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Democracy Lab:"Der Mindestlohn ist super"

Unterwegs mit dem Democracy Lab der SZ.

(Foto: SZ)

Das Democracy Lab ist unterwegs: 3000 Kilometer durch die Republik. Am letzten Tag der Tour macht der SZ-Bus in Ronneburg in Thüringen Station. Das Reisetagebuch.

Eine Reise im VW-Bus quer und längs durch Deutschland - das SZ-Democracy-Lab ist unterwegs. Wir wollen im Wahljahr mit Ihnen ins Gespräch kommen, zuhören und wissen, wie Ihre Antwort auf die Frage "Was muss sich in Deutschland ändern?" lautet. Das machen wir online - mit diesem Tool, mit dem Sie Ihr eigenes Plakat malen können - und offline, an verschiedenen Stationen im Land. Virtuell können Sie den SZ-Bus an dieser Stelle begleiten: Wir halten Sie hier mit Impressionen, Anekdoten und Kurzberichten unserer Reporter auf dem Laufenden.

Besser mitreden - im Democracy Lab der SZ

Was muss sich in Deutschland ändern? Darüber wollen wir im Wahljahr mit Ihnen diskutieren - machen Sie mit beim Democracy Lab. Mehr zum SZ-Projekt finden Sie hier.

Das Democracy-Lab-Reisetagebuch:

Ronneburg und Schmölln, 8. Juli

Von Cornelius Pollmer, Jakob Schulz und Sebastian Gierke

Der letzte Tag der SZ-Deutschlandtour führt uns von Jena aus weiter Richtung Osten.

Ronneburg drängt sich seinen Besuchern nicht gerade auf, so viel lässt sich schnell erahnen, als der SZ-Bus am Morgen auf den Markt rollt. Die anliegende Bäckerei schließt um 10 Uhr, noch zu bekommen ist ein Stück Milchzopf, eine Tasse Kaffee und ein ziemlich eindeutiges Wort. Für den Zuzug von Ausländern nach Deutschland, sollte es "mindestens eine Obergrenze" geben, sagt eine Dame in der Bäckerei. Was sie sich darüber hinaus noch vorstellen kann, erzählt sie ebenso und schnell wird deutlich, dass dahinter nicht nur Ressentiment steht, sondern auch eine ungerichtete Trauer über das schleichende Verglimmen der eigenen Heimat.

Nicht wenige Fassaden und Fenster in Ronneburg sind verstumpft, etwa jene der alten Milchhalle, vormals ein Hotspot der Kleinstadt. Leerstand und Verfall fallen auch deshalb so stark auf, weil sie sich abwechseln mit vielen liebevoll restaurierten Häusern, teilweise bezaubernd pittoreskem Fachwerk. Die "Neue Landschaft Ronneburg" hatte zur Bundesgartenschau 2007 neues Blühen in die Stadt gebracht, Stolz darauf oder mindestens Zuneigung für die eigene Stadt werden in vielen Passantengesprächen deutlich.

Auf die Frage, was sich in Deutschland ändern muss, hören wir hier öfter als anderswo: "Alles". Und dann, nach einer Nachfrage: "Für die eigenen Leute muss man was tun." Die große Kluft zwischen Arm und Reich im Land beschäftigt die Menschen. "Die in Berlin, die müssen mal einen Schuss vor den Bug bekommen", sagt ein Mann. Er wird die AfD wählen.

Auch die großen Themen der Welt werden am Markt verhandelt. Ein Mann hält einen engagierten Vortrag über die seiner Ansicht nach fehlerhafte Wahrnehmung Russlands durch die deutsche Politik und auch deutsche Medien. Die Annexion der Krim habe vielleicht nicht dem Völkerrecht entsprochen und sei gewiss auch nicht demokratisch sauber erfolgt - unbestreitbar sei aber auch, dass sie politstrategisch logisch gewesen sei, in gewisser Weise einen berechtigten Anspruch Russlands bediene und dass daraus nicht abzuleiten sei, dass Russland nun weitere Kriege führen wolle. Die zunehmende Präsenz der Nato und alles Bemühen des Westens um Aufrüstung sei deshalb ein falsches Signal.

