Süddeutsche Zeitung

Democracy Lab:"Der Mindestlohn ist super"

Das Democracy Lab ist unterwegs: 3000 Kilometer durch die Republik. Am letzten Tag der Tour macht der SZ-Bus in Ronneburg in Thüringen Station. Das Reisetagebuch.

Eine Reise im VW-Bus quer und längs durch Deutschland - das SZ-Democracy-Lab ist unterwegs. Wir wollen im Wahljahr mit Ihnen ins Gespräch kommen, zuhören und wissen, wie Ihre Antwort auf die Frage "Was muss sich in Deutschland ändern?" lautet. Das machen wir online - mit diesem Tool, mit dem Sie Ihr eigenes Plakat malen können - und offline, an verschiedenen Stationen im Land. Virtuell können Sie den SZ-Bus an dieser Stelle begleiten: Wir halten Sie hier mit Impressionen, Anekdoten und Kurzberichten unserer Reporter auf dem Laufenden.

Besser mitreden - im Democracy Lab der SZ

Was muss sich in Deutschland ändern? Darüber wollen wir im Wahljahr mit Ihnen diskutieren - machen Sie mit beim Democracy Lab. Mehr zum SZ-Projekt finden Sie hier.

Das Democracy-Lab-Reisetagebuch:

Ronneburg und Schmölln, 8. Juli

Von Cornelius Pollmer, Jakob Schulz und Sebastian Gierke

Der letzte Tag der SZ-Deutschlandtour führt uns von Jena aus weiter Richtung Osten.

Ronneburg drängt sich seinen Besuchern nicht gerade auf, so viel lässt sich schnell erahnen, als der SZ-Bus am Morgen auf den Markt rollt. Die anliegende Bäckerei schließt um 10 Uhr, noch zu bekommen ist ein Stück Milchzopf, eine Tasse Kaffee und ein ziemlich eindeutiges Wort. Für den Zuzug von Ausländern nach Deutschland, sollte es "mindestens eine Obergrenze" geben, sagt eine Dame in der Bäckerei. Was sie sich darüber hinaus noch vorstellen kann, erzählt sie ebenso und schnell wird deutlich, dass dahinter nicht nur Ressentiment steht, sondern auch eine ungerichtete Trauer über das schleichende Verglimmen der eigenen Heimat.

Nicht wenige Fassaden und Fenster in Ronneburg sind verstumpft, etwa jene der alten Milchhalle, vormals ein Hotspot der Kleinstadt. Leerstand und Verfall fallen auch deshalb so stark auf, weil sie sich abwechseln mit vielen liebevoll restaurierten Häusern, teilweise bezaubernd pittoreskem Fachwerk. Die "Neue Landschaft Ronneburg" hatte zur Bundesgartenschau 2007 neues Blühen in die Stadt gebracht, Stolz darauf oder mindestens Zuneigung für die eigene Stadt werden in vielen Passantengesprächen deutlich.

Auf die Frage, was sich in Deutschland ändern muss, hören wir hier öfter als anderswo: "Alles". Und dann, nach einer Nachfrage: "Für die eigenen Leute muss man was tun." Die große Kluft zwischen Arm und Reich im Land beschäftigt die Menschen. "Die in Berlin, die müssen mal einen Schuss vor den Bug bekommen", sagt ein Mann. Er wird die AfD wählen.

Auch die großen Themen der Welt werden am Markt verhandelt. Ein Mann hält einen engagierten Vortrag über die seiner Ansicht nach fehlerhafte Wahrnehmung Russlands durch die deutsche Politik und auch deutsche Medien. Die Annexion der Krim habe vielleicht nicht dem Völkerrecht entsprochen und sei gewiss auch nicht demokratisch sauber erfolgt - unbestreitbar sei aber auch, dass sie politstrategisch logisch gewesen sei, in gewisser Weise einen berechtigten Anspruch Russlands bediene und dass daraus nicht abzuleiten sei, dass Russland nun weitere Kriege führen wolle. Die zunehmende Präsenz der Nato und alles Bemühen des Westens um Aufrüstung sei deshalb ein falsches Signal.

Die große, diese die Tour begleitende Frage - Was muss sich in Deutschland ändern? - führt aber auch zu viel grundsätzlicheren Antworten, etwa in Schmölln. Eine Eisverkäuferin schenkt dort im Zentrum jedem Gast ein so offenes Lächeln, dass man sich selbst als zöliakischer Laktoseintoleranter gleich zwei Kugeln Milchspeiseeis in der Doppelwaffel kaufen möchte. Auf die Frage, was sich nun ändern solle im Land, sagt die Frau, noch immer lächelnd: die Menschen. Die sollten nicht immer andere für ihr Unglück, ihre Fehler, ihre Unzufriedenheit verantwortlich machen - sondern endlich begreifen, dass sie das Allermeiste doch letztlich selbst in der Hand hätten. Der Staat, die Politik, die Wirtschaft - damit müsse man schon umgehen können, durchaus, wer aber aus Bequemlichkeit immer nur mit dem Finger auf andere zeige, der werde seines Lebens am Ende so oder so: nicht froh.

Anja Böhmer weiß, worüber sie unbedingt mit der SZ sprechen will. Sie findet, in Deutschland müssten Familien mit geringerem Einkommen viel stärker gefördert werden. Die 34-Jährige aus Schmölln fordert, dass zum Beispiel die Gebühren für Krippe und Kindergarten für ärmere Familien sinken oder ganz abgeschafft werden müssten. Sie selbst ist Mutter einer Tochter, ihr Geld verdient sie mit zwei Halbtagsjobs als Floristin und im Einzelhandel. "Der Mindestlohn ist super, der hat für Leute wie mich viel verändert", sagt sie.

Mehr als 25 Jahre Einheit, nur nicht bei den Löhnen

Elke Bechmann und Ralf Ehlert sind heute extra aus dem sächsischen Glauchau nach Schmölln in Thüringen gekommen, um der SZ ihre Meinung zu sagen. Bechmann kann nicht verstehen, warum sie mehr als 25 Jahre nach der Einheit immer noch weniger verdient als so mancher Kollege in ihrer Firma, der in Westdeutschland arbeitet. Bei ihrem jüngsten Urlaub in Österreich hat das Ehepaar gehört, dass Österreicher deutlich höhere Renten beziehen als Deutsche. "Warum schauen wir in Deutschland nicht auch mal auf andere Länder und überlegen, was wir von ihnen abschauen könnten?", fragt sie. Von einer neuen Bundesregierung wünscht sich Ralf Ehlert weniger konkrete politische Projekte, als vielmehr eine bestimmte Koalition: Rot-Rot-Grün wäre seine Wunschkoalition.

"Der Union geht es doch nur noch um Machterhalt", klagt er. Die Berichte rund um den G-20-Gipfel in Hamburg hat der Facharbeiter mit Spannung verfolgt. Über die Gewichtung der Berichterstattung hat er sich geärgert, auch bei der Süddeutschen: "Die Medien müssen doch die Inhalte der Gespräche in den Fokus stellen, nicht die Proteste!", schimpft Ehlert.

