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Erklärung im Internet:Autonome bekennen sich zu Anschlägen auf Bahn

Sie wollten die Hauptstadt in den "Pausenmodus" versetzen: Während in Berlin weitere Brandsätze auftauchen, übernimmt eine linke Gruppierung in einem Internetforum die Verantwortung für die Anschläge auf die Deutsche Bahn. Sie spricht von "Sabotage" und beschreibt ausführlich ihre Motive. Doch die Aktion stößt nicht nur bei Unionspolitikern auf Kritik - sondern auch bei Gesinnungsgenossen.

Kathrin Haimerl

Die Verfasser des Bekennerschreibens scheinen ein Faible für isländische Vulkane zu haben: Nach dem Brandanschlag auf einen Kabelschacht der Deutschen Bahn in der Nacht auf Montag im brandenburgischen Havelland und dem vereitelten Anschlag auf den Berliner Hauptbahnhof ist im süddeutschen Ableger des linken Internetforums Indymedia eine "Presseerklärung" aufgetaucht. Darin bekennt sich eine Gruppe namens "Hekla-Empfangskomitee - Initiative für mehr gesellschaftliche Eruptionen" zu den Attacken. Der Name ist eine Anspielung auf den isländischen Vulkan Hekla, vor dessen Ausbruch Forscher erst vor wenigen Monaten warnten.

Brandsätze am Berliner Hauptbahnhof entdeckt

Ein Kameramann filmt die Bahngleise der Nord-Süd-Trasse in Berlin: Erneut hat ein Mitarbeiter der Bahn Brandsätze entdeckt.

(Foto: dpa)

Ähnlich wie die Vulkanausbrüche haben die gefährlichen Aktionen, zu denen sich die mutmaßlich linksextreme Gruppe bekannt hat, erhebliche Auswirkungen auf das öffentliche Leben in Berlin und Umgebung: Am Montagmorgen gegen 3:30 Uhr wurden auf der Strecke zwischen Hamburg und Berlin Brandsätze gezündet. Die Brandstifter hatten die Abdeckung der Kabelschächte links und rechts der Gleise entfernt und deponierten die Brandsätze mit einem Zeitzünder. Nach Angaben der Bahn hatte der Anschlag mehrere Signalanlagen zerstört, der Bahnverkehr war komplett unterbrochen worden. Noch immer ist der Verkehr auf der Strecke beeinträchtigt.

Am selben Tag konnte ein Bahn-Mitarbeiter einen Anschlag auf dem Berliner Hauptbahnhof verhindern. Bei Kontrollen an der nördlichen Tunnelausfahrt entdeckte er einen Brandsatz bestehend aus sieben Flaschen - nach Angaben der Bundespolizei baugleich zu jenen, die am Morgen gezündet worden waren. Wenige Meter von diesem Fundort entfernt wurde an diesem Dienstag nach Angaben der Polizei erneut ein Brandsatz entdeckt. Die Bahn sperrte den Tunnel und leitete die Züge um. Am Vormittag fand ein Angestellter der Bahn zudem zwei weitere Flaschen mit einer brennbaren Flüssigkeit in Grünau im Südosten Berlins. Ob die nun gefundenen Brandsätze in Zusammenhang mit den Vorfällen am Montag stehen, ist noch unklar. "Kriminaltechniker untersuchen jetzt die Gegenstände", teilte die Polizei mit.

In dem Bekennerschreiben auf Indymedia linksunten bringen die mutmaßlichen Attentäter eine Weltsicht zum Ausdruck, die irgendwo zwischen Anarchie und Utopie anzusiedeln sein dürfte. Die Verfasser, deren Überzeugungen dem Antimilitarismus zuzuordnen sind, bedienen sich der Alltagssprache, um für Verständnis für ihre Aktion zu werben. Der sonst szeneübliche, etwas schwurbelige Politsprech fehlt fast völlig. Ziel sei es gewesen, die Metropole Berlin in bescheidenem Umfang "in den Pausenmodus" zu versetzen. "Die Stadt hält den Atem an, verlangsamt ihr Tempo, vielleicht hält sie inne. Entschleunigung", schreibt die Gruppe. "Der Chef muss warten, ob er will oder nicht. Na und? Der Ministerialbeamte aus Bonn bleibt im ICE hängen. Gut so."

