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Entnazifizierung:Wie viel Nazi steckt in Deutschland?

Alliiertenmuseum

Aus der Ausstellung "Who was a Nazi?": Kleid für ein Kind, genäht aus einer Hakenkreuzflagge 1945/46, zu sehen im Alliiertenmuseum Berlin.

(Foto: Wolfgang Chodan/Haus der Geschichte Bonn)

Aus Flaggen wurden Kleider, Hakenkreuze von Löffeln abgekratzt: Die Entnazifizierung sei bedingt gelungen, befanden die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine Ausstellung zeigt neue Erkenntnisse.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Das Kleid wirkt seltsam: Ein bisschen unförmig, der Stoff zu hart, die Farben ebenfalls, kein Schmuck ziert das Gewand und keinerlei Lieblichkeit, obwohl es für ein kleines Mädchen gedacht ist. Doch damals, nach 1945, waren Kinder froh, wenn sie überhaupt etwas zum Anziehen hatten, das nicht kaputt war. Und die Alliierten waren froh, wenn kein Hakenkreuz mehr darauf prangte.

Das rot-schwarze Kleidchen, genäht aus einer Hakenkreuzflagge, hängt heute in der Ausstellung "Who was a Nazi?" im Alliiertenmuseum in Berlin. Zusammen mit einem entnazifizierten Suppenlöffel, aus dem das Hakenkreuz herausgekratzt wurde, und einer Gürtelschnalle, die nur oberflächlich davon befreit wurde, wie ein Spiegel von unten erkennbar macht, sowie 150 weiteren Objekten, Dokumenten, Fotos und Filmen, erzählen sie von der Entnazifierung der Deutschen - und davon, was davon übrig blieb.

Die Nürnberger Prozesse sind bekannt. Welche Strafen die offensichtlichsten Nazi-Verbrecher damals erhielten, davon zeugt hier das Titelblatt einer Sonderausgabe der Süddeutschen Zeitung an der Wand. Doch in dieser Ausstellung soll es einmal nicht um die bekannten Namen gehen, sondern um die unbekannten. Das ist neu.

Es geht um die "ganz normalen" Nazis

Es geht um die Mitläufer, die kleinen Leute, das gesamte Volk. 8,5 Millionen Deutsche waren Mitglied der NSDAP und hatten Hitlers Vernichtungsfeldzug unterstützt, ob gezwungenermaßen oder unbewusst, aktiv oder passiv: Sie waren dabei. Zwölf Jahre lang hatte das deutsche Volk dem Nazi-Regime die Treue gehalten. Und sie alle sollten nun entnazifiziert werden durch die alliierten Siegermächte. Ein riesiger Umerziehungsapparat setzte sich in Gang, den diese Ausstellung als kaum zu bewältigenden auch bürokratischen Akt illustriert. Der dann auch noch in den Anfängen des Kalten Krieges erfror.

"Über die Entnazifizierung ist schon wahnsinnig viel gesagt worden - aber wir sind die einzigen, die alle fünf Bereiche zeigen", erklärt Kurator Bernd von Kostka. Und meint damit die vier Besatzungszonen und das aufgeteilte Berlin. Außerdem seien die neuesten Erkenntnisse der Forschung mit einbezogen worden. Erst in diesem Jahr hatte der vom Bundesjustizminister beauftragte Potsdamer Geschichtsprofessor Manfred Görtemaker Teile seiner Nachforschungen zu nationalsozialistischen Verstrickungen der Justiz in der Nachkriegszeit offengelegt.

"Es gibt nach 1949 keinen einzigen deutschen Richter, der für das, was er während des Dritten Reiches getan hat, verurteilt worden ist. Nicht einen einzigen - als ob keiner sich in der NS-Zeit etwas habe zuschulden kommen lassen", sagte Görtemaker denn auch zur Eröffnung der Berliner Ausstellung.

Aliiertenmuseum

Von oben wurde die Gürtelschnalle "entnazifiziert", von unten nicht (in der Ausstellung zeigt das ein Spiegel). Sinnbildlich für das gesamte deutsche Volk? Diese Frage stellt die Ausstellung "Who was a Nazi?" im Alliiertenmuseum Berlin noch bis zum 29. Mai 2016.

(Foto: Alliiertenmuseum Berlin/Chodan)

Persilschein für den Nachbarn

Alliiertenmuseum

Wahlkampfplakat der hessischen FPD zur Bundestagswahl 1949

(Foto: Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Archiv des deutschen Liberalismus)

Wie groß das Ausmaß der nötigen Entnazifizierung nach dem Krieg war, und vor allem wie sehr sich große Teile der Bevölkerung dagegen wehrten, davon zeugt die Ausstellung anschaulich. Allein die Wahlplakate der Parteien: Während SPD und CDU ihre Wähler dazu aufriefen, beim "Ausmisten" zu helfen, verkündete die FDP noch 1949 auf einem Wahlplakat, es müsse ein "Schlußstrich" unter die Entnazifizierung gesetzt werden. Sie propagierte: "Schluss mit Entrechtung, Schluss mit Entmündigung". Wobei auffällt, dass Schluss damals mit "ß" geschrieben wurde, die FDP es sich aber nicht nehmen ließ, das "ss" weiter zu verwenden - und zwar in auffällig Nazi-ähnlicher Schreibweise. Wen die Partei damit erreichen wollte, ist offensichtlich.

