Demografische Entwicklung Amerikas neue Mehrheit

Das Bild vom traditionellen Amerika, wie es etwa der Maler Rockwell in den fünfziger Jahren malte, verblasst: Zwar stellen Weiße immer noch die klare Mehrheit der Bevölkerung. Doch erstmals bekommen Minderheiten mehr Kinder als Weiße. Dafür gibt es verschiedene Gründe - und für die USA hat die Entwicklung enorme Konsequenzen.

Von Jörg Häntzschel, New York

Dass dieser Moment seit langem erwartet wurde, macht ihn nicht weniger bedeutsam: Zum ersten Mal in der Geschichte werden in den Vereinigten Staaten mehr nicht weiße Babys geboren als weiße. Nach den neuesten Volkszählungsergebnissen machen Kinder von Schwarzen, Latinos, Asiaten und gemischten Paaren inzwischen 50,4 Prozent aller Geburten aus, die von Weißen nur 49,6.

Für die USA hat das enorme Konsequenzen. Zwar haben die Weißen in der Gesamtbevölkerung mit 63 Prozent noch eine klare Mehrheit. Doch diese wird Stück für Stück zusammenschmelzen. Hinzu kommt, dass die Weißen mit durchschnittlich 42 Jahren erheblich älter sind als etwa die Latinos, die auf gerade einmal 27 Jahre kommen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Weißen auch in der Bevölkerung nicht mehr die Mehrheit darstellen. In den Bundesstaaten Kalifornien, Hawaii, New Mexico und Texas sowie in der Hauptstadt Washington ist es bereits so weit.

Für den Überschuss an nicht weißen Geburten gibt es verschiedene Gründe. Seit den großen Einwanderungswellen aus Europa am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ist der Zustrom an weißen Immigranten immer dünner geworden. Seit den siebziger Jahren nahm hingegen die Zuwanderung aus asiatischen und lateinamerikanischen Ländern stetig zu. Allein zwölf Millionen Mexikaner, ein Zehntel der mexikanischen Bevölkerung, leben heute in den USA. Zugleich bekommen Frauen aus den Minderheitengruppen deutlich mehr Kinder als die weißen Amerikanerinnen.

Seit Beginn der Wirtschaftskrise 2008 und dem härteren Durchgreifen gegen illegale Immigranten haben sich die Zuwanderungstrends verändert. Besonders für Mexikaner sind die USA weniger attraktiv geworden. Nicht nur hat sich der Zustrom stark verringert; Millionen Mexikaner kehren auch wieder in ihre Heimat zurück. Doch für die demografische Entwicklung in den USA wird das wenig Folgen haben: Zwischen 2000 und 2010 war die Zahl der Latino-Babys in den USA bereits höher als die der Einwanderer aus Lateinamerika.

Das Verblassen des Bildes vom traditionellen Amerika, wie es der Maler Norman Rockwell in den fünfziger Jahren gemalt hat, und die Überlagerung durch eine komplexere und heterogenere Realität fordert dem Land einiges ab. Neue, auf die Verfolgung illegaler Einwanderer abzielende Gesetze wie in Arizona, aber auch der anhaltende tiefe Hass auf den schwarzen Präsidenten Barack Obama in weiten Kreisen der Bevölkerung sind nur zwei Symptome.

Die noch größere Frage ist allerdings, wie die Minderheiten, die bald die Mehrheit stellen werden, künftig besser integriert werden können. Nur 18 Prozent der Schwarzen und 13 Prozent der Latinos haben einen College-Abschluss, während es bei den Weißen 31 Prozent sind. Die Chancen auf sozialen Aufstieg - der Kern des "Amerikanischen Traums" - sind heute in Europa besser als in den USA. Die Mittelschicht verarmt und hat immer größere Schwierigkeiten, die Unsummen für die Ausbildung ihrer Kinder aufzubringen. Und die vielen Millionen Immigrantenkinder, die sich aus der Armut nach oben zu kämpfen versuchen, werden eines Tages ein weiteres Problem haben: Sie müssen das Geld aufbringen, um die Renten alter Weißer zu bezahlen.

Dennoch können die USA froh sein. "Würden die USA von weißen Geburten abhängen", sagt Professor Dowell Myers von der University of Southern California, "wären wir tot."

Linktipp: Guardian-Journalist Simon Rogers liefert die Daten schön aufbereitet in einer interaktiven Karte.