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Democracy Lab in Gelsenkirchen:Zwischen Schrott und Hoffnung

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"Gelsenkirchen ist nicht so schlecht wie sein Ruf": Ein Beispiel ist die sogenannte Solarsiedlung Sonnenhof im Stadtteil Bismarck.

(Foto: imago/Hans Blossey)

Gelsenkirchen ist stark geschrumpft. Ergebnis sind leer stehende Häuser und Schrottimmobilien, das Image ist schlecht. Doch es gibt Menschen, die versuchen, ihre Heimat zu retten.

Die Robergstraße im Gelsenkirchner Stadtteil Bismarck ist kein Ort für Anzug- und Hemdträger. Das hier ist ein sogenanntes Problemviertel, da fällt die kleine Gruppe in Bürokleidung schon von weitem auf. Sie bleibt vor Hauseingängen stehen, unterhält sich, wundert sich über Autos ohne Nummernschild. Das können nur Leute von einer Behörde sein. Ein älterer Bewohner mit grauem Oberlippenbart und brauner Baseballkappe wird neugierig, er schleicht sich aus seiner Wohnung und von hinten an die Gruppe heran. Er zögert kurz, dann ergreift er die Gelegenheit. "Sind Sie vom Ordnungsamt? Ich muss das wissen", fragt er. Ja, die Leute sind von der Stadt. Da bricht es aus ihm heraus.

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Der Rentner kommt aus der Türkei, er hat früher in der Zeche Consolidation nicht weit von hier gearbeitet. 40 Jahre lang, fünf Kinder hat er hier großgezogen. Zurück kann und will er nicht mehr - aber hier in der Robergstraße wohnen bleiben, das kann und will er bald auch nicht mehr. Jeden zweiten Tag kehre er in der Straße den Müll weg, weil er sich sonst zu einem Berg türme. Im Nachbarhaus würden manchmal 20 Menschen in einer Wohnung schlafen, es sei sehr laut. Dazu der Drogenhandel (Anm.d.Red. Siehe unten). "Wir brauchen wieder Ordnung hier", sagt er. Seine Stimme zittert, es ist ein Bitten und Drängen zugleich. Die Leute von der Stadt nicken, blicken zu Boden, besänftigen ihn. Doch er will sich nicht besänftigen lassen. Es seien so viele Nachbarn weggezogen, inzwischen bitten sich die Leute gegenseitig, hierzubleiben, damit nicht die letzte Hoffnung stirbt. Es fehlt nicht viel und er fängt an zu weinen. Vor Scham, vor Trauer, vor Wut, was aus seinem Viertel geworden ist.

Gelsenkirchen. Die Stadt ist ein Symbol für den Niedergang der Kohle- und Schwerindustrie im Ruhrgebiet. Ein Symbol, wie schwer der sogenannte Strukturwandel zu bewältigen ist. 1960 lebten fast 400 000 Einwohner in der prosperierenden Stadt, sie gehörte zu den wirtschaftlichen Kraftzentren Westdeutschlands, Zehntausende Männer holten aus den Zechen das "schwarze Gold", das Ruhrgebiet war reich. Das Ende der Kohle führte zu Arbeitslosigkeit - und zur Flucht. Heute wohnen nur noch 260 000 Menschen in der Stadt, der Rückgang führt zu einem Überangebot an Wohnraum, viele Häuser stehen leer. Das Wohnen ist deshalb billig in Gelsenkirchen, im Schnitt kostet der Quadratmeter zwischen fünf und sechs Euro Miete, in manchen Ecken weniger. Bei der Stadtplanung heißt es, die Preise wirkten wie ein Magnet. Sie nennen es "Armutsanziehung".