Aus Sicht der unbekannten Bekenner wäre zwar jeder Tag "der richtige Tag für eine Sabotage". Aktuell aber biete sich der zehnte Jahrestag des Afghanistan-Kriegs an. "Das nehmen wir zum Anlass zu bekräftigen, dass sich an den Verhältnissen gründlich etwas ändern muss. Die Gewohnheit, mit der hier jede Scheiße hingenommen oder durchgesetzt wird, muss durchbrochen werden", schreiben sie. Das Landeskriminalamt Brandenburg prüft derzeit noch, ob das Schreiben authentisch ist, sagte ein Sprecher zu sueddeutsche.de.

Die Bahn reagierte entsetzt auf die Anschläge. "Unsere Kunden sollen nach dem Bekennerschreiben für den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr herhalten", erklärte der Leiter der Konzernsicherheit, Gerd Neubeck. Das sei unverantwortlich. Bei einem Streckennetz von 34.000 Kilometern Länge sei eine flächendeckende Überwachung schlicht unmöglich.

In der Politik löste der Anschlag bekannte Reflexe aus - insbesondere bei Unionspolitikern: Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) kündigte in der Welt ein Vorgehen "mit aller Härte" gegen die Verantwortlichen an. Der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), verglich die Attacken mit dem Terror der Roten Armee Fraktion (RAF): "Auch der RAF-Terror begann in den siebziger Jahren mit Brandanschlägen. Später haben dann mehr als 30 Menschen ihr Leben verloren." Ähnlich äußerte sich Bernhard Witthaut, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. Er forderte mehr Personal für die Sicherheitsbehörden. Die Politik müsse die Warnungen des Verfassungsschutzes ernst nehmen. "Auch der RAF-Terror hat mit der verharmlosenden sogenannten Gewalt gegen Sachen begonnen. Später wurden Menschen ermordet."

Kritik und Häme im linken Lager

Den Vorwurf des Terrors weisen die Verfasser des Bekennerschreibens zurück: "Unsere Aktion zielt nicht darauf, Menschen zu gefährden. Das haben wir bestmöglich ausgeschlossen", schreiben sie. Tatsächlich ist nach Angaben der Bahn bei den Anschlägen niemand zu Schaden gekommen. Allerdings halten Linksautonome laut Verfassungsschutz die Anwendung von Gewalt - auch gegen Personen - für legitim, um ihre Ziele durchzusetzen. Dies sei ein Instrument, um die "Wut auf die Verhältnisse zum Ausdruck zu bringen", heißt es im aktuellen Verfassungsschutzbericht.

Warum friedlicher Protest aus Sicht der Hekla-Gruppe bei den bestehenden politischen Verhältnissen nicht mehr angemessen ist, begründen sie in dem Bekennerschreiben folgendermaßen: "Wo es keine Alternative gibt, gibt es nichts mehr zu diskutieren oder einzufordern. Wenn der Krieg ein Dauerzustand ist, ein permanentes Mittel, um die Sicherheit aufrechtzuerhalten, macht es keinen Sinn mehr, den Abzug aus einem Land xy zu fordern."

Im April 2010 sorgte eine militante Broschüre für Aufregung, die noch immer in der linksextremen Szene kursiert: Auf knapp 80 Seiten geben anonyme Autoren in einer Szenezeitschrift namens Prisma Tipps, wie Brandsätze gebastelt, Autos angezündet und Straßen blockiert werden können. Auch finden sich darin Anleitungen, wie Bahnstrecken sabotiert werden können. Prisma steht für "prima radikales info sammelsurium militanter aktionen". Die Broschüre soll vor allem in Berlin, Hamburg und Niedersachsen Verbreitung gefunden haben.

Ob die aktuellen Brandsätze auf Basis dieser Anleitung erstellt worden sind, wollte der LKA-Sprecher sueddeutsche.de mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht bestätigen. Man sei noch dabei, die sichergestellten Brandsätze zu untersuchen. Aufgrund des Schreibens im Internet schließe man eine politische Tatmotivation nicht aus, sagte der LKA-Sprecher weiter. Auch ein Zusammenhang mit dem Anschlag am Bahnhof Ostkreuz im Mai sei möglich. "In dem Bekennerschreiben selbst wird ein solcher Zusammenhang hergestellt."

