bedeckt München 11°

Deutsche Einheit:Das Leben der jeweils anderen

Fall der Mauer_Wiedervereinigung

Vor 30 Jahren, knapp elf Monate nach dem Mauerfall, wurde Deutschland wieder eins - jedenfalls staatsrechtlich.

(Foto: Regina Schmeken)

Eine Regierungskommission sollte die Feiern zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung vorbereiten. Dann kam Corona. Statt eines Fests gibt es nun 50 Ideen, wie sich das emotionale Zusammenwachsen von Ost und West befördern ließe.

Von Cerstin Gammelin, Berlin

Es gibt ja Menschen, denen die Lust an der Debatte um die Ostdeutschen und die Westdeutschen vergangen ist. Immer dasselbe, was überhaupt der Unterschied sein soll? Selbstverständlich hat Matthias Platzeck ein Beispiel parat. "Nehmen Sie mal den Film 'Das Leben der anderen'", sagt der frühere sozialdemokratische Ministerpräsident Brandenburgs am Montag in Berlin, "als der rauskam, dachten viele Westdeutsche, jetzt wüssten sie alles über den Osten. Aber nun kam endlich der Film 'Gundermann', bei dem vielen im Osten die Tränen kamen, endlich ein Film, der uns verstanden hat." Und genau das sei eben der Unterschied, sagt Platzeck. "'Das Leben der anderen' war ein guter Film, aus westdeutscher Sicht. 'Gundermann' war auch ein guter Film, aus ostdeutscher Sicht".

Über den Osten und den Westen und das gegenseitige (Nicht)-Interesse und Zusammenwachsen gibt es jedenfalls noch eine Menge zu erzählen, das machten Platzeck und drei seiner Kollegen aus der Regierungskommission "30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit" am Montag klar, als das Gremium seinen Abschlussbericht vorlegte.

Das Gremium gibt Empfehlungen für die "zweite Halbzeit" der Wiedervereinigungsperiode

Ursprünglich hatte die gesellschaftlich bunt und erstmals mit einer ostdeutschen Mehrheit besetzte Kommission die Feiern zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit vorbereiten sollen und Handlungsempfehlungen für die, wie Platzeck sagte, "zweite Halbzeit" der Wiedervereinigungsperiode. Wegen des Virus aber hatte die Kommission von März an alle geplanten Veranstaltungen in den Papierkorb befördern müssen - und umso mehr Energie in insgesamt 50 Handlungsempfehlungen gesteckt: "Wir haben über vieles diskutiert, aber nicht über Ortsumfahrungen, die noch fehlen, sondern über Emotionen."

Nun stehen und fallen ja Kommissionen mit dem Engagement derer, die sie leiten. Und könnte man die Leidenschaft, mit der Platzeck die Arbeit vorangetrieben hat, auf die Arbeiten zur deutschen Einheit übertragen, würde es wohl schneller gehen als der Soziologe Ralf Dahrendorf prognostiziert hat: Sechs Monate dauert es, die Institutionen aufzubauen, sechs Jahre, um die soziale Marktwirtschaft einzuführen und sechzig für das mentale Ankommen.

Es ist deutlich zu spüren, dass in dem Gremium niemand jammern will, der Blick ist nach vorne gerichtet, positiv und vereinend - ohne jedoch zu vergessen, was die Menschen im Osten hinter sich gebracht und sich erarbeitet haben, "eine eminent hohe Umbruchkompetenz", wie Platzeck sagt. Erstmals sei im Osten auch ein bisschen Stolz zu spüren und, ganz wichtig, es zögen mehr Menschen zu als weg, erstmals seit dem Mauerfall.

Vorgeschlagen wird ein Nationaler Gedenktag an einem historisch belasteten Datum

Die Handlungsempfehlungen sind allesamt darauf ausgerichtet, den Osten sichtbarer und das historische Glück der deutschen Einheit in Europa irgendwie erlebbarer zu machen. Eine Idee ist, den 9. November zum Nationalen Gedenktag zu machen, "wohl wissend, dass es ein großes, teilweise schwer belastetes Datum ist", wie Marco Wanderwitz (CDU) sagt, der Ostbeauftragte der Bundesregierung.

Eine andere Idee, in die Platzeck viel Herzblut gesteckt hat, ist die einer Begegnungsstätte "Europäische Transformation und Deutsche Einheit", am besten ein architektonisch futuristisches Bauwerk irgendwo im Osten, das Besucher anzieht und in dem geforscht wird, wie gesellschaftliche Transformationen ablaufen und bewältigt werden. Wenn man heute etwas über Corona wissen wolle, schaue die ganze Welt auf die Medizinstatistiker der Johns-Hopkins-Universität im amerikanischen Baltimore, sagt Platzeck: "So stelle ich es mir vor, dass, wenn in ein paar Jahren mal jemand auf dieser Welt was zu Transformation wissen will und deren Bewältigung, dass er in diesem Zentrum im Osten nachfragt, das soll förmlich ein Knotenpunkt für den Erkenntnisgewinn in dieser wichtigen gesellschaftlichen Entwicklung sein."

Platzeck hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) letzte Woche eingeweiht, es habe eine lebhafte Debatte im Kanzleramt gegeben, sagt er: "Im ersten Halbjahr 2021 könnten wir Nägel mit Köpfen machen."

Matthias Platzeck lobt und mahnt den öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Aber dann ist da ja noch Sachsen-Anhalt und der Krach um 86 Cent mehr Gebühren für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Haben diejenigen recht, die keine Gebührenerhöhung wollen, weil Ostdeutsche in den großen Medienhäusern kaum vorkommen? Er sei froh, dass es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gebe, sagt Platzeck: "Er leistet einen der wichtigsten Beiträge zur Stabilisierung unserer Demokratie und zur Zukunftsfähigkeit unserer Demokratie", eine Gebührenanpassung sei keine Frage. Aber, so fügt er an, er sei der festen Überzeugung, dass ganz "genau hingeschaut" werden müsse, wie die Sender den Osten darstellten: "Ob das vorzugsweise vorkommt, wenn es rechtsradikale Vorfälle gibt, was richtig ist und wichtig ist, oder ob auch über den Alltag, über Erfolge und alles das, was den Osten auch ausmacht, adäquat berichtet wird." Da gebe es Defizite, "das sind so kleine Dinge, die sich im Bauch der Menschen verfestigt haben".

© SZ/jbb
Zur SZ-Startseite
Fall der Mauer_Wiedervereinigung

MeinungDeutsche Einheit
:Das Leben dazwischen muss aufgearbeitet werden

Retro-DDR oder Stasi-Verstrickung: Das Bild vom deutschen Osten ist immer rückwärtsgewandt. Höchste Zeit, die Transformationserfahrungen der Menschen zu nutzen.

Kommentar von Cerstin Gammelin

Lesen Sie mehr zum Thema