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Deutsche Einheit I:Dreißig Jahre danach

Michael Kraske dokumentiert alltagsnah, was Ost- und Westdeutsche auch weiterhin trennt. Es geht um Tabus und die "heikelste aller deutschen Debatten".

Es ist ein dramatisches Gesellschaftsbild, das hier vermittelt wird. "Der Riss" beginnt mit dem "Beben im Osten". Autor Michael Kraske verfügt über eine biografisch begründete Sensibilität für die Lage im Osten Deutschlands. In Iserlohn aufgewachsen, packte er kurz nach der deutschen Einheit seine Koffer, fuhr nach Leipzig, studierte dort Politikwissenschaft, wurde Journalist und schreibt von dort seitdem Bücher, Artikel und produziert Fernseh- und Hörfunksendungen. Mit diesem geschulten Auge und profunden Recherchen beobachtet er nun die gesellschaftliche Verfasstheit im Osten.

Kraske beschreibt anschaulich viele Alltagssituationen, bei denen sich Wessis und Ossis fremd bleiben. Er spürt allmählich die Risse, die immer schmerzhafter werden, weil es um alles geht: "Die Demokratie und die Art, wie wir zusammenleben." Die Formen der Radikalisierung werden unübersehbar, Rassismus, Hass-Sprache, Gewalt, beschädigte Identitäten. Die Zeitungsartikel von Michael Kraske finden in der Regel ein stürmisches Echo im Pro und Contra, obwohl es nur Beschreibungen aktuell existierender gesellschaftlicher Sachverhalte sind. In vielen persönlichen Begegnungen werden immer wieder Formen des Diskussionsmarathons geschildert. Als Leser hält man die Luft an - aber dann kommt ein Satz, der ein wenig Entspannung zulässt: "Nein, Rechtsterrorismus, Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und Rassismus sind keine exklusiven Probleme des deutschen Ostens." Aber fehlende Alltagserfahrungen mit Ausländern und Migranten sind eine Hypothek der DDR. Dann wieder ein moderater Zwischenruf in die atemberaubende Realitätsbeschreibung: "Seit den Neunzigerjahren hat sich die Gesellschaft in Ostdeutschland grundlegend verändert, sie ist pluralistischer, moderner, liberaler, bunter und individueller geworden." Und dann das Contra: "Der Rechtsruck und das wiederholte Staatsversagen haben System."

Für die Leserbriefschreiberin Tanja ist Leipzig eine Stadt ohne Identität

Der Leser erfährt viele, viele Geschichten aus dem Alltag, von der Arbeitsstätte, vom Sportplatz, aus dem Feld der Sozialarbeit. Immer wieder werden biografische Einschnitte deutlich, der Bruch des Jahres 1989 taucht auf, unübersehbar. Und dann wird man mit einer Fülle von Straftaten vertraut gemacht, von NSU bis Pegida - und AfD. Viele prägende Symbolereignisse verbinden sich mit Ortsnamen: Chemnitz, Leipzig, Dresden, Cottbus oder auch mit ganzen Regionen wie Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt.

Neueröffneter Grenzübergang Ullitz an der innerdeutschen Grenze, 1989

Willkommen in der neuen (Traum-)Welt: 1989 fahren Ostdeutsche durch die neuen Maueröffnungen bei Plauen gen Westen.

(Foto: Catherina Hess/Süddeutsche Zeitung Photo)

Zwei dieser Alltagsgeschichten veranschaulichen das Thema: Kraske lernte eine zwanzigjährige Jurastudentin kennen, er nennt sie Tanja, die eine besondere Motivation verspürt, seinen Artikeln zu widersprechen. Für Kraske ist Leipzig damals eine liberale Oase, für Tanja eine Stadt ohne Identität, in der nichts an Sachsen erinnere. Aber immer sei man im Osten gezwungen, sich zu rechtfertigen. Aus dieser Kontroverse entwickelte sich ein wilder Schriftwechsel, ein hartes Ringen um Standpunkte, verbissene Klärungsversuche zu Heimat und Herkunft. Kraske warf Tanja sinnlichen Impressionismus vor, Poesie in Bunkermentalität - und das ausgerechnet bei einer angehenden Richterin oder Staatsanwältin. Und Kraske erkennt ein eigenes Scheitern, denn Tanja ließ sich durch nichts bekehren. Und dennoch wurde aus dem Siezen ein Duzen. Dann stellen beide fest: "Wir sind mitten in der heikelsten aller deutschen Debatten gelandet. Bei jenen Fragen, die angeblich mit Tabus belegt sind." Nichts führt beide an der Erkenntnis vorbei, dass ihre Vorstellungen von Demokratie weit auseinandergehen.

Eine ganz andere Art von Begegnung ist die mit dem Filmregisseur Andreas Dresen, dessen Film "Gundermann" er sich im kleinen Leipziger Passage Kino in der ersten Reihe sitzend anschaut. Der Zuschauer reflektiert hier tief greifend die Komplexität des Lebens, das Menschen nicht so einfach in schuldig oder unschuldig, als Genossen-Arbeit oder Stasi-Vergehen einteilen lässt. Da sind Menschen, die sich nach Liebe sehnen und doch in ihren Unsicherheiten gefangen bleiben, die aufbrechen wollen und sich doch langweilen. Das Gespräch zwischen Filmregisseur und Buchautor führt dann schmerzhaft zur Erkenntnis, wie massiv hier Klischees aufeinanderprallen. Beide erleben so im Zeitraffer den großen deutschen Riss.

Michael Kraske: Der Riss. Wie die Radikalisierung im Osten unser Zusammenleben zerstört. Ullstein Verlag, Berlin 2020. 352 Seiten, 19,99 Euro.

Das Buch ist als eine schonungslose Bilanz voller Kontraste zu verstehen. Und was ist die angemessene Antwort auf diese drastischen Befunde? Kraske meint: "Es gibt weder einfache noch schnelle Lösungen, mit denen sich die Radikalisierung im Osten kurzfristig zurückdrehen ließe, kein Kaninchen, das sich aus dem Hut zaubern lässt." Gefährlich wären Verharmlosungen und Beschwichtigungen. Es gelte standhaft gegenüber faulen Kompromissen mit Demokratieverächtern zu bleiben.

Da ist dem Autor zuzustimmen. Aber wenn das alles erfolgreich sein soll, dann muss die Politik mehr bieten, als in diesem Buch angesprochen wird. Das große Leistungsdefizit der Politik in Ost und West besteht in einem wichtigen politisch-kulturellen Gut: Orientierung. Den aufmerksamen Beobachter schmerzt das Erklärungs- und Deutungsdefizit der Politik. So erhält der Markt eine Hochkonjunktur für populistische Einfach-Slogans. Die Sehnsucht der Bürger nach strategischen Zukunftsperspektiven bleibt unbeantwortet - in Ost wie in West.

Werner Weidenfeld ist Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung der Universität München und Rektor der Alma Mater Europaea der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Salzburg).

© SZ vom 15.06.2020

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