Im Stadtteil Bismarck stehen einige der berüchtigten Schrottimmobilien, äußerlich teilweise ordentliche Häuser, die ihre Eigentümer mehr oder weniger verfallen lassen. In der Straße Ahlmannshof stehen ganze Häuserzeilen leer. Rund um die Problemhäuser haben sich ausgeklügelte Geschäftsmodelle etabliert. Ein Beispiel: Ein Haus wird wegen Finanzproblemen des Eigentümers zwangsversteigert, der Käufer (meist eine GmbH) muss zuerst nur zehn Prozent des Preises hinterlegen und bisweilen nicht einmal das. Danach vermietet er die Wohnungen, manchmal auch nur Zimmer oder gar Matratzen an Immigranten aus Rumänien und Bulgarien, von denen es derzeit 6000 bis 7000 in Gelsenkirchen gibt. Der Vermieter verdient gut, den Kaufpreis für das Haus überweist er nie. Bis die Behörden das merken, vergehen Monate, es kommt wieder zur Zwangsversteigerung, wo nicht selten die gleichen Käufer unter neuem Firmennamen das Haus noch mal ersteigern. Das Spiel beginnt von vorne.

"In Gelsenkirchen sind Gut und Böse manchmal nur ein Spuckweit voneinander entfernt"

Frauen in bunten Röcken, Flipflops und Kopftuch, dazu viele Kinder bestimmen das Bild in den Straßen. Das Schreien von Babys ist aus Fenstern und Hinterhöfen zu hören. Eine Mutter spricht mit vier Kindern und wechselt zwischen Deutsch und Romanes, der Sprache der Roma. Doris Harontzas vom örtlichen Sozialverein Lalok Libre kennt sie fast alle. Das Lalok Libre bietet Kindern freies Mittagessen, bis zu 20 laufen hinüber in die Dresdener Straße und schreien erst einmal: "Hunger!". Es folgt Hausaufgabenhilfe, Kinderbetreuung und ein Deutschkurs. Der konkrete Versuch von Integration. Wenn Doris Harontzas über ihre Erfahrungen spricht, ist ihr anzumerken, wie zäh das ist. "Die Mädchen werden das erste Mal schwanger mit 13 oder 14 Jahren. Die Jungs wollen vor allem gut aussehen."

Ein großer, schwarzer BMW X5 zwängt sich durch die enge Robergstraße, am Steuer ein Bübchen, noch fast ohne Bart. Ist der schon 18? Doris Harontzas kennt ihn. "Ja, 18 ist er schon. Er ist Vater von zwei Kindern", erzählt sie. Er sei noch einer "von den Guten", weil er halbwegs ordentlich seine Schule abgeschlossen habe.

Markus Horstmann ist in Bismarck geboren, er wohnt jetzt nicht weit von hier in einer ruhigen, familiären Mittelschicht-Siedlung. "In Gelsenkirchen sind Gut und Böse manchmal nur ein Spuckweit voneinander entfernt", sagt er. Horstmann trägt Glatze, eine Brille mit schlichtem Gestell und einen Henriquatre-Bart um den Mund. Fährt er mit dem Auto durch die Gegend, kommt er mit dem Grüßen kaum nach, so viele Menschen kennt er. Als Leiter des städtischen Wohnungswesens hat er sich wie kein anderer dem Problem der Schrottimmobilien angenommen. Doch wenn er darüber spricht, dann schiebt er die Stirn weit in die Augen hinein, manchmal bleiben nur Schlitze übrig. Es ist eine schwierige Aufgabe, dennoch will er seine Heimat nicht abschreiben.

Wo die Spieler von Schalke 04 wohnen

Horstmann steht im Hinterhof an der Ecke Roberg- und Ferdinandstraße, das Haus ist außen rosa gestrichen und innen komplett verfallen. Der Eigentümer beteuert bei den Behörden, er wolle hier bald einziehen. Horstmann schüttelt den Kopf. Einmal stapelte sich der Müll im Hof meterhoch, eines Tages fing er Feuer, vermutlich wurde er angezündet. Die Feuerwehr musste anrücken, in voller Schutzmontur durchsuchten sie das Haus, es hätte ja jemand darin hausen können. "Die waren stinksauer", erinnert sich Horstmann. Nicht nur wegen des vermeidbaren Feuers. Auch, weil mehrere Hundert Ratten aus dem Müllberg flüchteten.

