziert werden konnten.

Heute werden von Angehörigen der britischen Streitkräfte Kränze niedergelegt, ein Veteran des Zweiten Weltkrieges ist ebenso dabei wie ein Dudelsackspieler im Militär-Kilt. Der Geistliche spricht weihevoll vom "nachhaltigen Vermächtnis" der Soldaten von damals. Und er macht deutlich, was er von dem Gemetzel hält: Die Opfer zeugen vom "Ausmaß und der Sinnlosigkeit des modernen industrialisierten Krieges".

Denn das Ausmaß des Sterbens an der Somme 1916 war immens und so noch nie da gewesen: Die Gesamtzahl der Toten und Verwundeten liegt bei deutlich mehr als einer Million. Niemand weiß genau, wie viele Menschen hier von Maschinengewehr-Salven durchsiebt und durch Granaten zerfetzt wurden oder in den Schützengräben erstickten. Klar ist: Nirgends an der Westfront starben in so kurzer Zeit so viele Soldaten wie an der Somme, auch nicht im 200 Kilometer entfernten Verdun.

Ein Sieg, der "leichter als Teetrinken" sein sollte

Was für Franzosen und Deutsche die Schlacht um das Städtchen an der Maas bedeutet, das schwingt für die Briten und die Länder des Commonwealth beim Namen "Battle of the Somme" mit. Eine Hölle des Krieges, massenhaftes Sterben, kalkuliert von Generälen. Immerhin: Der gigantische Verlust an Menschenleben in Verdun und an der Somme bewirkte später ein Umdenken in der Kriegsführung.

Der Befehlshaber, der die Schlacht an der Somme initiierte, war der Brite Douglas Haig. Mit der Offensive wollte der Feldmarschall den französischen Bündnispartner entlasten, der bei Verdun den deutschen Angriffen nur mühsam standhielt. Doch offensichtlich strebte er noch etwas anderes an: Haig wollte den festgefressenen Stellungskrieg beenden, "die Front zerbrechen", wie der Historiker Jörg Friedrich schreibt.

Haig, der von Zeitgenossen als stur, altmodisch und unehrlich beschrieben wird, war den deutschen (und österreichischen) Strategen nicht unähnlich: Die Feldherren glaubten pathetisch an die eigene Überlegenheit. Haig war durch die Kavallerie geprägt - für ihn galt die Mannhaftigkeit, nicht der Maschinenkrieg.

Schützengräben und Granatenkrater der Somme-Schlacht bei Beaumont-Hamel einhundert Jahre nach dem Gemetzel.

(Foto: AP)

Am 1. Juli 1916 schickte der oberste Soldat seiner Majestät, King George V, voller naiver Zuversicht seine Soldaten ins Verderben. "Der Wetterbericht für Morgen ist günstig", notierte Haig am Vorabend des Angriffs in seinem Tagebuch. "Die Männer sind in ausgezeichneter Stimmung. Noch nie ist der Stacheldraht so gründlich gekappt worden, noch nie war die Artillerievorbereitung so gründlich." Der Oberbefehlshaber verließ sich auf Gott und die mehr als 1,7 Millionen Granaten, die in den vergangenen Tagen auf die deutschen Linien niedergegangen waren. "Mit dem Spazierstock" sollten die Truppen das Niemandsland passieren, die Einnahme der feindlichen Stellungen werde "leichter als Teetrinken", scherzten die Stabsoffiziere.

So stürmten am Morgen des 1. Juli 1916 mehr als 100 000 von Haigs Soldaten auf einer Frontlänge von 26 Kilometern aus ihren Schützengräben - meist junge Freiwillige für Englands neues Millionenheer, kurz ausgebildet und nach Dörfern und Straßenzügen in "Pals battalions" - "Kumpel-Bataillone" - zusammengefasst.

Männer, die noch vor Kurzem gemeinsam in der Buchhaltung gearbeitet oder im selben Cricketteam gespielt hatten, rückten nun in dichten Reihen gegen die Reste der deutschen Stacheldrahtverhaue vor. Statt der versprochenen Teestunde erwartete sie im flachen, deckungslosen Gelände eine Orgie des Todes - und im Anschluss ein monatelanges Massensterben.

Die Maschinengewehre ratterten, bis das Kühlwasser kochte

Die meisten Deutschen hatten in gut befestigten Bunkern tief unter der Erde den Granathagel überlebt. Sobald der Beschuss einmal abebbte, kamen sie mit ihren MGs an die Oberfläche und begannen zu feuern. Mit 600 Schuss pro Minute nahmen sie die ungeschützten Engländer ins Visier, bis das Kühlwasser in den Waffen kochte.

Selbst ungeübtere Schützen konnten unter solchen Idealbedingungen maschineller Auslöschung binnen einer halben Stunde dutzende Feinde verwunden oder töten. "Es war schlimmer als die Hölle", erinnerte sich Soldat Harold Beard von den Lancaster Fusiliers, der den Horror beim Sturm auf Thiepval im Zentrum der Sommefront überlebte. Bald lagen die Leichen in Schichten übereinander.

Am Ende des 1. Juli 1916 waren neben 8000 Deutschen mehr als 19000 Briten tot und 37000 verletzt. Zwischen 7.30 Uhr morgens und der Abenddämmerung hatte Haig die Hälfte seiner Infanterie verloren - und das an einem relativ kurzen Frontabschnitt. Auf jeden gefallenen Deutschen kamen sieben tote oder verwundete Briten.

Das Datum wurde zum nationalen Trauma, zum schwärzesten Tag der britischen Militärgeschichte und die Somme-Schlacht zum Inbegriff des Ersten Weltkriegs. Seine sinnlosen Massenangriffe durch Kraterwüsten, mitten hinein in MG-Salven, Giftgaswolken und das Grabengemetzel mit Bajonett und Spaten brachten keine nennenswerten Geländegewinne.

Auf die Soldaten des deutschen Kaisers machte das Inferno einen ähnlichen Eindruck. "An der leichenfressenden Somme", formulierte der deutsche Arbeiterdichter Gerrit Engelke, der später - kurz vor dem Waffenstillstand - seinen Kriegsverletzungen erliegen sollte.

Trommelfeuer, Giftgas und dann die Infanterie aus den Schützengräben vorrücken lassen - viel mehr fiel englischen (wie deutschen Strategen bei Verdun) auch in den darauffolgenden Monaten nicht ein. Ein erster Einsatz der neuen Panzerwaffe blieb wirkungsarm wegen technischer Mängel. Im Slang seiner Soldaten firmierte Feldmarschall Haig bald nur noch als "der Metzger".

Trotz der immens hohen Opferzahlen versuchten die britischen Militärs, die Gesamtlage zu beschönigen. Haig gab mitunter falsche Zahlen an die Regierung in London weiter, so berichtet es Winston Churchill später. Und damals wurde ein bemerkenswert umfangreicher Dokumentarfilm gedreht, der in der Heimat suggerieren sollte: Es ist schlimm - aber den Krauts (den Deutschen) geht es noch schlechter.

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