In Schmöll legt sich am Nachmittag wochenendliche Ruhe über den schönen, sonnenbeschienenen Marktplatz. Bis auf die Eisdiele sind alle Geschäfte geschlossen. Wir beladen den VW-Bus, fast zwei Wochen war das Democracy-Lab unterwegs in Deutschland. 3000 Kilometer haben wir zurückgelegt, haben mit Hunderten Menschen gesprochen und online und offline Tausende Themen gesammelt. Themen, die Deutschland bewegen.

Damit ist die erste Phase des SZ-Democracy-Lab beendet. Wir werden die gesammelten Antworten jetzt auswerten. Und dann, im August, werden wir darüber diskutieren. Vielleicht auch mit Ihnen? Wir würden uns freuen. Im Zentrum stehen dann die Themen, die wir eingesammelt haben. Dann sind wir auch noch mal unterwegs in Deutschland. Unter www.sz.de/democracylab werden wir Sie bald über alles Weitere informieren.

Jena, Samstag, 8. Juli

Von Ulrike Nimz

Stationen der SZ-Deutschlandreise

27. Juni: München, Tollwood-Festival, 15 Uhr

28. Juni: Wolfratshausen, Marktstraße, 10 Uhr

29. Juni: Gelsenkirchen, Hochstraße, 10 Uhr

30. Juni: Gelsenkirchen, Bahnhofstraße, 10 Uhr

1. Juli: Worms, Obermarkt, 10 Uhr

2. Juli: Mannheim, Luisenpark, 10 Uhr

3. Juli: Bremen, Grasmarkt, 10 Uhr

4. Juli: Bremerhaven, Platz vor der "Großen Kirche", 10 Uhr

5. Juli: Frankfurt an der Oder, Oderturm, 10 Uhr

6. Juli: Beeskow, Marktplatz, 10 Uhr

7. Juli: Jena, Holzmarkt, 10 Uhr

8. Juli: Ronneburg (Thüringen), 10 Uhr, Schmölln (Thüringen), 14 Uhr

Nora, 19, ist in Jena aufgewachsen. Nur der Sommer trennt sie noch vom Beginn ihres Studiums: Chemie. Sie pfeift Spiele des Fußballclubs SV Schott Jena und spielt auch selbst, defensives Mittelfeld. Zur Bundestagswahl wird sie das erste Mal ihre Stimme abgeben, und eigentlich war sie sich auch lange sicher für welche Partei: die Grünen. In letzter Zeit haben die ihr allerdings an Profil eingebüßt, es fehle an Charakterköpfen wie Winfried Kretschmann, vor allem in der Asylpolitik seien zu viele Kompromisse gemacht worden, sagt sie. In ihrer Freizeit hilft die junge Frau in einem Heim für Geflüchtete, spielt mit den Kindern, liest ihnen vor. "Die Bürokratie macht den Menschen und den Helfern das Leben unnötig schwer", sagt sie.

Gernot Köhler, 69, bleibt lange auf den Bierbänken am Bus sitzen. Dem CDU-Mitglied geht es vor allem um Medienkritik. Am Aufstieg der AfD sei auch die Presse schuld, ist sich Köhler sicher. Er beklagt einen "Erziehungsjournalismus", der selbst neutralen Darstellungsformen wie der Nachricht einen Spin verleihe oder Meinungen jenseits des politischen Mainstreams gleich ganz ausblende: "Das haben die Leute satt." Köhler liest die Welt, die NZZ, die FAZ - immer auf der Suche nach konservativen Stimmen vor allem aus den Themenfeldern Energie- und Asylpolitik. Diese Stimmen sind ihm auch in der eigenen Partei zu leise. Kritik übt Köhler an Parteichefin Angela Merkel: "Manchmal habe ich das Gefühl, wir leben nicht mehr in einer parlamentarischen Demokratie, sondern in einer Kanzlerinnendemokratie."

Jena, Freitag, 7. Juli

Von Susanne Höll, Jakob Schulz und Sebastian Gierke

Der Democracy-Lab-Bus der SZ steht im Zentrum der Stadt, am Holzmarkt. Schon um kurz vor 10 Uhr morgens brennt die Sonne vom Himmel.

Zwei junge Männer sitzen auf ein paar Betonstufen. Als wir sie ansprechen, sagen sie, etwas schüchtern, sie könnten kein Deutsch. Und das in fast perfektem Deutsch. Mustafa und Selim, ihre Nachnamen wollen sie nicht verraten, sind vor sechs Jahren aus Syrien geflüchtet. Sie waren erst in Jordanien, dann in der Türkei. Jetzt sind sie seit zwei Jahren in Jena. Was sich in Deutschland ändern muss? "Nichts", sagt Selim. "Alles ist gut." Er beginnt in zwei Monaten eine Ausbildung zum Mechatroniker. "Wir sind hier angekommen." Nach ein paar Minuten Gespräch, in denen die beiden von ihrem Leben in Deutschland, dem Leben in Jena schwärmen, fällt ihnen dann doch noch etwas ein, was sich verändern sollte: "Die Bürokratie." Das Wort geht Selim schwer über die Lippen. Aber die Bürokratie, die würde er gern abschaffen. Allein, wie lange es gedauert habe, bis er einen Führerschein habe machen können. Selim lacht. Probleme mit der Bürokratie? Die beiden sind tatsächlich angekommen.

Einem Historiker aus Tübingen, zu Besuch in Jena, fällt sofort eine Antwort ein auf die Frage, was sich in Deutschland ändern muss: "Das Wetter", sagt er und lacht über sich selbst. Dabei gibt's am Freitag daran nicht auszusetzen: Mehr als 30 Grad in der Sonne, ein wenig schwül vielleicht, Gewitter liegt in der Luft. Aber der Mann stammt aus der Türkei, da ist man in Sachen Wärme halt anspruchsvoll. Dann wird er ernst. Ja, die Integration und das Zusammenleben verschiedener Kulturen sei in Deutschland schon ein Problem. Alteingesessene und Neuankömmlinge seien gleichermaßen gefordert. Er findet, die türkische Kultur sei im öffentlichen Leben Deutschlands unterrepräsentiert, abgesehen von Berlin vielleicht. Das aber sei nicht das Versäumnis allein der Ureinwohner. Vielleicht, so sagt er, trauten sich Türkischstämmige nicht, ihre Musik, Sitten und Gebräuche in das urbane Leben zu tragen.

