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Ein Bild und seine Geschichte:Als in Prag im Januar der Frühling begann

Panzer in Prag 1968

1968 protestieren Bürger in Prag gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen - neun Monate zuvor, am 5. Januar, begann mit Alexander Dubček alles.

(Foto: Libor Hayskr/AP)

Anfang 1968 versucht sich Alexander Dubček in der Tschechoslowakei am "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". So beginnt der Prager Frühling, den sowjetische Panzer platt walzen sollten.

Ein Bild und seine Geschichte

SZ.de zeigt in loser Folge jeweils ein besonderes Foto oder eine besondere Abbildung. Hinter manchen Aufnahmen und Bildern steckt eine konkrete Geschichte, andere stehen exemplarisch für historische Begebenheiten und Zeitumstände. Übersicht der bisher erschienenen Texte

Es ist spät am Abend des 20. August 1968, als die Invasion beginnt. Mehr als eine halbe Million sowjetischer Soldaten überschreitet die Grenze zur Tschechoslowakei. Sie nehmen die wichtigsten strategischen Punkte des Landes ein, sperren Straßen, besetzen Redaktionen. Die "Operation Donau" ist die größte militärische Aktion in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Sie soll den Prager Frühling, die liberale Reformbewegung in der Tschechoslowakei, beenden - der Kreml fürchtet eine Konterrevolution.

Panzer rollen über die Straßen von Prag, zunächst ordentlich aufgereiht wie an einer Perlenkette. Doch schnell sind die Fahrzeuge umringt von Menschen. Hunderttausende drängen noch in der Nacht auf die Straßen. Besonders Verwegene klettern auf die Panzer und schwenken blau-weiß-rote Fahnen, die Farben der Tschechoslowakei. Sie wollen ihre neuen Freiheiten verteidigen und den Spalt im Eisernen Vorhang, der sich in den vergangenen Monaten aufgetan hat, offen halten. Am Ende der Invasion sind mehr als 100 Menschen tot. Und Alexander Dubček, mit dem vor knapp neun Monaten alles begonnen hat, befindet sich in Moskau unter Arrest.

Die Panzer in Prag, die Menschen auf der Straße: Damit verbinden heute viele den Prager Frühling. Dabei war dieser Tag das blutige Ende eines Prozesses. Der Prager Frühling begann schon im Winter.

Umfangreiche Freiheiten für die Bürger

Am 5. Januar 1968 übernahm Dubček den Posten des Ersten Sekretärs der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPC). Er, der slowakische KP-Chef, löste Antonin Novotny an der Spitze der KPC ab. Dubček war Idealist. Er hielt den Sozialismus zwar für die beste Gesellschaftsform, allerdings nicht so wie ihn der Kreml praktizierte. Ihm schwebte ein "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" vor. Sein Plan: eine fundamentale innenpolitische Wende. Heute gilt der Machtwechsel von Novotny zu Dubček als Beginn des Prager Frühlings.

Der Neue brauchte nicht lange, um der Politik eine neue Richtung zu geben. Erst einen Monat im Amt lockerte Dubček die Pressezensur. Eine Vielzahl von Meinungen erhielt plötzlich eine Plattform. Auch Kommentare aus der ausländischen Presse wurden gedruckt. In der Gesellschaft, die zuvor schon eher kritisch dachte, entstand ein lebendiger Diskurs. Und Dubček strebte weitere Reformen an.

Am 5. April verabschiedete die KPC ein "Aktionsprogramm", das die Regierung binnen zwei Jahren umsetzen sollte. Die KPC verzichtete - ein Novum - auf ihr Machtmonopol. Sie räumte Bürgern umfangreiche Freiheiten ein. Unter anderem das Recht, sich zu versammeln und frei zu reden. Es bildeten sich Vereine, sogar die Gründung einer sozialdemokratischen Partei wurde debattiert.

Das Programm sah auch liberale Wirtschaftsreformen vor: Kleinere und mittelgroße Betriebe sollten sich von staatlichen Vorgaben lösen können. Euphorie erfasste das Land. Die Menschen, besonders die jungen, bejubelten den Reformer Dubček. Doch die Strategen im Kreml jubelten nicht.

Sie hatten den Machtwechsel im Januar zunächst befürwortet. Parteichef Leonid Breschnew konnte gut mit Dubček, nannte ihn freundschaftlich "Sascha". Doch schon am 15. März legten Außenminister Andrej Gromyko und KGB-Chef Juri Andropow dem Politbüro einen unheilvollen Bericht vor. Es drohe die Spaltung des Warschauer Paktes, so die düstere Prognose.

Im Frühjahr 1968 sympathisierten nicht nur viele Tschechoslowaken mit Dubčeks Ideen, sondern auch Kommunisten in Belgrad und Bukarest. Andernorts gab es heftige Kritik, vor allem in Polen, Bulgarien, Ungarn und der DDR. Der Sowjetunion drohte eine Zerreißprobe zwischen Reformern und Konservativen.

"Abrechnung mit 20 Jahren der KP-Herrschaft"

Relativ früh wurde deshalb auch über eine militärische Lösung nachgedacht. Bei einer Konferenz in Dresden am 23. März forderte Breschnew Dubček auf, das Machtmonopol der KPC wiederherzustellen. Er drohte: "Wenn das aber nicht möglich ist oder Sie das als falsch betrachten, dann können wir gegenüber der Entwicklung in der Tschechoslowakei trotzdem nicht teilnahmslos bleiben."

Doch Dubček hielt an seinen Reformplänen fest. Spannung baute sich auf. Umso mehr, als der Schriftsteller Ludvík Vaculík am 27. Juni das "Manifest der 2000 Worte" veröffentlichte. 68 Intellektuelle hatten es unterschrieben. Sie forderten weitreichende politische und gesellschaftliche Reformen. Weitere Schritte in Richtung Demokratie, argumentierten die Intellektuellen, seien nur ohne die KP möglich.

Stefan Karner, Gründer und Leiter des Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung, beurteilte 2008 das Manifest in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte als eine "Abrechnung mit 20 Jahren der KP-Herrschaft".

In der Bevölkerung wurde das Manifest begeistert aufgenommen. Dubček distanzierte sich zwar - er wollte den Sozialismus reformieren, nicht abschaffen. Doch viele betrachteten das Manifest als Aufruf zur Konterrevolution. Im Zentralkomitee wurden Stimmen lauter, die deshalb eine Invasion forderten. Ein Vorwand, vermutete Vaculík rückblickend: "Die wären sowieso gekommen", sagte er 2008 der SZ.

Breschnew bemühte sich lange um eine politische Lösung des Konflikts. Dubček war ja "sein Mann" (Karner) in Prag, er ließ ihn nur ungern fallen. Er tat es am 13. August schließlich doch. Vier Tage später beschloss das Politbüro, zum frühestmöglichen Zeitpunkt einzumarschieren.

Am 21. August rollen die Panzer durch Prag. Dubček und hochrangige Regierungsmitglieder werden festgenommen und nach Moskau gebracht. Der Generalsekretär behält zwar vorerst sein Amt, muss aber die Reformen des Prager Frühlings zurücknehmen. Der Spalt im Eisernen Vorhang wird die folgenden zwei Jahrzehnte geschlossen bleiben.

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