Terror Rizin aus der Kaffeemühle

Am ersten Prozesstag im Oberlandesgericht: Sief Allah H., 30 Jahre alt, tunesischer Staatsbürger.

(Foto: dpa)

In Düsseldorf beginnt der Prozess gegen ein Ehepaar, das einen Anschlag mit einer Bio-Bombe geplant haben soll. Dabei hätten bis zu hundert Menschen sterben können.

Von Christian Wernicke, Düsseldorf

Wenn alles so wäre, wie es zu sein scheint an diesem Freitagmorgen gegen halb elf, dann trennen die Eheleute längst Welten. Links im Gerichtssaal, hinter der Trennscheibe im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichts Düsseldorf, hockt Sief Allah H., der mutmaßliche "Rizin-Bomber von Köln". Den Tunesier mit dem Kinnbart und dem kahlen Schädel plagt ein Schwächeanfall: Eine Justizbeamtin fächelt ihm Luft zu, ihr Kollege bringt Wasser.

Viele im Saal drehen sich um, starren zu dem Mann. Yasmin H. hingegen, die deutsche Ehefrau, kümmert das nicht. Die blonde Frau in der roten Bluse sitzt vorn in der zweiten Reihe bei ihren Anwälten, blass und ungerührt starrt sie ins Leere. Als ginge sie all das, was hier verhandelt wird, nichts an: der Bau einer Bio-Waffe, die Vorbereitung einer "schweren staatsgefährdenden Gewalttat", bei der nach einem Gutachten bis zu 100 Menschen hätten sterben können.

Der Schein trügt. Mann und Frau sitzen nur deshalb getrennt, weil nur er angeklagt ist, neben dem Bau eines Sprengsatzes auch den Anschluss an den IS in Syrien versucht zu haben. Das sei "der rein formale Grund" für die Platzierung, sagt ein Gerichtssprecher. Ansonsten sieht die Anklage die beiden als trautes Täter-Paar: Sief Allah H. und Yasmin H. hätten "gemeinschaftlich und tateinheitlich" an einer Bio-Bombe gebastelt.

Ein knappes Jahr ist es her, dass die Bilder aus Köln-Chorweiler um die Welt gingen: Bewaffnete Polizisten und Giftstoff-Experten in blauen Schutzanzügen durchsuchten zwei Hochhauswohnungen, in denen der heute 30-jährige Tunesier Sief Allah H. und seine 13 Jahre ältere deutsche Ehefrau Yasmin H. mit ihren Kindern gelebt hatten. Er, der frühere Hilfsarbeiter und Möchtegern-Kämpfer des IS, und sie, die seit acht Jahren arbeitslose Arzthelferin und konvertierte Salafistin. Über einen Islamisten-Chat im Internet hatten sich beide 2014 kennengelernt. Sie flog zur Trauung nach Nordafrika, 2016 zog er nach Köln. Das Paar zeugte zwei Kinder. Auch deshalb glaubt Serkan Alkan, der Verteidiger von Sief Allah H., bis heute: "Mein Mandant hat seine Frau geliebt."

So viele Indizien: Flugtickets, Fingerabdrücke, Abbuchungen von der Kreditkarte

Oberstaatsanwältin Verena Bauer hingegen zeichnet das Bild einer Beziehung, die weniger auf Liebe als auf gemeinsamem Hass gegen Nicht-Muslime baute. Beide hätten sich mit dem IS identifiziert, "beide wollten sich dem Dschihad anschließen," liest die Vertreterin der Bundesanwaltschaft aus ihrer Anklageschrift vor. Im Herbst 2017 hätten beide beschlossen, nach präzisen Plänen IS-naher Bauanleitungen einen Sprengsatz zu bauen und so "möglichst viele Ungläubige zu töten". Auch das Gift habe man unisono gewählt. Bauer sagt: "Beide Angeklagten entschieden sich für Rizin."

Seda Başay-Yıldız, die Anwältin von Yasmin H., bekräftigt auch nach Verlesung der Anklage am Freitag, ihre Prozess-Strategie ziele "auf einen Freispruch" ab. Nur, dazu wird die Verteidigerin eine Menge Indizien und Beweise entkräften müssen.

Denn vieles ist dokumentiert. Die Tickets für die zwei Flüge ihres Mannes nach Istanbul im August und September 2017 buchte sie per Mail, bezahlte sie per Kreditkarte. Sief Allah H. wollte sich zum IS nach Syrien durchschlagen, scheiterte jedoch. Danach, so die Anklage, reifte der Entschluss, den Heiligen Krieg nach Köln zu tragen. Nach demselben Muster: Die Mutter von insgesamt sieben Kindern von drei Vätern blieb daheim, zahlte per Karte, bestellte Rizinus-Samen online, buchte zwei Reisen nach Polen. Dort kaufte ihr Mann Böller, um daraus mehr als ein Kilo Sprengpulver zu gewinnen. Zumindest auf einer der zwei elektrischen Kaffeemühlen, mit denen im Frühjahr 2018 ein Teil der mehr als 3000 braunen Rizinusbohnen zerkleinert wurden, fanden die Ermittler die Fingerabdrücke von Yasmin H. Am 12. Juni 2018 stellten sie 84,3 Milligramm hochgiftiges Rizin sicher.

Da hatte Sief Allah H. offenbar schon erste Probesprengungen gewagt. Wie und wann genau, weiß die Bundesanwaltschaft offenbar nicht. Aber Staatsanwältin Bauer beschreibt recht präzise, dass der Angeklagte am 24. Mai 2018 einen Zwerghamster gekauft und dem Tier danach Rizin aufs Fell gestrichen habe. Das Tier überlebte, mutmaßlich zur Enttäuschung von H.

Wo und wann genau die "Rizin-Bombe" hätte gezündet werden sollen, ist unklar. Die IS-Vertrauten rieten per Chat zu einem geschlossenen Raum, etwa einem Bus, einem Restaurant. "Es gab keinen konkreten Anschlagsplan", macht Serfan Alkan, sein Anwalt, geltend. Im Falle eines Anschlags wären womöglich etliche Menschen nicht an Rizin, dem Zellengift, gestorben, sondern an der Wucht von 250 kleinen Metallkugeln, die die Ehefrau gekauft und per Kreditkarte, exakt 14,63 Euro, bezahlt haben soll. Sie hätten wohl wie tödliche Schüsse gewirkt.

Entdeckt wurde das Paar, weil ein US-Geheimdienst die deutschen Kollegen auf dessen verdächtige Einkäufe im Netz hinwies. Beiden drohen jeweils bis zu 15 Jahre Haft.

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