Donald Trump Der US-Präsident kann sich auch zusammenreißen

Donald Trump nach seiner ersten Rede zur Lage der Nation.

(Foto: REUTERS)

Trump zeigt, dass er ohne Beleidigungen und Lügen auskommen kann. Allerdings lobt er sich etwas zu ausführlich.

Kommentar von Hubert Wetzel, Washington

Donald Trump ist kein Dummkopf. Natürlich wusste der Präsident, als er am Dienstagabend das Kapitol in Washington betrat, dass die Rede, die er gleich halten würde, von ganz anderem Kaliber ist als seine morgendlichen Wut-Tweets. Und Trump mag ein ignoranter Rüpel sein, aber er hat sein Geld auch lange genug im Fernsehen verdient, um zu wissen, was eine gute Show ist. Er weiß sehr genau, wer sein Publikum ist, und er weiß, was es hören und sehen will. Und er kann genau das liefern.

Trump steht bei solchen wichtigen öffentlichen Auftritten immer unter dem Druck, beweisen zu müssen, dass er tatsächlich der Präsident ist und kein unzurechnungsfähiger Quartalsirrer, der irgendwie ins Weiße Haus gelangt ist. Das ist einerseits nicht schmeichelhaft, andererseits ist die Hürde, die er überwinden muss, relativ niedrig.

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Trump lobt sich etwas zu ausführlich

Am Dienstag, bei seiner ersten "Rede zur Lage der Nation", hat Trump sie leicht überwunden. Knapp eineinhalb Stunden sprach der Präsident vor den versammelten Abgeordneten und Senatoren, Verfassungsrichtern, Generalstäblern und Diplomaten, und er schaffte es, in dieser Zeit niemanden zu beleidigen, keine allzu absurden Lügen zu erzählen, keine allzu empörenden Vorhaben anzukündigen und sogar ein paar nette Worte in Richtung der Demokraten loszuwerden.

Er lobte sich und sein erstes Regierungsjahr ausführlich, vielleicht etwas zu ausführlich, und er versprach allerlei Wohltaten, die noch folgen werden. Aber dazu ist die Rede schließlich da. Die republikanischen Parlamentarier waren begeistert - und wohl auch sehr erleichtert, dass ihr Präsident sich nicht blamierte -, sie können im derzeitigen Kongresswahlkampf einen Präsidenten sehr gut gebrauchen, der zur besten Sendezeit ausführlich erzählt, wie gut es der amerikanischen Wirtschaft geht. Die Demokraten saßen verbiestert da, aber selbst sie klatschten ab und an. Für Trump war es im Großen und Ganzen also eine solide Leistung.

Was bedeutet das für die Zukunft, für Trumps nun beginnendes zweites Amtsjahr? Die wahrscheinlichste Antwort: gar nichts. Denn das ist die Kehrseite von Trumps Show-Talent: Er kann heute eine vernünftige Rede halten, wenn die Umstände es erfordern. Morgen oder kommende Woche aber muss wieder ein anderes Publikum bedient werden, und sei es nur das eigene Ego. Dann wird wieder geschimpft und gelogen, und all das schöne Gesäusel von Überparteilichkeit und Zusammenarbeit vom Dienstag wird davon übertönt.

Jetzt hören - Autor Hubert Wetzel im SZ-Podcast über Donald Trump: