Entführte Mädchen in Nigeria:Verschleppt, weil sie zur Schule gehen

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Mehr als 100 Mädchen werden im Norden Nigerias aus einer Schule entführt - offenbar von Mitgliedern der islamistischen Miliz Boko Haram. Es ist schon der zweite Anschlag binnen einer Woche. Trotzdem hält der Präsident das Problem für "temporär".

Von Michael König

  • Überfall in der Nacht: Unbekannte haben im Norden Nigerias mehr als 100 Mädchen aus einer Schule verschleppt.
  • Die mutmaßlichen Täter: Medienberichten zufolge steckt Boko Haram hinter den Taten, eine radikalislamische Miliz. Ihr Einfluss in Nigeria werde immer größer, warnen Experten. Sie wird auch für einen Bombenanschlag am Montag verantwortlich gemacht.
  • Die Reaktionen: Während die EU die Entführung "aufs Schärfste" verurteilt, spielt die nigerianische Regierung die Gewalt herunter.

Details der Entführung

Berichten zufolge fuhren die Angreifer in der Nacht zum Dienstag mit einem Lastwagen vor die weiterführende Schule im Ort Chibok im Bundesstaat Borno im Norden Nigerias. Sie zwangen die Schülerinnen, die in einem Haus auf dem Schulgelände untergebracht waren, mit ihnen zu kommen. Nach Angaben der Polizei von Borno gelang es vielen Mädchen, rechtzeitig zu fliehen. Von 250 Schülerinnen seien 103 verschleppt worden. Der BBC zufolge zerstörten die Täter auch große Teile des Dorfs, indem sie umliegende Häuser in Brand steckten. Dabei soll es Tote gegeben haben.

Die mutmaßlichen Täter

Es gilt als wahrscheinlich, dass die Terrorgruppe Boko Haram für die Entführung verantwortlich ist. Sie lehnt jede Form der westlichen Bildung ab ("Boko Haram" kann übersetzt werden mit "Westliche Bildung ist Sünde") und kämpft für die Errichtung eines islamistischen Staates im Norden Nigerias. Boko Haram wird mit dem Terrornetzwerk al-Qaida in Verbindung gebracht. Die USA erklärten die Miliz 2013 offiziell zur Terrororganisation.

Am Montag soll Boko Haram einen Bombenanschlag auf den Busbahnhof in der Hauptstadt Abuja verübt haben, bei dem mindestens 71 Menschen getötet wurden. Auch in der Vorwoche gab es mehrere Anschläge. Insgesamt soll die 2002 gegründete Terrorgruppe für Tausende Tote verantwortlich sein.

Experten warnen vor dem wachsenden Einfluss der Miliz: "Boko Haram agiert zunehmend kriegerisch", schreibt der Thinktank World Policy Institute in New York. "Sie war bislang vor allem in nördlichen Regionen tätig. Jetzt greift sie auch bevölkerungsreichere Gegenden an." Der Norden Nigerias ist mehrheitlich von Muslimen bewohnt und gilt als Machtbasis von Boko Haram.

Was die Regierung dagegen tut

Nigerias Präsident Goodluck Jonathan verspricht seit langem einen Sieg über die Terroristen, deren Einfluss er für begrenzt hält: "Das Problem Boko Haram ist temporär", sagte er am Montag, nachdem die Entführung der Schülerinnen bekannt geworden war. "Die Regierung tut alles, was in ihrer Macht steht, um Fortschritte in unserem Land zu machen. Wir werden darüber hinwegkommen."

Goodluck Jonathan, Präsident von Nigeria, nach dem Terroranschlag in Abuja

Präsident Goodluck Jonathan (Mitte, mit schwarzem Hut) nach dem Bombenanschlag in Abuja

(Foto: AFP)

Kritiker werfen Jonathan vor, die Gefahr herunterzuspielen und im Kampf gegen den Terrorismus zu versagen. Der politischen Elite des Landes fehle der "Wille zu radikalen Reformen in der Regierung und der politischen Kultur", sagt der Direktor des Thinktanks International Crisis Group, Comfort Ero, der Nachrichtenagentur dpa. Nur deshalb sei der wachsende Einfluss von Boko Haram möglich.

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton zeigte sich "besorgt über die zunehmende Häufigkeit und Ausbreitung terroristischer Angriffe" in Nigeria. Die Entführung verurteilte sie "aufs Schärfste". Die EU stehe "an der Seite der Menschen und der Regierung von Nigeria im Kampf gegen Terrorismus und Gewalt und für Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte."

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Mit Material von dpa und AFP

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