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Deutsche Einheit:Deutschland, Land der Risse, Land der Brüche

Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit

Am Vorabend des Einheitsfestes erhellt eine Multimediashow mit Licht, Laser und Projektionen das Terrassenufer in Dresden.

(Foto: dpa)

Die Teilung Deutschlands in Ost und West ist überwunden, eine Vielzahl gesellschaftlicher Spaltungen ist an ihre Stelle getreten. Sie reichen tief - und haben Zerstörungskraft.

Als die alte deutsche Teilung zu Ende war, begann die neue. Die neue Teilung ist unübersichtlicher als die alte. Es ist nicht eine einzige Teilung, es sind ihrer viele. Der alte Riss trennte vierzig Jahre lang zwei unterschiedliche Staaten. Auf der einen Seite saß das Gute, auf der anderen das Schlechte; und was jeweils wo war, war eine Frage des jeweiligen Standorts.

Diese Spaltung wurde vor 26 Jahren behoben. Für Ostdeutsche änderte sich in der Folge alles außer den Jahreszeiten, für Westdeutsche änderte sich außer den Postleitzahlen zunächst wenig. Die frühere DDR wurde zum Veränderungsgebiet, die alte Bundesrepublik zum Nichtveränderungsgebiet. Es folgte die Teilung des Veränderungsgebiets in Aufschwung-Ost- und Niedergang-Ost-Gebiete; in solche, die blühen und solche, die veröden. Solche Gebiete gibt es heute in ganz Deutschland.

Heute geht nicht mehr ein einziger großer Riss durch Deutschland; die Risse von heute sind anderer Art. Sie verlaufen nicht scharfkantig von oben nach unten oder links nach rechts, sie trennen keine Gesellschaftssysteme voneinander. Es handelt sich um ein ganzes Netz von Rissen und Sprüngen; sie teilen und zerkrümeln Land und Gesellschaft. Da und dort gibt es Abplatzungen.

Es gibt, überall in Deutschland, Hunderttausende Menschen, die abgehängt sind oder sich so fühlen; nicht wenige lassen ihrem Hass auf die Welt freien Lauf. Es gibt Verlierer und Gewinner der Globalisierung. Es gibt eine neue soziale Spaltung, ein Dienstleistungsproletariat ohne Aufstiegschancen und mit geringer Bezahlung; es hat, anders als das alte Industrieproletariat, keine schlagkräftige Vertretung; es ist, wie dies der Soziologe Heinz Bude analysiert hat, weiblicher, ethnisch heterogener und qualifikatorisch diffuser.

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Es gibt eine Erosion des Normalarbeitsverhältnisses, also immer weniger soziale Sicherheit, kein kontinuierliches Auskommen. Deutschland erlebt eine exorbitante Auseinanderentwicklung von Armut und Reichtum. Es ist dies eine Entwicklung, an die man sich schon fast fatalistisch gewöhnt hat, weil fast jede Woche eine Studie darüber erscheint. Die Einkommen driften in einem Tempo auseinander wie in keinem anderen Industriestaat.

Das Land ist ein Hort des Wohlstandes, aber er schließt die Nicht-Wohlhabenden aus; er ist nicht mehr Integrationsmaschinerie. Es gibt auch, viel zu wenig beachtet, eine IT-Spaltung in Deutschland; dreißig Prozent der Bürger leben offline; sie sind - zumal alte Menschen sind es - virtuell überfordert und deswegen real im Abseits.

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