Gegen Mittag kommt Michael Grunen an den Democracy-Lab-Stand. "Ich habe mich gerade zur Wahl aufstellen lassen." Wie bitte? Ja, Michael Grunen will in den Bundestag. Als Unabhängiger will er in einem Jenaer Wahlbezirk antreten. "Ich muss nur noch ein paar Hundert Unterschriften sammeln." Der 40-Jährige erregt sich vor allem darüber, dass die Bürger in Deutschland immer stärker überwacht würden. Überall gebe es Kameras, im Internet würden die Menschen ausgespäht. "Mein Programm ist die Freiheit".

Dann kommt Thomas Grund zum Bus der Süddeutschen Zeitung. Er hat einiges loszuwerden, den G-20-Gipfel zum Beispiel hält er für Geldverschwendung. Doch er blickt auch in die Vergangenheit. Der 64-Jährige war seit der Wende Streetworker und kümmerte sich um rechtsradikale Jugendliche in Jena. Über die spätere mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe freute er sich damals, erinnert er sich. "Die Beate hat sich damals selbständig einen Job gesucht, da war ich froh", sagt Grund. Doch dann habe sie sich in Uwe Mundlos verliebt und sei nicht mehr erreichbar gewesen. Auch die Nummer drei des NSU-Trios kannte Grund. "Der Böhnhardt war ein 'Scheitelträger', ein Organisierter. Vor dem hatten sogar die Glatzen Angst."

Ronald Müller arbeitet als Sozialpädagoge in Jena. Er macht sich vor allem Sorgen um die Umwelt. Der Klimawandel sei eine große Gefahr, die die Politik nicht ernst genug nehme. "Viele Politiker schauen nur auf die unmittelbare Gegenwart." Bis zur nächsten Wahl. Eine lebenswerte Zukunft für die kommenden Generationen könne man mit solch kurzsichtiger Politik nicht sicherstellen.

Einem alten Herren - seine 84 Jahre sieht man ihm nicht an - missfällt dagegen die Fremdwortsucht in Deutschland. Viele Läden trügen eigenartige Namen, überall sei von Dingen die Rede, die er gar nicht verstehe, sagt der Feinmechaniker, der sein ganzes Leben in der Optik-Branche gearbeitet hat. Jena war und ist ein Zentrum der Optik-Industrie. Zu DDR-Zeiten war das Kombinat Carl Zeiss mit etwa 60 000 Mitarbeitern der größte Industrie-Komplex des Landes. Die Rente des alten Herren ist nicht üppig. Aber es reicht, sagt er. Neidisch sei er nicht, erzählt er. Ganz im Gegenteil. Aber ob deutsche Manager wirklich so viel mehr Geld als normale Beschäftigte verdienen müssen, das frage er sich schon. 


Das soziale Gefälle beschäftigt etliche der Passanten, die sich am Bus einfinden, insbesondere die der älteren Generation. Ein Ehepaar aus dem Westen, zugezogen vor acht Jahren und inzwischen, wie sie sagen, begeisterte Jenaer, kennen diese Debatten. Der Gatte, Geschäftsführer einer Firma in Thüringen, versucht immer wieder, seinen Nachbarn zu erklären, dass die hohen Managergehälter eine Folge der Globalisierung seien und nicht der Geldgier. Im Ausland, besonders in den USA, würden Top-Leute in der Wirtschaft noch deutlich höher bezahlt als hierzulande. Wer gute Kräfte halten wolle, müsse tiefer in die Taschen greifen. Ob die Leute hier seine Argumente verstünden? Er zuckt mit den Achseln. Wohl eher nicht.


Wir machen uns auf zu den - vorerst - letzten Stationen der Democracy-Lab-Deutschlandtour. Nach Ronneburg (Samstag, 10 Uhr) und Schmölln (13 Uhr)

Beeskow, Donnerstag, 6.7.

Von Hans von der Hagen, Paul Munzinger, Antonie Rietzschel und Jens Schneider

Es ist gegen Mittag, auf dem Markt von Beeskow wird es ruhiger, da steht mit einem Mal ein Mann mit Strohhut am SZ-Bus und will wissen: "Was macht Ihr eigentlich hier?" Er spricht mit kräftiger Stimme und strahlt eine Lebenslust aus, die gut zu den Erlebnissen an diesem Vormittag in der kleinen Kreisstadt passt. Beeskow, 8000 Einwohner, liegt 80 Kilometer südöstlich von Berlin, nahe an der Spree. Es hat eine feine Altstadt, ist umringt von Seen. Man sollte wohl nicht über einen Besuch in der Stadt schreiben, ohne Fontane zu zitieren. "Beeskow ist nicht so schlimm, als es klingt", notierte er. Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg sind bis heute eine lohnende Lektüre, auch weil seine Feststellungen über die kleinen Orte und Landschaften heute noch oft zutreffen. Auf diesem Marktplatz, in der historischen Altstadt, vor dem Café Carmeleon, kann man sich schnell in den Ort verlieben.

Schön, sind wir dafür unterwegs? Nein, also, zurück zur Frage: Was machen wir hier eigentlich? Am Donnerstag ist Markttag in der Kreisstadt Beeskow, die Leute kommen aus den kleinen Orten rundum zum Einkaufen, sie gehen auf die Ämter, zum Arzt, zur Sparkasse. Ein idealer Tag, um Menschen hier auf dem Land, im Osten Brandenburgs, nach ihren Sorgen zu fragen, auch ihren Wünschen an die Politik. Was sollte sich in Deutschland ändern?

Der Mann mit dem Strohhut muss nicht lange nachdenken. "Ich finde nicht, dass sich was ändern muss." Das ist sein erster Satz, und dann erzählt er, wie gut er die Demokratie findet, dass es doch den Leuten richtig gut gehe, auch hier. Er würde nicht woanders hin wollen. Er ist Biobauer, hat einen Hof in der Nähe von Beeskow und sein Bioladen liegt hier gleich am Markt, unterhalb der Kirche. Und der läuft hier? "Na, die Leute kennen mich", sagt er. "Ich bin Bauer Klaus. Das läuft gut." Er berichtet, dass die Zeit der Abwanderung weitgehend vorbei sei. Jahrelang sind viele junge Leute aus dem Osten weggezogen, dorthin, wo es Arbeit gab, in den Westen. Nun kämen viele zurück. Und Lehrstellen? "Leute!" ruft Bauer Klaus aus: "Die Betriebe suchen hier Lehrlinge!"

Nach kurzem Nachdenken fällt ihm dann doch etwas ein, was ihn richtig stört: Dass sich immer so viel um Geld dreht im Land, und dass Männer Millionen verdienen, das findet er irrwitzig. Es solle schon Unterschiede geben, aber richtig wäre es, sagt er, wenn die Person am meisten verdient, die auch die wichtigsten Entscheidungen trifft, "also der Bundeskanzler, oder jetzt die Bundeskanzlerin, und keiner sollte mehr kriegen".