Bei dem Brandanschlag auf die Deutsche Bahn handelt es sich bereits um die dritte Attacke innerhalb kurzer Zeit, die sich in der Vorgehensweise sehr ähneln: Im November 2010 zündeten Castorgegner kurz vor einem Atommülltransport ins Wendland mehrere Kabelschächte an. Allerdings waren die Motive im Bekennerschreiben andere: Sie richteten sich gegen die Deutsche Bahn als "Profiteur der Atommafia".

Den zweiten Brandanschlag im Mai 2011 nennt die Hekla-Gruppe in ihrem Schreiben als Vorbild: Zu dem Anschlag auf eine Kabelleitung am S-Bahnhof Ostkreuz in Berlin hatte sich die Gruppe "Das Grollen des Eyjafjallajökull" bekannt - ebenfalls benannt nach einem isländischen Vulkan. Wegen des Feuers war der Bahnverkehr in weiten Teilen Berlins und Brandenburg zusammengebrochen. Auch Telefonnetze und Internetverbindungen waren unterbrochen worden, weil der Brand neben den Stromleitungen auch Glasfaserkabel zerstört hatte.

Trotz der Häufung wollen Beobachter noch nicht von einer taktischen Vorgehensweise sprechen. Die Motivlage sei noch sehr vage und bei den einzelnen Anschlägen sehr unterschiedlich. Während es im November 2010 um den Anti-Atom-Protest ging, findet sich in dem Bekennerschreiben der Eyjafjallajökull-Gruppe eine Mischung aus mehreren politischen Motiven, deren gemeinsamer Nenner das Anarchistische sein dürfte. Ähnlich wie die Hekla-Gruppe beziehen sich die mutmaßlichen Attentäter aber auch hier auf die Ohnmacht des einzelnen Bürgers gegenüber der Politik.

In dem aktuellen Bekennerschreiben jedenfalls feiert die Hekla-Gruppe den Anschlag auf das Berliner S-Bahnhof Ostkreuz als "gelungene Aktion gegen die Funktionalität der Metropole". Zugleich kündigen die Verfasser weitere Aktionen an: "München, Frankfurt, Berlin, Hamburg, Stuttgart 21, Paris, Brüssel, Wien, Mailand, London, Zürich, Madrid ... lahmlegen", schreiben sie, wobei offenbleibt, ob sie mit Stuttgart 21 nun das umstrittene Bahnhofsprojekt oder die schwäbische Landeshauptstadt meinen. Ziel der Attacken jedenfalls sei es, die "Funktionsfähigkeit der Metropolen (...) bis zum Stillstand zu sabotieren" - bis kein Kriegsgeschäft mehr getätigt werde.

Scharfe Kritik müssen sich die anonymen Autoren allerdings auch aus dem linken Lager gefallen lassen. Den Kommentatoren unter dem Bekennerschreiben nach zu urteilen scheinen die Verfasser nicht unbedingt den Nerv ihrer Gesinnungsgenossen getroffen haben. So schreibt einer, dass diese "schwachsinnige Form des Protests" dem gesamten linken Lager schaden würde, "insbesondere dem vernunftbegabtem Teil". Ein anderer schreibt: "Vielen Dank für nichts, ihr Deppen!".

Der Eyjafjallajökull-Gruppe war es im Mai nicht besser ergangen. Ein User bezeichnete die Aktivisten als "hinterletzte Schwachköpfe": "Sie präsentieren nichts, weder das Volk, noch die Opposition, noch irgendwelche Minderheiten oder politisch Verfolgten. Ihre Tat beruht ausschließlich auf ihrer eigenen Egomanie." Ein anderer schrieb: "Sorry, aber was ihr da gemacht habt, hat für mich keinen tieferen Sinn. Werdet erwachsen und übernehmt Verantwortung."

Mit Material von Reuters und dapd

© sueddeutsche.de/Reuters/dapd/mcs

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