Was ist hier zu tun? Den Besitzer enteignen und das Haus abreißen? Der Schutz des Eigentums ist stark im Grundgesetz verankert, Leerstand und Verwahrlosung genügen da nicht. Horstmann sagt, er habe in 25 Jahren kein einziges Enteignungsverfahren in Gelsenkirchen erlebt, auch aus anderen Städten sei ihm keines bekannt. Also versucht die Stadt, die alten Häuser zu kaufen, sechs Millionen Euro hat sie dafür zur Verfügung.

Bei einem Gebäude in der Robergstraße ist das gelungen, dort hängen zwei gelbe Plakate in den Erdgeschoss-Fenstern, eines in rumänischer Sprache, eines in deutscher: "Achtung!! Diese bauliche Anlage ist amtlich versiegelt, die Nutzung der Räume ist verboten." Die Stadt bemüht sich, auch die Nachbarhäuser zu erwerben, um die ganze Zeile abzureißen. Ob das gelingt? Hängt von den Eigentümern ab. Bei Erfolg entscheiden die Stadtplaner, ob sie einen Spielplatz bauen lassen oder wie nebenan in Schalke einen Kräutergarten. Vielleicht investiert jemand in neue Häuser oder in Gewerbe. Auch das Nachbarviertel Ückendorf kämpft gegen Verfall und für Erneuerung. Die Stadt spricht von einem Erfolgsmodell. Aber sie weiß auch, dass die öffentliche Hand alleine das Problem kaum lösen kann, dazu sind ihre Mittel zu gering. Es braucht private Investoren.

Architektur - Eindrücke aus Gelsenkirchen

"In Gelsenkirchen sind Gut und Böse manchmal nur ein Spuckweit voneinander entfernt", sagt ein Stadtplaner. Besonders gut sieht man das an den Häusern der Stadt. Die Bilder

"Wer eine Idee hat, rennt bei der Stadt offene Türen ein"

Einen wie Thomas Fründt. Sein Büro liegt in einem umgebauten Möbelhaus, etwa acht Kilometer nördlich von Bismarck in Buer. Buer liegt auf der anderen Seite des Rhein-Herne-Kanals, den viele einen "Sozialäquator" nennen - er trennt den wohlhabenderen Norden vom ärmlichen Süden. Fründt ist groß, schlank, trägt Jeans und Pulli zu graublonden Haaren. Auf seiner Karte steht: "Dipl.-Ing. Architekt Thomas Fründt. Projektentwicklung und Immobilien-Manufaktur". Zur Begrüßung sagt er: "Gelsenkirchen ist nicht so schlecht wie sein Ruf." Es gebe viel Potenzial, die Leute würden anpacken, sich nicht ausruhen auf dem, was sie haben. Macher eben, wie Fründt selbst.

Der 53-Jährige arbeitet für ein Investorenkonsortium, er berät Hotelketten dazu, welche Ankäufe sich lohnen. Nebenbei investiert er privat in Gelsenkirchen, kauft Immobilien, saniert und vermietet sie. Eines seiner Lieblingsprojekte ist das umgebaute Möbelhaus. Von außen ein schlichter, weißer Bau, aber gut gelegen, in der Nähe der Einkaufsmeile. Zehn Jahre hat er gebraucht, um den Besitzer zum Verkauf zu überreden. Ein Jahr später war das Gebäude nicht wiederzuerkennen. Im Erdgeschoss ist jetzt ein Bettengeschäft, darüber sind Lofts und Büros entstanden.

Fründt öffnet die Tür zu einem weitläufigen Wohnzimmer mit Parkettboden, die Fenster reichen vom Boden bis zur Decke. Fast zehn Euro Miete kostet der Quadratmeter hier, 1400 Euro insgesamt, das ist mehr als der durchschnittliche Gelsenkirchener im Monat zur Verfügung hat. Demnächst zieht ein junger Spieler von Schalke 04 ein, ein Stockwerk darüber ist gerade Sead Kolašinac ausgezogen, er wechselt zum FC Arsenal nach London.

