Carl Schurz Die "unerträgliche Arroganz" des Karl Marx

Schurz schreibt knapp, unaufgeblasen, mit Gespür für schriftstellerische Strategie und immer selbstskeptisch: "Ich habe mich daher ernstlich bemüht, meinen eigenen Erinnerungen nicht zu viel zu trauen, sondern sie, wenn immer möglich, mit den Erinnerungen von Verwandten und Freunden zu vergleichen, sowie alte Briefe und zeitgenössische Publikationen über die darzustellenden Tatsachen zu Rate zu ziehen."

Es gibt in diesem fesselnden Lesebuch über deutsche und amerikanische Verhältnisse in der Mitte des 19. Jahrhunderts auch richtige Kabinettstücke - wie seine Flucht aus der Festung Rastatt oder wie ihm die kühne Befreiung des revolutionären Vordenkers und seines Mentors, Gottfried Kinkel, aus dem Zuchthaus in Spandau und die anschließende Flucht nach England gelang. Schurz erzählt das dicht, doch ohne falsche Effekthascherei. Es genügt die Geschichte selbst.

Bismarck-Anekdoten

"Seltsam, wie der Kaviar sättigt"

Zum Interessantesten gehören natürlich die Begegnungen mit welthistorischen Gestalten wie Abraham Lincoln oder Otto von Bismarck oder mit den revolutionären Köpfen von 1848 wie etwa Karl Marx: "Der untersetzte, kräftig gebaute Mann mit der breiten Stirn, dem pechschwarzen Haupthaar und Vollbart und den dunkel blitzenden Augen" weckt die Wissbegier von Schurz.

Doch er wird "eigentümlich" enttäuscht: "Was Marx sagte, war in der Tat gehaltreich, logisch und klar. Aber niemals habe ich einen Menschen gesehen von so verletzender, unerträglicher Arroganz des Auftretens."

Begegnungen mit Wagner und mit seiner Musik

Auf Widerspruch oder abweichende Meinungen reagiert Marx nur mit Verachtung und verletzendem Spott: "Ich erinnere mich noch wohl des schneidend höhnischen, ich möchte sagen des ausspuckenden Tones, mit welchem er das Wort ,Bourgeois' aussprach", mit dem Marx Abweichler von seiner Meinung "denunzierte".

Auch Richard Wagner, den er als 48er-Emigranten in Zürich trifft "war unter seinen damaligen Schicksalsgenossen keineswegs beliebt. Er galt als ein äußerst anmaßender, herrischer Geselle, mit dem niemand umgehen könne, und der seine Gattin, eine recht stattliche, gutmütige, aber geistig nicht hervorragend begabte Frau, sehr schnöde behandelte."

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Doch obwohl er die Persönlichkeit des Komponisten als "abstoßend" empfindet, preist er das Werk hingebungsvoll. Tatsächlich steckt in Carl Schurz auch ein origineller Musikkritiker, der die Kunst der berühmten Sängerin Jenny Lind genau zu beschreiben weiß und seine tiefe Erschütterung bekennt, als er in Bayreuth die Uraufführung des "Parsifal" miterlebt.

Ein Letztes: Uwe Timm hat den Lebenserinnerungen von Carl Schurz einen ungemein feinfühlig den Schriftsteller, Rebellen und menschenfreundlich-pragmatischen Politiker analysierenden Essay vorangestellt, der Frage nachgehend, ob dieser "überzeugte Demokrat" in Deutschland deshalb "als Vorbild nicht recht genehm" ist, weil "zu viel Empörung, Eigensinn und ziviler Ungehorsam sein Leben" prägten. Gerade deshalb ist eine neuerliche Beschäftigung mit Carl Schurz dringend geboten.

Carl Schurz: Lebenserinnerungen. Zwei Bände. Herausgegeben von Daniel Göske. Mit einem Essay von Uwe Timm. Wallstein Verlag, Göttingen 2015. 516 Seiten und 726 Seiten, 39 Euro.

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