Sehr offensichtlich sind auch die Leumundszeugnisse, die unverdächtige Bürger ehemaligen Nationalsozialisten ausstellten. Einige sind hier zu sehen. Da schreibt ein Lehrer davon, dass er "auf besonderen Wunsch" seinem Nachbarn bestätigen könne, während des Nazi-Regimes immer Christ gewesen zu sein, und als Angehöriger dieser Glaubensrichtung könne man niemals ein Nazi gewesen sein. Ein Hohn, aus heutiger Sicht.

Doch die Deutschen brauchten diese erkauften "Persilscheine", um sich offiziell reinzuwaschen. Denn ohne Entnazifizierungsbeleg gab es keine neue Arbeitsstelle und damit keine Lebensgrundlage. Ein Fragebogen sollte dabei helfen, Mitgliedschaften in den zahlreichen Unterorganisationen der NSDAP offenzulegen, abgeglichen werden konnten die Angaben mit der in letzter Sekunde in Bayern vor der Vernichtung geretteten Mitgliederkartei. Einige der alten Aktenschränke sind hier zu begutachten. Und auch der Erfinder des berühmten Fragebogens, bisher unbekannt, wurde für die Ausstellung in alten US-Archiven ausfindig gemacht: Der italienischstämmige US-Major Aldo Raffa lächelt hier von einem Foto. "Der Fragebogen" heißt denn auch ein umstrittener Roman des ebenfalls umstrittenen Ernst von Salomon, der sich über die Bemühungen der Alliierten lustig macht. Das Buch war der erste Bestseller der BRD.

"Kein sonderliches Mitgefühl"

Dass die Alliierten ihre liebe Mühe hatten, mit diesen verblendeten Deutschen umzugehen, zeigen Dokumente des US-Militärs. "Selbst in Nazideutschland haben die Kühe vier Beine, das Gras ist Grün und um die Panzer scharen sich Kinder mit Zöpfen", beschrieb ein US-Offizier seine ersten Eindrücke in Deutschland als "schockierend". Der Propagandafilm "Your Job in Germany" von Hollywood-Regisseur Frank Capra sollte Soldaten davor warnen, sich mit den Deutschen zu verbrüdern. Und eine US-Korrespondentin des New Yorker schrieb: "Während sie sich in Klagen über Hunger, verlorene Wohnungen und andere Leiden ergehen, bringen die Deutschen für das Leid und die Verluste, die sie anderen zugefügt haben, kein sonderliches Interesse oder Mitgefühl auf."

Aus der Adolf-Hitler-Straße wurde schnell wieder die Bahnhofstraße.

(Foto: National Archives, Washington D.C.)

Deshalb sollte die Umerziehung auch durch Schock erfolgen: Bilder der ausgemergelten Toten aus den gerade befreiten Konzentrationslagern wurden an öffentliche Gebäude gehängt, damit niemand mehr sagen konnte, davon wisse er nichts. Doch die Plakate wurden als vermeintliche Propaganda der Siegermächte von der Bevölkerung wütend abgerissen. In der französischen Besatzungszone wurde es deshalb "bei Todesstrafe" verboten, die wiederaufgehängten Plakate zu entfernen. Die Deutschen sollten sehen, was sie angerichtet hatten.

Nach ein paar Jahren überließen die Alliierten das deutsche Volk mehr oder weniger sich selbst und gaben die Entnazifierung in deutsche Hände. Mit dem Ergebnis, dass die weitaus meisten die Entnazifizierung als "entlastet" durchliefen. "Die Entnazifizierung hatte große Schwächen und war trotzdem unentbehrlich", fasst ein Besucher das Gelernte am Ende der Ausstellung schriftlich zusammen. Ihre Stärke ist es, dass sie angesichts der aus heutiger Sicht unglaublichen Verhältnisse einen nüchternen Blick auf sowohl Alliierte als auch auf die Deutschen bewahrt.

Und ist nun die Entnazifizierung eher gelungen oder eher nicht? Der Kurator befindet: Im politischen Sektor schon - immerhin sei aus Deutschland eine funktionierende und belastbare Demokratie geworden. Was die Privatmenschen angeht, den "kleinen Mann", um den es hier geht: "Darüber ist noch längst nicht alles gesagt", so Museumsdirektorin Gundula Bavendamm.

© SZ.de/rus/pamu

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