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Erdoğan-Kritiker:Hunderte Korruptionsermittler und Staatsanwälte wurden versetzt

Erdoğan hatte im Zug der Korruptionsaffäre auch Twitter und Youtube sperren lassen, nachdem im Internet kompromittierende Telefonmitschnitte aufgetaucht waren. Das Verfassungsgericht beendete die Blockade wieder. Die Regierung sorgte zudem dafür, dass Hunderte Korruptionsermittler, Polizisten und Staatsanwälte versetzt oder kaltgestellt wurden. Ihnen wurde vorgeworfen, im Auftrag Gülens einen "Parallelstaat" errichtet zu haben. Inzwischen sind alle Korruptionsprozesse "aus Mangel an Beweisen" eingestellt.

Erdoğan und sein Nachfolger im Amt des Premiers, Ahmet Davutoğlu, werfen der Gülen-Bewegung aber weiter vor, den Staat zu unterwandern. Sie nennen die Anhänger des Predigers "Agenten" oder "eine Bande" und "Verräter".

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Aktuelle Entwicklungen in der Türkei: Die Inflationsrate sinkt, mehr Menschen stimmen für die Regierungspartei AKP.

Gülen bestreitet nicht, dass auch zahlreiche türkische Staatsdiener mit seiner Bewegung sympathisieren, er sieht darin aber kein Problem. "Ein Bürger eines Landes kann nicht die Institutionen seines Landes unterwandern, er dient ihnen", sagt Gülen. Die Regierung wolle sich mit einer "Hexenjagd" nur derer entledigen, "die nicht der Macht nahestehen oder Geschäfte mit ihr machen wollen".

Vorwurf der Intransparenz

Kritiker auch in Europa werfen der Gülen-Gefolgschaft vor, ihre Organisation sei nicht transparent. Bekannt sind weder Mitglieder- noch Spenderlisten. Islamische Bruderschaften ähnlich der Gülen-Bewegung waren von Republikgründer Atatürk einst in den Untergrund gedrängt worden. Die AKP hatte nichts gegen deren Wiedergeburt. Erdoğan sagte mehrmals, er wünsche sich in der Türkei eine "religiöse Generation". Zuletzt verlangte er, an den Schulen wieder Osmanisch zu lehren.

Gülen aber sagt, es könne "nicht Aufgabe eines Staates sein, eine religiöse Generation heranzuzüchten". Damit schaffe man einen "Zwang für Andersdenkende". Auch Gülen beklagt, hier ausnahmsweise mit Erdoğan einig, dass viele junge Muslime wenig Ahnung von ihrer Religion hätten. Damit würden sie auch leicht Opfer der Propaganda von radikalen Islamisten, wie dem "Islamischen Staat". Zum IS, so Gülen, habe die "islamische Welt nicht klar genug Stellung bezogen".

© SZ vom 13.12.2014/mest

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