bedeckt München 11°

Deutsche Einheit:Das Leben dazwischen muss aufgearbeitet werden

Fall der Mauer_Wiedervereinigung

Feier zur Wiedervereinigung: Vor dem Reichstag wird die deutsche Fahne gehisst.

(Foto: Regina Schmeken)

Retro-DDR oder Stasi-Verstrickung: Das Bild vom deutschen Osten ist immer rückwärtsgewandt. Höchste Zeit, die Transformationserfahrungen der Menschen zu nutzen.

Kommentar von Cerstin Gammelin

Es ist ein bezeichnender Zufall, dass der Abschlussbericht der Regierungskommission "30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit" mit der Regierungskrise in Sachsen-Anhalt zusammenfällt. In beiden Fällen geht es um das gleiche Thema: die mangelnde Sichtbarkeit des deutschen Ostens.

Was immer man von den Klagen der Magdeburger CDU über den öffentlichen-rechtlichen Rundfunk hält - es bleibt das grundsätzliche Problem, dass 30 Jahre nach der Einheit die gesamtdeutsche Debatte über die neuen Bundesländer im Wesentlichen nur zwei Dimensionen kennt. Da ist zum einen die Retro-DDR, die man auch in einschlägigen Museen besichtigen kann. Und zum anderen die Opfer-Täter-Perspektive, die in der zur Gedenkstätte umfunktionierten einstigen Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße ihr Symbol gefunden hat.

Es ist ein großes Versäumnis im Zusammenwachsen der beiden Staaten, dass sich bis heute niemand ernsthaft darangemacht hat, das Wichtigste aufzuarbeiten: das Leben dazwischen. Und das ist der ganz normale Alltag der Millionen Menschen, die vor und nach der Wiedervereinigung aufgestanden sind, in den Spiegel geschaut und sich darangemacht haben, ein ordentliches Leben zu führen.

Die Botschaft muss sein: Seht her, was wir geschafft haben - das schaffen wir wieder

Bis heute existiert keine Erzählung, die den Transformationsprozess im Osten auch nur annähernd in seiner Komplexität darstellt - und damit nichts, was eine positive Strahlkraft entwickeln könnte für das ganze Land: Seht her, was wir geschafft haben, und das schaffen wir wieder, beispielsweise jetzt in der Corona-Pandemie.

Die Forderung der Kommission, diesen Mangel zügig zu beheben, ist so überfällig wie sinnvoll, schließlich haben die Bürger im Osten nach 1990 im Schnelldurchlauf jene Transformationen durchgemacht, die die Westdeutschen viel früher bewältigten, jene von einer Diktatur in eine Demokratie. Diese Umbrüche erlebbar zu machen, ist eine schwierige Aufgabe, entsprechend lange hat die Kommission um einen angemessenen Vorschlag gerungen. Die gute Nachricht ist, dass er gelungen ist. Sie schlägt vor, eine architektonisch anspruchsvolle Begegnungsstätte zu errichten, die Einheimische wie Touristen anzieht. Dass so etwas funktionieren kann, sieht man in Danzig, wo sich das Europäische Solidarność-Zentrum zu einem Besuchermagnet entwickelt hat. Oder am Holocaust-Mahnmal im Herzen von Berlin.

Sicher, der Vorschlag fällt in eine schwierige Zeit, die Pandemie. Gut, dass die Kommission ihn trotzdem gemacht hat, und gut, dass die Kanzlerin kein Veto eingelegt hat. Von der Unterstützung der in Ostdeutschland aufgewachsenen Angela Merkel wird es abhängen, ob die Koalition sich durchringen kann, ein "Zentrum für europäische Transformation und deutsche Einheit" zu planen. Es wäre die richtige Entscheidung.

Man sollte freilich nicht so naiv sein zu glauben, dass ein architektonisches Meisterwerk reicht, um den Osten sichtbar zu machen. Noch immer rekrutieren sich die Eliten vor allem aus Bürgern im Westen. Zwei Prozent der 180 höchsten Positionen in der Justiz sind ostdeutsch besetzt, ähnlich sieht es aus in der Forschung, im Militär, in den Chefetagen der Medien. Solange das so ist, bleiben die Erfahrungen der Ostdeutschen mit gesellschaftlichen Umbrüchen ungenutzt. Was für eine Verschwendung!

© SZ/jok
Zur SZ-Startseite
Fall der Mauer_Wiedervereinigung

Deutsche Einheit
:Das Leben der jeweils anderen

Eine Regierungskommission sollte die Feiern zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung vorbereiten. Dann kam Corona. Statt eines Fests gibt es nun 50 Ideen, wie sich das emotionale Zusammenwachsen von Ost und West befördern ließe.

Von Cerstin Gammelin

Lesen Sie mehr zum Thema