Es gibt auch in Beeskow einzelne Leute, die abwinken und vorbei gehen am Bus der Süddeutschen Zeitung, auf dem steht: "Wir müssen reden." Reden? Über Politik? Nicht ihr Ding. Bringt doch nix. Was soll das helfen? Solche Sätze werden da gemurmelt. Aber viel mehr bleiben stehen und wollen aufschreiben, was ihnen Sorgen bereitet. Kaum liegen die Karten bereit, da sitzen die ersten da. Akribisch schreibt eine Frau auf, dass sie mehr direkte Demokratie will, die Macht der Konzerne zurück gedrängt werden muss. Sie erklärt dem Redakteur, was ihre einzelnen Punkte auf der von ihr beschriebenen Karte bedeuten, es sind konkrete Anliegen damit verbunden. Sie ist gespannt, was nun weiter passiert damit.

Ein Herr, schon etwas älter, aber sehr agil, sagt: "Ich kann das jetzt nicht so schnell hier am Stand ausfüllen. Ich will darüber noch ein wenig nachdenken." Er erzählt, dass er in einer Bürgerbewegung aktiv gewesen sei. Die habe sich dafür eingesetzt, dass in der Gegend um Beeskow Kohlendioxid nicht tief in der Erde verpresst werde. "Wir können doch gar nicht absehen, was mit dem Gas in zehn oder zwanzig Jahren passiert. Was ist, wenn es doch irgendwie entweicht?" Er jedenfalls wolle nicht Unmengen Kohlendioxid unter seinem Haus haben. Und ja: In diesem Fall hätten sich am Ende die Bürger durchgesetzt. Aber ärgerlich sei es doch schon, dass sie keine Lobby hätten. Mit "sie" meint er nicht nur die Bürger Beeskows, sondern deutschlandweit.

Das ist sein großes Anliegen: Wer nimmt die Interessen der Bürger wahr. Im doppelten Sinn: Wer sieht sie überhaupt - und wer vertritt sie dann? "Warum kümmert sich die Politik nicht von sich aus und zuallererst um die Interessen der Bürger?", fragt er. Die Unternehmen wüssten schon, wie sie ihre Vorstellungen durchsetzten. Die Bürger könnten es nicht. "Aber ich will das jetzt alles in Ruhe aufschreiben." Er suche sich jetzt einen Platz in der Nähe des Marktes und komme bald wieder. Er nimmt sich die Zeit. Mehrere Male kommt er wieder und lässt jedes Mal eine der Karten zurück. Auf ihnen steht nun: "Finanzielle Stärkung des Staates, vor allem der Länder und Gemeinden (die Reichen müssen nicht noch reicher werden)" und: "Bessere Berücksichtigung des Gemeininteresses gegenüber Wirtschaftsinteressen." Sowie: "Zurückdrängung der Einflussnahme von Wirtschafts-Lobbisten im Gesetzgebungsverfahren. Alle Vorschläge hat er zur Verdeutlichung mit mehreren Beispielen ergänzt.

Und dann gibt es jene, die wie Bauer Klaus schon mit der Frage nichts anfangen können. Was sollte sich an Deutschland ändern? Ein Mann steht da, kratzt sich am Kopf und stellt eine unerwartete Gegenfrage: "Muss sich was ändern?" Und dann kommt die Feststellung: "Mir geht es doch gut hier!"

Der Nachbar vom Blumenstand hatte noch gewarnt: Die Leute würden viel meckern. Dabei hätten die Leute ein tolles Leben, fliegen in den Urlaub nach Südamerika. Doch gemeckert wird am Tag 6 der Tour wenig. Stattdessen gibt es viele Bekenntnisse der Zufriedenheit. Ach, er sei rüstig, fahre viel Fahrrad, sagt ein 85-Jähriger. Solange er das könne, gehe es ihm gut. "Ich hatte immer Arbeit, meine Kinder haben Arbeit. Solange wir alle gesund sind, ist alles gut", sagt eine Dame. Die Merkel mache alles richtig, sagt ein Mann, der mit einer Bekannten aus Hamburg unterwegs ist. "Sie muss Bundeskanzlerin werden", sagt er. "Werden? Sie meinen bleiben!" "Nein, werden."

Beeskow liegt nur eine halbe Zugstunde von Frankfurt an der Oder entfernt und dennoch sind die Unterschiede gravierend. Da wäre zum einen das Wetter. Als das Democracy Lab in Frankfurt (Oder) Halt machte, schüttete es so sehr, dass sich die Interessierten unterm Sonnenschirm drängten. Als der Regen nachließ, musste man die Leute ein bisschen heran locken, mit Keksen oder dem Versprechen, nichts verkaufen zu wollen. Wer redete, erzählte von der Arbeitslosigkeit, der Leere in der Stadt, der Perspektivlosigkeit. Die Flüchtlingskrise war immer unterschwellig Thema: Die kriegen alles, wir nichts.

In Beeskow scheint die Sonne. Die Stadt ist ein beliebtes Touristenziel. Der historische Stadtkern wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, aber nach der Wende restauriert. Von der Burganlage aus dem 14. Jahrhundert führt ein Weg am Ufer der Oder entlang. Im Restaurant gibt es frisch gefangenen Zander und Forelle. Das Naturschutzgebiet Schlaubetal ist nicht weit. Auch in Frankfurt gab es Leute, die verblüfft fragten, ob denn was falsch sein müsse. Es sei schon ziemlich gut in der Stadt. Aber in Erinnerung bleibt auch der junge Radler, der findet, die Redakteure müssten für den Ausflug in seine Stadt eine Gehaltserhöhung bekommen, oder die Schüler, die fragten, was man denn in Frankfurt wolle, diesem "Drecksloch", und gar nicht davon reden, dass es vom Zentrum nur wenige hundert Meter an die Oder sind, wo über den Fluss der Blick weit in die Natur reicht, und Frankfurt idyllisch wirkt.

In Beeskow können sich manche Gesprächspartner keine schönere Stadt vorstellen als die ihre. Und sie freuen sich, dass man da ist. Manche wundern sich auch: "Was hat die Süddeutsche Zeitung hier in Beeskow verloren?", fragt eine Frau, die auf dem Markt Fleisch und Wurst verkauft hat. Es klingt belustigt, aber auch misstrauisch.

Wenn nicht alle reden wollen, so hat das zuweilen auch Gründe, die es zu notieren lohnt. Einer der Händler, der gegenüber dem SZ-Bus Blumen anbietet, zeigt sich erst einmal unfreundlich. Streng weist er die Redakteure zurück, sie sollten mal schön zu ihrem Bus zurück gehen mit ihrem Fragekarten. Was sich in Deutschland ändern soll? Er hätte viel zu sagen, aber: "Nein", kein Wort will er aufschreiben. "Nix kriegt ihr von mir." Ist auch ein Menschenrecht, nix zu sagen. Warum sollte man ihn bedrängen? Bald fällt auf, dass er doch lächelt, über die Situation, auch über sich selbst. Und es entsteht der Eindruck, dass er doch gern würde, und so viel zu schreiben hätte. Er schaut immer wieder zum Bus hinüber. Dem Fleischer sagt er, dass die von der Zeitung was von ihm hören wollen, aber er würde nichts sagen. Schließlich, eigentlich schon zum Abschied, erklärt der Händler warum: Vor kurzem sei er schon mal von Journalisten befragt worden. Er habe lange mit ihnen geredet, offen Auskunft gegeben, und dann habe nichts davon richtig in der Zeitung gestanden, nicht mal sein Name sei korrekt gewesen.

