Flüchtlingsfrage:Der beliebteste Besserwisser der Welt

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Zugleich handelt es sich bei Deutschland ganz offensichtlich um den beliebtesten Besserwisser der Welt. Wohin wollen denn, trotz all der Heidenaus, all der Freitals, die meisten Flüchtlinge, die den Mördern daheim entkommen sind? Nach Italien, nach Polen, nach Russland gar? Im Grunde ist die Massenflucht übers Meer, den Balkan und die Alpen ein ungeheures Kompliment. In Mazedonien sagte dieser Tage ein Flüchtling einem Reporter, oberste Regel sei, sich in keinem Land auf der Route die Fingerabdrücke nehmen zu lassen, "erst in Deutschland".

Bei internationalen Konferenzen gibt es immer wieder Angst vor Deutschland und seiner ökonomischen Stärke. Im Alltag sind es diese Stärke und das darauf beruhende innere Gleichgewicht seiner Bewohner, weshalb so viele Verzweifelte in diesem Land ihre Arche vermuten. Im Umgang mit den Ankommenden zeigen die meisten Deutschen jene Empathie, die sie in jeder Wirtshausdebatte über Griechenland zumindest gut verbergen. Die Frage ist, wie lange das hält. Innenminister Thomas de Maizière konstatiert nicht nur eine "gewaltige Welle von Hilfsbereitschaft", sondern unter dem Eindruck von Heidenau eben auch einen "Anstieg von Hass, Beleidigungen und Gewalt".

Es ist ja eins schlimmer als das andere: der Mob, der meint, ein Mehrheitsempfinden zu verkörpern und gegen die Flüchtlinge demonstriert - und der Mob, der anonym Unterkünfte anzündet. Schon mal vom Dorf Niederstedem gehört? Eben. Als in Vorra, Bayern, und in Tröglitz, Sachsen-Anhalt, leer stehende Heime niedergebrannt wurden, erschrak noch das ganze Land. Das Haus in Niederstedem in der Eifel hingegen war bewohnt, als Unbekannte vor zehn Tagen dort Feuer legten; die Flüchtlinge waren nur gerade nicht daheim. Das Land nahm jedoch kaum Notiz. Aus einer gewissen Gewöhnung heraus? Weil man sich kaum jedes Mal von Neuem entsetzen kann?

Dies wäre nicht nur das Ärgste, was die Deutschen sich, ihrem Land und dessen Ruf antun könnten (um den sie sonst stets besorgt sind). Sie würden dem Mob einen Triumph bescheren.

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