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Deutsche Dschihadisten:Treueschwüre auf den Isis-Anführer

Fighters of the Islamic State of Iraq and the Levant (ISIL) celebrate on vehicles taken from Iraqi security forces, at a street in city of Mosul

Kämpfer der sunnitischen Isis-Miliz in Mossul.

(Foto: REUTERS)

"Auf zur Schlacht, ihr Löwen": Auf Facebook und in Videos fordern deutsche Dschihadisten ihre Anhänger auf, sich Isis anzuschließen. Bislang sammeln sich Islamisten - darunter ein früherer Pizzabäcker und ein Ex-Rapper - vor allem in Syrien. Experten rechnen damit, dass sich deutsche Gotteskrieger bald aus dem Irak melden werden.

Das Video ist eine Kriegserklärung: Maschinengewehr-Salven peitschen durch die Luft, Dschihadisten ziehen in die Schlacht, eine Bombe explodiert und der deutsche Islamist wendet sich direkt an seine Anhänger: "Auf zur Schlacht, ihr Löwen!" Er ruft: "Brüder, schließt euch an, wir schlachten bis zum jüngsten Tag." Es ist ein Propagandavideo der Terrorgruppe "Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien" (Isis) - und ein unverhohlener Aufruf an deutsche Dschihadisten, sich dem Marsch auf die irakische Hauptstadt Bagdad anzuschließen.

Veröffentlicht wurde das fünfminütige Video am vergangenen Sonntag. Darin wird auf Deutsch gesprochen, die Untertitel sind auf Englisch. Der Islamist in dem Film war einst ein Berliner Gangster-Rapper, "Deso Dogg" nannte er sich damals. Heute ist er "Abu Talha Al-Almani", kämpft für die Isis und prophezeite in diesem Video: "Und wir schreiten voran, von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, und wir machen keinen Halt bis Allahs Wort das Höchste ist."

Die Dschihadisten von Isis waren am Tag der Veröffentlichung bereits von Syrien aus, wo sie bis dahin vor allem gekämpft hatten, in den Irak einmarschiert. Sie hatten Mossul, die zweitgrößte Stadt des Landes erobert, und versuchen an diesem Dienstag, weiter in Richtung Bagdad vorzurücken. Unter ihnen sind womöglich auch einige deutsche Kämpfer.

320 deutsche Dschihadisten in Syrien vermutet

Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes sind seit Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs mindestens 320 Kämpfer aus Deutschland nach Syrien gereist. Die meisten von ihnen sollen sich Isis angeschlossen haben. So wie Deso Dogg alias Abu Talha Al-Almani.

Bereits im April schwor er in einem Propagandavideo Abu Bakr al-Baghdadi, dem Anführer der Isis, die Treue. "Ich gebe meine Gefolgschaft dem Befehlshaber der Gläubigen Abu Bakr al-Baghdadi, um ein Zeichen zu setzen, dass wir auf dem geraden Weg sind", sagt er in der einstündigen Videobotschaft. "Dieser Staat ist euer Staat und dieser Staat wartet auf euch", fährt er fort. "Kommt in Scharen, kommt mit euren Familien. Ihr seid willkommen und euer ehrenwerter Bruder erwartet euch."

Der Ex-Rapper Deso Dogg hat sich inzwischen einen Namen gemacht bei den Sicherheitsbehörden und in der Öffentlichkeit. Als "Großmaul" wurde er oft genug bezeichnet und als Schwätzer. Mittlerweile aber soll er nach Einschätzung der Bundesanwaltschaft der Kopf der "Deutschen Brigade von Millatu Ibrahim " sein - einer Gruppe, die Isis zugerechnet wird (mehr über die Strategie der radikalen Sunniten-Miliz im SZ-Text "Terror und Verbraucherschutz").

Zu der Gruppe gehörte auch der 26-jährige Konvertit Robert B. Er soll sich im Januar 2014 nahe der Stadt Homs bei einem Selbstmordanschlag in die Luft gesprengt und mehrere Menschen getötet haben. Islamisten huldigtem ihm später auf Twitter.