Frankfurt an der Oder: "Ihr wollt wirklich meine Meinung hören?"

Frankfurt an der Oder, Mittwoch, 5.7.

Von Hans von der Hagen, Paul Munzinger, Antonie Rietzschel und Jens Schneider

Es gibt Sätze, die einen Menschen für immer begleiten können. Sigrid Albeshausen kann sich nicht erinnern, wer diesen Satz sagte. Ein kluger Mann gewiss, aber wichtig ist ihr die Aussage selbst. Denn sie fasst für sie so schön ihr Gefühl für Frankfurt an der Oder zusammen. Sie lautet: "Normalität ist die Sensation unserer Zeit."

Sigrid Albeshausen ist an diesem Mittwochmorgen als erste zum Bus der SZ gekommen, der gerade vor dem Oderturm angekommen ist. Er ragt hoch auf im Zentrum von Frankfurt, nur einen kurzen Spaziergang von der Oder und damit auch der Grenze zu Polen entfernt. Die alte Dame, sie ist 1940 geboren und damit eine alteingesessene Frankfurterin, möchte den Blick auf einen Ausschnitt der europäischen Geschichte lenken, der hier in der Stadt spielt, längst Normalität ist. Und eben doch eine Sensation, weil das noch vor Jahrzehnten unvorstellbar war.

Sie spricht von der selbstverständlich offenen Grenze zu Polen und von der Europauniversität Viadrina, die gleich hinter dem Oderturm ihren Campus hat. Es ist ein Idyll direkt am Fluss und mit seinem hohen Anteil an Studenten aus Polen und aus anderen Ländern Ost-, Mittel- und Westeuropas eine besonders internationale Universität. 6500 junge Leute studieren hier.

Sigrid Albeshausen erzählt, wie alles begann 1989, noch vor der deutschen Wiedervereinigung. In der Bürgerbewegung entstand der Wunsch, eine neue Universität in der Stadt zu gründen. Die Regierung in Brandenburg machte sich das Anliegen zu eigen, im September 1991 wurde die Europa-Universität eröffnet. "Jetzt ist das normal", sagt die Frankfurterin, aber eben doch etwas Besonderes, so wie es auch der freie Verkehr zwischen Slubice auf der anderen Seite und Frankfurt sei, und dass Polen und Deutsche selbstverständlich über den Fluss wechseln können, und es gern tun. Die einen mehr, die anderen weniger.

"Journalisten suchen ja immer das Ungewöhnliche", sagt sie. Ihre Bitte ist nun, das Besondere im Alltag zu erkennen, das viel wichtiger und aussagekräftiger sein kann als ein Ereignis, das kurz Aufsehen erregt: Normalität als Sensation unserer Zeit. Der Satz passt gut zu diesem Tag in Frankfurt/Oder, einer Stadt, die es wegen ihrer Randlage an der deutschen Grenze nicht leicht hatte. Es gibt wenig Arbeit, in den Jahren nach dem Ende der DDR gingen viele junge Leute deshalb in den Westen. Die Einwohnerzahl sank fast um ein Drittel auf etwa 58 000.

Deutlich, kritisch, auch deftig. Wozu sonst waren wir da?

Es könne rau zugehen am Bus, hieß es vorher von Bekannten in Berlin und Potsdam. Tatsächlich wurde es ein freundlicher Tag, nicht des Wetters wegen, das eine Art Brandenburger Monsun lieferte am Vormittag, Dauerregen wie an Bindfäden. Die Gesprächspartner wurden deutlich und kritisch, auch deftig, wozu sonst waren wir da?

Aber fast immer ging es ihnen darum, dass die Normalität genauer betrachtet wird, auch die ihrer Nachbarn - oder das, was sie dafür halten. Da ist das schwierige Auskommen der vielen Rentner, die nur noch eine Grundsicherung bekommen, weil sie in den schwierigen Nachwende-Jahren oft ohne Job waren und deshalb zu wenig Ansprüche sammeln konnten. "Die Rentner sammeln hier Flaschen, na, warum denn?" fragt eine Frau. Oder die niedrigeren Grundrenten im Osten - "Arbeit ist doch Arbeit!"

Und dann die Folgen der Abwanderung der Jungen. "Auf den Straßen sieht man nur alte Leute, dies ist die Hochburg der Rollstühle und Rollatoren", sagt ein Rentner, der selbst auf einer Art Chopper unterwegs ist. "Und wenn die Leute wenig Rente haben und die Löhne niedrig sind, dann machen die Geschäfte zu, weil keiner was kauft."

Am Nachmittag kommt eine ältere Dame an den Stand, wirft einen Blick auf die ausliegenden Zettel und hat auf die Frage, was sich in Deutschland ändern muss, sofort eine Antwort. Die Reichen würden immer reicher, sagt sie, und die Armen immer ärmer. Das dürfe so nicht weitergehen. Doch die Bundesregierung, ist sie überzeugt, habe ihre Macht an die Wirtschaft abgegeben. Es zähle nur der Profit, eine soziale Politik finde nicht statt. Arbeitsverträge würden nur noch befristet vergeben, was die Arbeitnehmer zu Konkurrenten mache und sie zwinge, sich auch wie Konkurrenten zu benehmen. Ellbogeneinsatz aus Notwehr gewissermaßen. Das einzige, was verlässlich steige, seien die Mieten.

Doch es ist nicht das einzige Thema, das ihr Sorgen bereitet. Trump, Erdoğan, der um sich greifende Nationalismus. Putin. Wobei sie für Putins Politik durchaus Verständnis aufbringt, eine Haltung, die man hier in Frankfurt immer wieder hört. Die Krim sei immer russisch gewesen und von Chruschtschow in einer Schnapslaune der Ukraine überlassen worden. Putin werde in die Ecke gedrängt, die Nato habe nach dem Ende der Sowjetunion ihr Versprechen gebrochen, sich nicht nach Osten auszudehnen. Ein solches Versprechen hat es nie gegeben, schaltet sich ein Mann von der anderen Seite des Tisches ein. Eine kurze Debatte, man einigt sich darauf, sich uneinig zu sein, die Frau muss weiter.

