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Erdoğan nach Kommunalwahl in Türkei:Soziale Netzwerke sprechen von sabotierten Wahlen

Dazu kommt die Situation der Medien. Nirgends hat sich das so deutlich gezeigt wie während der Auszählung am Sonntagabend. Die Medienagentur Anadolu steht der AKP nahe - und sieht in der Hauptstadt Ankara vor allem die Erdoğan-Partei vorne. Genau zeitgleich berichtet Cihan Haber von einem Vorsprung der kemalistischen CHP - diese Agentur soll der Gülen-Bewegung treu sein. Asli Tunc, Professorin für Medienwissenschaften an der Bilgi-Universität, fasst die Situation in einem Tweet zusammen: "Diesem Land fehlt eine unabhängige Nachrichtenquelle"

Die jetzige Situation ist nur ein Etappensieg in einem anhaltenden Informationskrieg: Erdoğan kann mehrere Medienanstalten offen als parteiisch attackieren. Das ist so gewesen im Fall der türkischen Zeitung Zaman, die den Gülenisten nahesteht, aber auch bei Tageszeitungen wie Hürriyet und Radikal, die zur Doğan Media Group gehören - eben jenes Medienunternehmen, bei dem Erdoğan Druck auf den Justizminister ausgeübt hat.

In einem solchen Umfeld, in dem die Medien Erdoğan und Erdoğan die Medien beschuldigt, hat der Premierminister das "Wir gegen die"-Gefühl erfolgreich einsetzen können. Doch dieser Wahlsieg ist teuer erkauft. Das Land ist so tief gespalten wie lange nicht mehr. Deutlich zeigt sich das, wenn man die sozialen Netzwerke betrachtet.

Dort heißt es in unzähligen Berichten, dass die Wahl in wichtigen Städten wie Ankara offen sabotiert wurde. Die Rede ist von Stromausfällen, von vorgefertigen Wahlzetteln, von Menschen, die bei "falscher Stimmabgabe" verprügelt wurden. Auf der Seite " 2014 Secim" werden knapp 300 Fälle von Wahlbetrug festgehalten - der Großteil wird aber als "unverifiziert" ausgewiesen. Laut Informationen von Today's Zaman soll die CHP in Ankara bei der Staatsanwaltschaft Klage eingereicht haben.

Erdoğans Taktik ist es nun, sich weiterhin eng an seine Wähler zu klammern, sie zum Zusammenhalt zu beschwören, anstatt den Dialog mit der Opposition zu suchen. Direkt nach seinem Sieg hat Erdoğan eine Rede gehalten. Dort attackierte er seine politischen Gegner mit den Worten: "Ihr werdet bezahlen".

Denn hinter der Entscheidung, diese Wahl als Referendum über seine Politik zu veranstalten, steckt Kalkül. In der Türkei finden in diesem August Präsidentschaftswahlen statt. Beobachter gehen davon aus, dass Erdoğan sich als Kandidat aufstellen lassen will. Der Machtkampf in der Türkei wird also weitergehen - von Aussöhnung keine Spur.