Die große, diese die Tour begleitende Frage - Was muss sich in Deutschland ändern? - führt aber auch zu viel grundsätzlicheren Antworten, etwa in Schmölln. Eine Eisverkäuferin schenkt dort im Zentrum jedem Gast ein so offenes Lächeln, dass man sich selbst als zöliakischer Laktoseintoleranter gleich zwei Kugeln Milchspeiseeis in der Doppelwaffel kaufen möchte. Auf die Frage, was sich nun ändern solle im Land, sagt die Frau, noch immer lächelnd: die Menschen. Die sollten nicht immer andere für ihr Unglück, ihre Fehler, ihre Unzufriedenheit verantwortlich machen - sondern endlich begreifen, dass sie das Allermeiste doch letztlich selbst in der Hand hätten. Der Staat, die Politik, die Wirtschaft - damit müsse man schon umgehen können, durchaus, wer aber aus Bequemlichkeit immer nur mit dem Finger auf andere zeige, der werde seines Lebens am Ende so oder so: nicht froh.

Anja Böhmer weiß, worüber sie unbedingt mit der SZ sprechen will. Sie findet, in Deutschland müssten Familien mit geringerem Einkommen viel stärker gefördert werden. Die 34-Jährige aus Schmölln fordert, dass zum Beispiel die Gebühren für Krippe und Kindergarten für ärmere Familien sinken oder ganz abgeschafft werden müssten. Sie selbst ist Mutter einer Tochter, ihr Geld verdient sie mit zwei Halbtagsjobs als Floristin und im Einzelhandel. "Der Mindestlohn ist super, der hat für Leute wie mich viel verändert", sagt sie.

Mehr als 25 Jahre Einheit, nur nicht bei den Löhnen

Elke Bechmann und Ralf Ehlert sind heute extra aus dem sächsischen Glauchau nach Schmölln in Thüringen gekommen, um der SZ ihre Meinung zu sagen. Bechmann kann nicht verstehen, warum sie mehr als 25 Jahre nach der Einheit immer noch weniger verdient als so mancher Kollege in ihrer Firma, der in Westdeutschland arbeitet. Bei ihrem jüngsten Urlaub in Österreich hat das Ehepaar gehört, dass Österreicher deutlich höhere Renten beziehen als Deutsche. "Warum schauen wir in Deutschland nicht auch mal auf andere Länder und überlegen, was wir von ihnen abschauen könnten?", fragt sie. Von einer neuen Bundesregierung wünscht sich Ralf Ehlert weniger konkrete politische Projekte, als vielmehr eine bestimmte Koalition: Rot-Rot-Grün wäre seine Wunschkoalition.

"Der Union geht es doch nur noch um Machterhalt", klagt er. Die Berichte rund um den G-20-Gipfel in Hamburg hat der Facharbeiter mit Spannung verfolgt. Über die Gewichtung der Berichterstattung hat er sich geärgert, auch bei der Süddeutschen: "Die Medien müssen doch die Inhalte der Gespräche in den Fokus stellen, nicht die Proteste!", schimpft Ehlert.

In Schmöll legt sich am Nachmittag wochenendliche Ruhe über den schönen, sonnenbeschienenen Marktplatz. Bis auf die Eisdiele sind alle Geschäfte geschlossen. Wir beladen den VW-Bus, fast zwei Wochen war das Democracy-Lab unterwegs in Deutschland. 3000 Kilometer haben wir zurückgelegt, haben mit Hunderten Menschen gesprochen und online und offline Tausende Themen gesammelt. Themen, die Deutschland bewegen.

Damit ist die erste Phase des SZ-Democracy-Lab beendet. Wir werden die gesammelten Antworten jetzt auswerten. Und dann, im August, werden wir darüber diskutieren. Vielleicht auch mit Ihnen? Wir würden uns freuen. Im Zentrum stehen dann die Themen, die wir eingesammelt haben. Dann sind wir auch noch mal unterwegs in Deutschland. Unter www.sz.de/democracylab werden wir Sie bald über alles Weitere informieren.