Was soll sich in Deutschland ändern? Einem älteren Herrn ist ein Punkt am wichtigsten: dass die AfD in Zukunft nichts zu melden haben werde. Sie würde nach außen nicht die Interessen Deutschlands vertreten, glaubt er, und hänge einem rückwärtsgewandten Weltbild an, das er nicht unterstützen könne. Ansonsten wünscht er sich, der "Ottonormalmensch" würde besser dabei unterstützt, über die Runden zu kommen. Er berichtet von einer kleinen Rente. In der DDR habe er nicht studieren dürfen, nach der Wende habe er versucht, sich mit der Bundesrepublik anzufreunden. Er versuche es bis heute. Doch mit der (von diesem Herrn eher wenig verklärten) DDR sei im Osten Deutschlands auch der soziale Zusammenhalt zusammengebrochen. Eine soziale Kälte habe Einzug gehalten und sich bis heute gehalten. In Frankfurt hört man das an diesem Tag immer wieder.

"Wir können auch nicht unsere Erinnerungen streichen"

Besonders die Älteren wollen nicht nur über die aktuelle Politik sprechen, sondern auch darüber, was war. Über die DDR-Zeit, über die Wende, wie sie das damals erlebt haben. Ein älterer Herr erinnert sich an 1989 als die friedlichen Demonstrationen begannen. Damals sei es auch darum gegangen miteinander zu reden. "'Demokratie jetzt', das war unser Motto." Seiner Meinung nach hätte das auch viel besser zur SZ-Aktion gepasst als "Democracy-Lab". Ein älteres Pärchen sagt: "Wir haben damals keine Ungerechtigkeiten erlebt. "Wir haben unsere Kinder großgezogen und vor uns hin gelebt." Nein, natürlich wolle er nicht die DDR zurück, sagt er. "Aber wir können auch nicht unsere Erinnerungen streichen", sagt sie.

Ein älterer Herr nimmt auf der Bank Platz, erzählt von der DDR als geschlossenem Staat, Austausch mit Migranten habe es schlicht nicht gegeben. Anders als im Westen, wo Türken als Gastarbeiter ins Land kamen. Aus seiner Sicht sei das auch der Grund für die hohe Zahl an rechtsextremen und rassistischen Übergriffen im Osten. Hier sei man Menschen mit anderer Herkunft nicht gewohnt.

Die Flüchtlinge sind ein Thema, das viele ansprechen, ohne es ansprechen zu wollen. "Die Leute reden untereinander darüber", sagt einer der vielen Älteren, die am Bus das Gespräch suchen. "Sie reden untereinander, aber nicht offen. Weil sie Angst haben, dass man sie für Nazis hält." Das Thema kommt dann aber doch.

Zwei Gymnasiasten, ein Mädchen und ein Junge im besten Teenageralter, kommen an den Stand und erzählen, wie altmodisch ihr Unterricht sei - und wie erbärmlich ihnen die Ausstattung in der Schule vorkomme. Einen Computer gebe es nur für den Unterricht. Und der sei so alt, dass ihn keiner mehr ernst nehmen könne. Und fragen, warum Geld für andere da sei - aber nicht für das, was ihr Leben gerade bestimmt: die Ausbildung. Man könne doch immer lesen, wie wichtig die Ausbildung für die Zukunft des Landes sei, sagen sie. Nur zu spüren sei davon nichts. Und: "Warum ist die Ausbildung nicht praxisorientierter? Warum sind wir nur Objekte, die lediglich Daten aufsaugen sollen? Warum lernen wir den Satz des Pythagoras - aber haben nicht die geringste Ahnung, wie wir später eine Steuererklärung machen müssen?" Die anderen, für die das Geld da sei - das sind die Flüchtlinge. Sie sagen: Wenn Kriegsflüchtlinge zu uns kommen, ist es ok. Nicht ok ist es für sie, wenn Menschen aus wirtschaftlichen Gründen kommen.

Das ist ein Satz, den dann doch viele loswerden möchten. Wie der Mann, der mitbekommen hat, wie einer der Redakteure Passanten zurief: "Wir wollen Euch nichts verkaufen, wir wollen nur Eure Meinung hören." Er tritt heran. "Ihr wollt wirklich meine Meinung hören?", fragt er beim Näherkommen ungläubig. Er will gerne etwas loswerden, weil es ihn zu quälen scheint. Drei Mal bittet er darum, "nicht in die rechte Ecke gestellt" zu werden. Er sagt: "Das funktioniert einfach nicht, wenn so viele Flüchtlinge kommen. Es macht unsere Kultur kaputt. Und für uns bleibt nichts mehr übrig. Kein Geld, keine Wohnungen, keine Arbeit."

Oft begegnet uns das Gefühl, dass man nicht offen seine Meinung sagen könne. Selbst ein Mann, der morgens als einer der ersten an den SZ-Stand gekommen ist und sich als Mitglied der örtlichen SPD vorstellt, bittet nach einem langen Gespräch über Putin, Steuern und Flüchtling folgendes auf dem Zettel zu notieren: "Political Correctness wird zu hoch gehängt. Das verhindert eine offene Debatte."

Heute geht es weiter nach Beeskow.

Bremerhaven: "Der ist immer so auf Leistung aus."

Bremerhaven, Dienstag, 4.7.

Von Peter Burghardt, Detlef Esslinger und Matthias Kolb

Bremerhaven ist von Bremen eine halbe Zugstunde entfernt. Beide Städte bilden zusammen das Land Bremen, doch die Innenstädte könnten unterschiedlicher nicht sein. Der Platz vor dem Bremer Rathaus ist nach wie vor vom Mittelalter geprägt, in Bremerhaven ist fast alles Nachkriegsarchitektur. In Bremen kamen zwei Gruppen von der Uni zum SZ-Bus, in Bremerhaven kommen: Handwerker, Lehrer, Selbstständige, Rentner. Und eine 21-jährige Frau, die eigentlich zu einer der beiden Unigruppen vom Vortag gehörte, es aber am Vortag nicht geschafft hatte.

Die ersten zehn Schuljahre war sie früher in einer niedersächsischen Schule, ein paar Kilometer von Bremerhaven entfernt, die Oberstufe absolvierte sie hier, also im Land Bremen. Sie sagt: "Alles, was ich hier fürs Abitur brauchte, habe ich in den zehn Jahren in Niedersachsen gelernt." Der pensionierte Lehrer am Tisch sagt, im Bremer Schulsystem sei Leistung verpönt. Er erinnert sich noch, wie eine Kollegin einst über ihn tuschelte, und sie meinte das nicht als Kompliment: "Der ist immer so auf Leistung aus."

Wir bekommen ja oft Mails, in denen uns vorgeworfen wird, "die Wahrheit" zu verschweigen und gesteuert zu sein - von Merkel, von den Konzernen, von wem auch immer. In Bremerhaven sagt es uns ein Besucher auf den Kopf zu. Er weiß, dass Merkel hundertfach das Gesetz gebrochen hat, dass die "Neue Weltordnung" alles beherrscht, dass eine bekannte Bürgerrechtlerin aus Ostdeutschland früher bei der Stasi war (dass bei Wikipedia das Gegenteil steht, beirrt ihn nicht, weil Wikipedia Amerika ist und alles löscht, was Amerika nicht passt), dass am 11. September schon deshalb keine arabischen Terroristen in den Flugzeugen saßen, weil... Und so weiter, und so fort. Jedenfalls, "den Medien" glaube er kein Wort.