"Wer eine Idee hat, rennt bei der Stadt offene Türen ein", sagt Fründt. Er hat schon eine Fleischfabrik in eine Reihenhaussiedlung verwandelte und ein ehemaliges Schwesternwohnheim in Einfamilienhäuser. Mit seiner Familie wohnt er in einem umgebauten Wasserturm. Doch so sehr sich die Stadt über seinen Elan freuen mag, die meisten Kreditgeber sind skeptisch, wenn sie "Gelsenkirchen" hören. Die Preise steigen hier nur langsam, schnelle Gewinne sind hier nicht zu holen. Fründt hat Geduld. Er sagt, er macht das alles auch, weil er seine Heimatstadt liebt: "Da ist auch viel Herzblut dabei."

"Der Strukturwandel ist noch lange nicht abgeschlossen"

Die Stadt bräuchte mehr Unternehmer wie ihn. Um sie anzulocken, entstand vor mehr als 20 Jahren auf dem Gelände eines ehemaligen Gussstahlwerks der "Wissenschaftspark Gelsenkirchen", ein Gründer- und Technologiezentrum. Hier sollten Ideen entstehen, wie die Region den Strukturwandel bewältigen könnte. An der Wand hängt der Satz: "Von der Stadt der 1000 Feuer zur Stadt der 1000 Sonnen." Er zeigt, wohin die Reise gehen sollte. Von der "Solarstadt Gelsenkirchen" war damals die Rede und vom "Helicon Valley". Auf dem Dach wurde ein riesiges Solarkraftwerk errichtet, in den Etagen darunter träumten Start-ups vom großen Geld. Doch der Goldrausch blieb aus, im Osten wurde Solarenergie mit mehr Geld gefördert und Solarzellen konnten die Chinesen bald günstiger herstellen.

Für Geschäftsführer Stefan Eismann ist der Wissenschaftspark trotzdem eine Erfolgsgeschichte. Mittlerweile seien die Räume zu etwa 93 Prozent ausgelastet, der Park bekomme nur noch kleine Zuschüsse. Eismann führt durch den mehrfach preisgekrönten Bau, in einem Arkadengang stellen sich "Wohnprojekte aus NRW" vor, alles ist freundlich, hell, luftig. Das "Klimabündnis Gelsenkirchen" hat hier seine Büros, Forschungsinstitute, IT-Unternehmen, Ingenieursbüros und eine Designfirma.

Der Park ist ein Leuchtturmprojekt, eine von vielen guten Ideen, mit denen Gelsenkirchen um seine Zukunft kämpft. Aber: Den vielen Langzeitarbeitslosen der Stadt helfen die Hightech-Firmen wenig. Dafür bräuchte es mehr produzierendes Gewerbe, sagt Eismann, Jobs für Geringqualifizierte. Um sich die Probleme in Erinnerung zu rufen, muss er nur aus dem Fenster schauen. Direkt vor dem Wissenschaftspark beginnt die Bochumer Straße, Callshops reihen sich an Ein-Euro-Läden und Dönerbuden, viele Fenster sind verrammelt, manche sprechen schon von einer "No-go-Area". "Wir sind auf einem guten Weg", sagt Eismann zum Abschied. "Aber der Strukturwandel ist noch lange nicht abgeschlossen."

Korrektur: In einer früheren Fassung stand "Dazu der Drogenhandel vorne in der Trinkhalle". Der Rentner hat sich offenbar missverständlich ausgedrückt. Der Betreiber der Trinkhalle an der Ecke bekräftigt, dass weder durch ihn noch in seinem Laden Drogen gehandelt werden. Das Problem liegt draußen auf der Straße und in benachbarten Hauseingängen, er als Trinkhallen-Betreiber kann das leider nicht verhindern.

Dieser Beitrag ist Teil des SZ-Projekts Democracy Lab, in dem wir vor der Wahl über Ihre Themen diskutieren wollen. Lesen Sie mehr dazu:

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