Die zweite Gruppe deutscher Kämpfer schart sich um einen ehemaligen Pizzaboten aus dem nordrhein-westfälischen Lohberg: Philip B. konvertierte 2009 zum Islam und nennt sich seither "Abu Osama". 2013 reiste er mit mindestens vier weiteren Dschihadisten aus Deutschland nach Syrien.

Im Dezember 2013 trat er erstmals in einem Isis-Video auf. "Der Dschihad ist Pflicht. Beteilige dich am Dschihad", forderte er damals. Im Mai postet er bei Facebook ein Foto, auf dem ein Swimming-Pool zu sehen ist. Dazu der Kommentar: "Mein aktueller Wohnort in sham ( der Pool in unserem Garten ) ! Wer für Allah etwas verlässt bekommt besseres! Deswegen wollen wir für Allah sterben den das Jenseits ist für die Gläubigen die wahre Wohnstätte !"

Der Begriff "sham" stammt vom arabischen Wort al-Sham ab und kann die Levante, Syrien oder Damaskus bedeuten. Im Kontext des globalen Dschihads ist jedoch meist die Levante gemeint, also das Gebiet der heutigen Staaten Syrien, Jordanien, Libanon, Israel sowie die palästinensischen Autonomiegebiete.

Für Peter Neumann steht fest, dass Philip B. der unbestrittene Anführer der sogenannten Lohberger Brigade ist. "Es ist aber unklar, welche Rolle er innerhalb von Isis insgesamt spielt", sagt der Direktor des International Centre for the Study of Radicalisation (ICSR) in London - einem der weltweit führenden Institute zur Radikalisierungsforschung. Die Forscher fahnden unter anderem in sozialen Netzwerken nach den Spuren ausländischer Dschihadisten in Syrien.

Wieso Dschihadisten mit gefundenen Drogen posieren

Dabei stießen Neumann und seine Kollegen vor einigen Wochen auch auf das Foto eines weiteren Mitglieds der Lohberger Brigade. Der ehemalige Berufsschüler Mustafa K. posiert darauf mit den abgetrennten Köpfen mehrerer Gegner. Ob er an der Tötung der Männer beteiligt war, ist unklar.

Seit einigen Tagen ist der 24-Jährige auf Bildern bei Facebook zu sehen, die ihn bei einem Drogenfund zeigen. Dazu kommentiert er: "Alhamdulillah mit Allahs Erlaubnis haben wir einen kurdischen Drogen Dealer in Mimbij erwischt, er stellt sogar Kokain her, hier sind ein paar Fotos von heute morgen Kokain, crystels, Pepp, teofilin, alles dabei, wir behandeln ihn noch als Muslim aber wir vermuten das er von PKK ist das wird noch untersucht Insha Allah. ISIS"

(Foto: Facebook/oH)
(Foto: Facebook/oH)
(Foto: Facebook/oH)

Es sind solche Nachrichten, die offenbar immer noch Islamisten aus Deutschland nach Syrien locken. Welche Rolle sie in Syrien und nun im Irak spielen, lässt sich derzeit schwer beurteilen. Selbst die deutschen Sicherheitsbehörden können nicht genau sagen, wie viele der etwa 320 Islamisten aus Deutschland tatsächlich kämpfen. Oft ist unklar, was Propaganda ist und was Realität. Sie wissen nur, dass Monat um Monat neue Radikale ausreisen - zuletzt offenbar ein junger Mann mit rotem Bart und schüchternem Lächeln. Ein Dschihadist, der sich Abu Usamah nennt, hat erst vor einigen Tagen ein Foto von ihm auf Twitter gepostet.

Darunter steht "Abu Muhammad al-Almani - A German brother who came to Islam and joined Doula shortly after" - und der Aufruf an weitere Dschihad-Interessenten: "Worauf wartet ihr noch?"

Für den Dschihadismus-Forscher Peter Neumann jedenfalls ist es ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis deutsche Dschihadisten sich auch aus dem Irak zu Wort melden. "Ich gehe davon aus, dass sie früher oder später auch in diesen Gebieten auftauchen werden."

Linktipps: Weitere Texte zum Thema finden Sie auf der Übersichtsseite "Deutscher Dschihad". Hintergrund-Informationen über Isis finden Sie unter anderem in dieser SZ-Analyse über die Strategie der Sunniten-Miliz

© SZ.de/mati

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