Was sagt man da? Inhaltlich ist eine Debatte unter diesen Vorzeichen natürlich schwierig. Wir versuchen es zunächst, indem wir darauf hinweisen, dass es "die Medien" im Prinzip nicht gibt. Was er denn von Beruf sei? Handwerker. Was er davon hielte, wenn wir umgelehrt behaupteten, "die Handwerker" seien unpünktlich und machten nur Pfusch. Er bleibt bei seiner Ansicht. Er hat Udo Ulfkotte gelesen, der es als Ex-FAZ-Redakteur ja wissen musste, er liest die Bücher des Kopp-Verlags, da steht alles drin. Demokratie bedeutet manchmal, von sehr weit entfernten Enden aus miteinander zu reden. Aber Hauptsache, man redet miteinander. Nach einer Stunde verabschieden wir uns voneinander, leider nur einig darin, vollkommen uneins zu sein.

Mehr deutsche Hilfe für Afrika - aber nicht an Regierungen

Karin Harrje wiederum hat sich bestens vorbereitet auf den Besuch der SZ in Bremerhaven. Die ältere Dame hat einen Jutebeutel dabei, aus dem sie immer mehr Zeitungsartikel, Infobroschüren und handgeschriebene Blätter zieht. Harrje engagiert sich im Verein "Freiheit für Westsahara e.V." und es stört sie, dass die Bundesregierung akzeptiert, dass diese "letzte verbliebene Kolonie in Afrika" existiert. Westsahara ist von Marokko annektiert und diese Tatsache sei leider unbekannt: "Fragen Sie hier jemand in der Fußgängerzone, das weiß doch keiner."

Ihr ist es ein wichtiges Anliegen, dass die Deutschen mehr über die europäische Kolonialgeschichte wissen: Dies sei einer der Gründe, warum es ungerecht zugehe in der Welt. Für die Innenpolitik interessiert sich Harrje nicht sehr. Sie weiß natürlich, dass es eines der Ziele des G-20-Gipfels in Hamburg ist, eine enge Investitionspartnerschaft mit Afrika aufzubauen. Helfen werde dies aber nichts, glaubt Harrje: "Man darf den korrupten Regierungen dort kein Geld geben, da versickert doch alles. Wir sollten Start-Ups und kleineren Unternehmern helfen, Jobs in ihren Ländern zu schaffen."

Bremen: Unterrichtsfach "Vorbereitung auf das Leben"

Bremen, Montag, 3.7.

Von Hannah Beitzer, Detlef Esslinger, Thomas Hahn, Matthias Kolb und Peter Lindner​

Als wir in Bremen, vorm Rathaus und vor der Bushaltestelle, unseren Stand aufbauen, denken wir zweierlei: Wie kommen wir gleich wohl mit den Leuten ins Gespräch? Und wer sind wohl diese beiden Gruppen, die da so ausdauernd auf den Bus warten? Sie warten in der Tat ausdauernd, aber nicht auf den Bus, sondern darauf, dass wir endlich startklar sind. Julia Gantenberg vom Zentrum für Arbeit und Politik (ZAP) der Uni Bremen ist mit drei Schülerinnen eigens in die Stadt gefahren, um mit uns zu sprechen. Vergangene Woche war in Bremen die erste Ferienwoche, und in der veranstaltete das ZAP eine Demokratiewerkstatt, mit zwölf Schülern aus Bremen und Niedersachsen.

Sarah Heuer (17), Kathrin Sulecki (16) und Alexis McCullough (18) wollen nicht zuschauen in der Demokratie, sondern mitmachen, und in der Demokratiewerkstatt haben sie Forderungen entwickelt, damit sie dazu auch in die Lage versetzt werden. Zum Teil geht es ihnen um scheinbar Banales. "Wir wehren uns gegen kaputte Schultoiletten", heißt es in ihrem Katalog, und sie beklagen, dass es in einer Schule bloß drei Reagenzgläser gibt.

Außerdem hätten sie gern ein zusätzliches Unterrichtsfach: "Vorbereitung auf das Leben", VadL ist ihre Abkürzung dafür. Darin soll es ein Anti-Mobbing-Training geben, es soll ihnen etwas über Buchführung und über Ernährung beigebracht werden, und die Gleichstellung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgendern soll darin ebenfalls behandelt werden. Was sie dafür streichen würden? Zum Beispiel die Kurvendiskussion, sagt eine der Schülerinnen. Zumindest, solange ihnen kein Mathelehrer erklärt, was daran Vorbereitung auf das Leben sein soll.

Studenten wünschen sich mehr politische Bildung in der Schule

Die andere Gruppe, die geduldig wartet, besteht aus 15 Politik-Studenten der Uni Bremen. Der Dozentin Iris Krimmel gefällt die Idee des "Democracy Lab" so gut, dass sie ihren Kurs auf den Platz zwischen Rathaus und Dom verlegt. Zwei Stunden wird diskutiert, was sich in Deutschland ändern muss - und schnell geht es um politische Bildung. "In Bremen kann man Abitur machen und muss nur ein Jahr Gemeinschaftskunde belegen", berichtet Jendrik Hilgerloh. "Wer nicht will, der muss nicht", sagt der 26-Jährige - und hält diesen für den falschen Ansatz.

Wie kann man Bürger und vor allem junge Leute also für Politik interessieren? Die Studenten wünschen sich in der Schule "weniger Fakten und Daten", sondern dass die Lehrer klar machen, dass sich jeder einbringen soll und jeder von Politik betroffen ist. Dass in Bremen (ebenso wie in Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen) schon 16-Jährige auf Landesebene wählen dürfen, sei kein Allheilmittel.

"Die Strukturen müssen sich ändern und die Schüler besser vorbereitet werden", sagt Berit Dießelkämper. Planspiele und Info-Veranstaltungen von anderen Jugendlichen oder jungen Erwachsenen wären gut, sagt sie: "Sonst klickt jeder nur beim Wahlomat rum und wählt die Partei, die Cannabis legalisieren will und kostenloses Internet für alle verspricht." In der Gruppe wird genickt, als ein Student sagt: "Beruflicher Erfolg ist das Einzige, was zählt. Wer viel Geld verdient, ist hoch angesehen, das ist die einzige Kategorie."

Als "Zaungast" der Gruppe ist Thomas Krause dabei, der als Lehrer an der Gesamtschule Mitte unterrichtet. Er berichtet von einem großen Bedürfnis der Schüler nach Informationen über Kapitalismus und über das Wirtschafts- und Sozialsystem in Deutschland. Auch eine Studentin sagt: "Ich habe keine Ahnung, wie ich für die Rente vorsorge und wie das Finanzsystem funktioniert."

