Hype um den Verteidigungsminister:Das Phänomen des Erlösers

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Dies ändert aber nichts daran, dass ein beträchtlicher Teil des Wahlvolks hingerissen ist von Guttenberg. Das zeigt sich in der Forsa-Umfrage, nach der knapp ein Viertel der Bundesbürger meint, Guttenberg wäre ein besserer Kanzler als Merkel. Das wird auch deutlich in einer Zufallsbeobachtung wie diese Woche in München, als er ins Landtagsrestaurant ging und Besucher spontan in Applaus ausbrachen. Die Weise, in der viele erwachsene Menschen diesen Politiker wahrnehmen, unterscheidet sich fundamental von der, die - zum Beispiel - Wolfgang Schäuble, Kurt Beck oder Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zuteil wird. Sie mag man respektieren, Guttenberg wird verehrt. Die Leute blicken ihn an wie eine Art Erlöser, er profitiert von Erwartungen, wie sie auch Barack Obama vertraut waren, bis vor zwei Jahren, oder dem Dalai Lama, von jeher.

Das Phänomen des Erlösers ist in der Politik keineswegs neu, und mögen sich auch die meisten Erlöser später als ziemlich irdische Gestalten entpuppt haben - der Glaube, dass es doch noch den einen Politiker geben könne, der sagt, was er meint, und tut, was er sagt, und das, was er tut, ist objektiv das Beste für alle: Dieser Glaube ist nicht totzukriegen.

Sehnsucht, Verdruss, Verwirrung

Er ist Ausdruck von Sehnsucht, Verdruss und Verwirrung. Demokratie bedeutet öffentlich ausgetragener Streit, sonst wäre es keine Demokratie. Den wenigsten Menschen aber bereitet es Freude, anderen beim Streiten zuzusehen. So entsteht über die Jahre Sehnsucht nach einem Ende von Streit. Hinzu kommt die Erfahrung, dass auch in der Demokratie mitunter Entscheidungen gegen den Willen und ohne echte Beteiligung der Mehrheit getroffen werden; Stuttgart 21 mag ein Beispiel sein, wie daraus Verdruss entsteht. Und schließlich Verwirrung: Im Geflecht aus Zwängen, Interessen und Weltanschauungen fühlen sich mehr und mehr Menschen verloren. Sie wissen nicht, wem sie noch glauben sollen. Thomas Gottschalk, der Moderator, hat dies am vergangenen Montag in einem Fernsehgespräch mit Hessens Ex-Ministerpräsident Roland Koch ironisch so formuliert: Die Leitartikler wissen immer ganz genau, wie's geht, aber die an der Macht sind halt so blöd.

Vor diesem Hintergrund mag einer wie Guttenberg die Anmutung verbreiten, das Gegenmodell zu sein. Herkunft und Alter, Rhetorik und finanzielle Unabhängigkeit: Da spielt auch keine Rolle, dass er sich bisher blendend präsentiert, aber noch wenig geleistet hat (und auch seine Bundeswehrreform erst noch umsetzen muss). Im Gegenteil, das ist immer der schwächste Einwand, um den Leuten ihren Erlöserglauben zu nehmen. Es ist ja das Wesen von Heilsbringern, dass sie entweder erst im Kommen sind oder aber vor sehr langer Zeit da waren, nie jedoch im Hier und Jetzt verschlissen werden. Deswegen ist Obama keiner mehr - weil die Welt nun erlebt, dass es keinen Präsidenten geben kann, der Yes we can ruft, und alles wird gut. Deswegen bleibt der Dalai Lama einer - weil er wohl nie in die Verlegenheit kommen wird, tatsächlich ein Land führen und unter Berücksichtigung gegensätzlicher Interessen von Mönchen und Bauern einen morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich fürs tibetische Gesundheitssystem entwickeln zu müssen.

Die Begeisterung zum Beispiel für Guttenberg offenbart, dass viele Menschen ein eher romantisches Verständnis von Politik haben. Sie verrät auch eine gewisse Müdigkeit an der real existierenden Demokratie, die ebenso anstrengend, nervend wie unfertig sein mag - aber doch den Lebensstandard in diesem Land auf einem Niveau hält, welches auch die Menschen in anderen Industrieländern erst mal gerne hätten. Mehr kann man eigentlich nicht erwarten. Aber weil genug nie genug ist, werden die Altbekannten in der Politik verantwortlich gemacht für alles, was jeweils nicht perfekt ist. Und dann kommt einer wie Guttenberg und wird zur Projektionsfläche für alles, was endlich anders laufen müsste. Bis er dann eines Tages auch altbekannt ist.

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