Energie-Importe:Das Zauberwort mit D

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Energie-Importe: Frankreich gewinnt einen Großteil seines Stroms aus Kernenergie - im Bild das AKW Tricastin in Südfrankreich. Dennoch könnte es im Winter zu Engpässen kommen.

Frankreich gewinnt einen Großteil seines Stroms aus Kernenergie - im Bild das AKW Tricastin in Südfrankreich. Dennoch könnte es im Winter zu Engpässen kommen.

(Foto: Fred Dufour/AFP)

Deutschland ist nicht allein: Alle Nachbarländer versuchen, ihre Energiequellen jetzt schleunigst zu diversifizieren. Leicht wird das für keinen - aus ganz verschiedenen Gründen.

Von Karin Janker, Thomas Kirchner, Oliver Meiler, Alexander Mühlauer und Nadia Pantel

Deutschland ist nicht allein betroffen von den russischen Liefereinschränkungen. Sie treffen auch Nachbarländer. Wie reagieren die?

Italien bezieht bisher etwa 40 Prozent seines Gasbedarfs aus Russland, der Anteil wuchs unter Premierminister Silvio Berlusconi zu Beginn der Nullerjahre sprunghaft an. Gleichzeitig drosselte Italien seine eigene Förderung vor allem in der Nordadria stark, von rund 18 auf heute nur noch vier Prozent. Da das Land auch einen beträchtlichen Teil seines Stroms aus Gas generiert, ist die Abhängigkeit groß. Nun diversifiziert Rom die Einfuhrquellen in rasendem Tempo, ein neuer Deal mit Algerien wird die Balance mittelfristig justieren, und Russland verliert seine Zentralität. Eine Pipeline von Algerien über Tunesien nach Sizilien gibt es schon, sie war bisher nur zur Hälfte ausgelastet. Neue Abkommen schloss Italien nun aber auch mit Katar und Aserbaidschan. Ziel ist es, bis 2024 ganz auf russisches Gas verzichten zu können.

Seit Mitte vergangener Woche erhält Frankreich gar kein Gas mehr aus Russland. Da Russland seine Gaslieferungen über die Pipeline Nord Stream 1 drastisch reduziert hat, kommt kein russisches Gas mehr in Frankreich an. Laut dem französischen Gasnetzbetreiber GRT Gaz komme es dadurch aber nicht zu Versorgungsengpässen. Das ausbleibende russische Gas werde durch Gas ersetzt, das über eine Pipeline aus Spanien eingeführt wird. Die Leitungen des deutsch-französischen Gasknotenpunktes seien ohnehin nur noch zu zehn Prozent ausgelastet gewesen. Frankreich setzt zudem verstärkt auf Flüssiggas und nicht länger auf Erdgas. In der ersten Jahreshälfte sei die Einfuhr von Flüssiggas um 66 Prozent gesteigert worden. In der Hafenstadt Marseille werden gerade die Speicherkapazitäten für Flüssiggas ausgebaut. Theoretisch ist Frankreich auch durch seinen sehr hohen Anteil von Kernenergie weniger abhängig von Russland. Allerdings steht die französische Atomindustrie vor massiven Problemen. 29 von 56 Atomreaktoren stehen in Frankreich aktuell still. Zum einen, weil es durch die Covid-Pandemie und die Lockdowns zu Verzögerungen bei der Wartung kam. Zum anderem, weil überraschende Korrosionsprobleme zu Rissen in den Kühlrohren geführt haben. Es wird damit gerechnet, dass es wegen des maroden Atomparks im Winter zu Strom-Engpässen kommen wird.

Auch Spanien bekommt neuerdings zu spüren, wie problematisch seine Abhängigkeit von Gas-Importen ist - allerdings nicht von russischem, sondern von nordafrikanischem Gas. Von Russlands Lieferungen hat sich Madrid früh emanzipiert, gerade einmal acht Prozent seines Gasbedarfs stammten zuletzt von dort. Man setzte stattdessen auf Pipelines aus Algerien. Doch auch Algier versteht es, Gas als politisches Druckmittel einzusetzen: Seitdem Madrid sich im Konflikt um die Westsahara auf die Seite Marokkos geschlagen hat, muss es nun um die bislang zuverlässige Gasversorgung aus dem Süden fürchten. Dabei ist der spanische Gasmarkt verglichen mit dem deutschen stark diversifiziert: Spanien bezieht aus rund einem Dutzend Staaten Gaslieferungen, von den USA bis Australien. Doch dieses Gas ist vergleichsweise teuer. Es kommt in Tankern als Flüssiggas, auf minus 160 Grad gekühlt; wegen des hohen Energieaufwands beim Transport hat es eine noch schlechtere Umweltbilanz als Erdgas aus der Pipeline.

In Großbritannien gibt man sich vergleichsweise entspannt. "Im Gegensatz zu anderen Ländern in Europa ist das Vereinigte Königreich in keiner Weise von russischen Gaslieferungen abhängig", heißt es auf der Internetseite der britischen Regierung. Und weiter: "Die Importe aus Russland machten im Jahr 2021 weniger als vier Prozent der gesamten britischen Gasversorgung aus." Die größte Gasquelle Großbritanniens ist das Land selbst. Was Importe betrifft, so kommt der Hauptteil aus Norwegen, erst in der vergangenen Woche wurde ein neuer Vertrag unterschrieben, um die Versorgungssicherheit weiter zu gewährleisten. Trotz der vergleichsweise geringen Abhängigkeit von russischem Gas leiden auch die Briten unter den hohen Gaspreisen, die auf den internationalen Märkten festgelegt werden. Die Regierung will deshalb geschlossene Gasspeicher wieder öffnen und den Ausbau erneuerbarer Energien vorantreiben, vor allem mit neuen Windparks in der Nordsee. Außerdem soll bis 2030 der Bau von acht neuen Atomkraftwerken genehmigt werden, was auch dabei helfen soll, die Klimaziele zu erreichen.

Auch die Niederlande haben es besser, sie beziehen nur 15 Prozent ihres Gasbedarfs aus Russland. Aber weil sie erstmals im Mai und nun erneut von Lieferkürzungen betroffen sind, reagieren sie wie Deutschland. Das Land befinde sich in Phase eins einer "Gaskrise", sagte Energieminister Rob Jetten am Montag. Es gebe zwar noch keinen Engpass, doch nun müsse dringend gespart werden, auch um die ziemlich leeren Gasspeicher zu füllen. Dafür werden die drei Kohlekraftwerke wieder auf Volllast geschaltet. Das gefährdet nicht nur das Klimaziel und das Image des grünen Ministers. Es macht auch die mühsam im Herbst ausgehandelte Einigung mit der Energiebranche hinfällig, die Werke nur auf 35 Prozent fahren zu lassen. Vielleicht greift man auch zum "allerletzten Mittel": die Förderung aus dem eigenen Feld in Groningen zu verlängern oder gar vorübergehend zu erhöhen. Wegen vieler Erdbeben soll die Produktion eigentlich auslaufen.

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