Über die Europäische Union wird wenig debattiert: "Warum auch? Wir kennen es nicht anders und wissen gar nicht mehr genau, wie es vorher war und was die EU erreicht hat." Den Brexit finden alle schlimm, aber aus Großbritannien kommt auch Gutes. "Jeremy Corbyn und Bernie Sanders haben mir das Vertrauen in die Politik zurückgegeben", sagt Krause. Die Grünen sollten sich hier ein Beispiel nehmen - und nicht bei allen Protesten einknicken.

Lob für die "Ehe für alle" und Kampf gegen den Wind

Gleich am Morgen kommt Enno Hoffmann, 69 Jahre alt, zum SZ-Stand. Er ist sehr gut gelaunt und hat auch gleich eine Erklärung dafür: das Gesetz zur "Ehe für alle", das in der vergangenen Woche überraschend den Bundestag passiert hat. "Dass Politiker einfach mal etwas möglich machen, gegen alle Konventionen, das würde ich mir häufiger wünschen."

Ihn habe das an die Zeit der sozial-liberalen Koalition unter Willy Brandt erinnert. "Ich wünsche mir außerdem, dass es nicht nur um das Verhältnis des Menschen zur Wirtschaft geht", sagt er, "sondern häufiger um gesamtgesellschaftliche Fragen." Auch findet er, dass ein zu starker Fokus auf Innenpolitik gelegt wird. "Dass Martin Schulz sein Kernthema Europa nicht mehr in den Vordergrund rückt, das verstehe ich einfach nicht."

Wer schaut nachmittags vorbei am SZ-Stand? Eine Mutter mit zwei Kindern, 11 und 26 Monate alt, beklagt, dass Frauen ihrer Meinung heutzutage schief angesehen werden, wenn sie nach zwölf Monaten nicht sofort arbeiten gehe. Ein Passant gibt sich als anerkanntes Missbrauchsopfer der katholischen Kirche zu erkennen und sagt: "Leute wie ich haben keine Lobby."

Da wir gegenüber der Bremischen Bürgerschaft stehen, kommt auch ein Politiker vorbei. Claas Rohmeyer sitzt für die CDU im Parlament des kleinsten Bundeslands und sagt den Redakteuren zwei wichtige Dinge: Dass der Wind regelmäßig die SZ-Postkarten wegweht, liegt daran, dass unser VW-Bus in der "Düse" steht, wo es kräftig bläst. Und der gebürtige Bremer betont, dass die "heute arme" Hansestadt bis Anfang der 1970er Nettozahler im Länderfinanzausgleich war: "Das habe ich Markus Söder auch immer gesagt." Rohmeyer kennt also nicht nur jeden zweiten Passanten, der vorbeiläuft, sondern auch den Finanzminister des reichen Bayerns.

Es bräuchte einen sozial geförderten Arbeitsmarkt

Währenddessen sind Thomas Hahn und Hannah Beitzer abseits des Zentrums unterwegs: in Gröpelingen, einem der ärmeren Stadtteile Bremens. Sie treffen dort Pastorin Almut Rüter und Quartiersmanagerin Rita Sänze. Beiden ist wichtig zu betonen, dass Gröpelingen dem Klischee des tristen Armutsviertels nicht entspricht. "Es ist ein sehr bunter Stadtteil", sagt Rüter, "viele Leute sind sehr stolz darauf, aus Gröpelingen zu kommen."

Dennoch haben die Wünsche, die die beiden Frauen den SZ-Reportern gegenüber formulieren, viel mit sozialer Gerechtigkeit zu tun. "Wir dürfen trotz einer niedrigen Arbeitslosenquote nicht vergessen, wie viele Menschen in Armut leben, obwohl sie Arbeit haben", sagt Rüter. Sie berichtet von Minijobs, von befristeten Arbeitsverträgen, die eine Zukunftsplanung unmöglich machen: "Das beobachte ich oft: Die Unsicherheit, nicht zu wissen, ob man in einem halben Jahr noch die Miete zahlen kann, belastet unheimlich."

Quartiersmanagerin Sänze ist das Thema Bildung besonders wichtig: "Ich bin dafür, das föderale Bildungssystem abzuschaffen und ein zentrales System einzuführen." Außerdem denkt sie: "Es müsste einen sozial geförderten Arbeitsmarkt geben für Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance haben."

Um Job-Probleme geht es auch beim letzten Gespräch vor dem SZ-Bus zwischen Rathaus und dem Bremer Dom. Zwei Frauen setzen sich auf die Bierbank: die eine ist 26 und arbeitslos und wird von der anderen, einer Sozialpädagogin, unterstützt. Die junge Frau berichtet von ihrer Depression und wie wenige Arbeitgeber bereit seien, jemandem wie ihr eine Chance zu geben.

"50 Prozent der psychisch Kranken sind arbeitslos, und von denen, die Arbeit haben, gehen nur zehn Prozent einem regulären Job nach", sagt die Frau und zitiert den "Bericht zur Armutsentwicklung 2017". Über dieses Thema und die Zusammenhänge wisse die Gesellschaft zu wenig Bescheid.

Mannheim: Was hinter scheinbar rechten Parolen wirklich steckt

Mannheim, Sonntag, 2.7.

Von Susanne Klein, Josef Kelnberger und Bernd Kastner

Ein Sonntag in Mannheim, es ist der Tag der Großväter mit Fotoapparaten, der Kinder in Bollerwagen, der Mütter und Väter mit Picknick-Rucksäcken. Der SZ-Bus hat hier einen besonders schönen Standplatz - im Luisenpark, am Rondell unterhalb der Kassenhäuschen mit Blick auf Blumenrabatten und Rasenflächen mit alten Bäumen. Noch ein Glücksfall: Es regnet nicht mehr wie gestern im Worms, das Plätschern kommt von dem Brunnen nebenan.

An unserem Stand vorbei strömen die Familien in den Park, zwei Mädchen, zehn und elf Jahre alt, kommen vorbei. In welche Schulen geht ihr? Vierte Klasse Grundschule, und Realschule, fünfte Klasse. Und endlich gibt es einmal Lob für die Bildung: "Ich liebe meine Lehrerin!", ruft die Jüngere enthusiastisch, die andere ergänzt: "Ich meine Lehrerinnen auch!" Gar nichts, was in der Schule besser sein könnte? Doch, anstelle des Treppenhauses eine Riesenrutsche, wünscht sich die Elfjährige.

Sie gibt es tatsächlich auch: Menschen, die nichts auszusetzen haben an der Politik, zumindest nichts Gravierendes. Keine besonderen Wünsche habe er, sagt ein Vater, um dann, nach längerem Überlegen, sich etwas mehr Flexibilität bei der Elternzeit zu wünschen. Ansonsten aber sei er "sehr zufrieden" mit der Politik. Eine Frau merkt an, dass sehr viel gemeckert werde in Deutschland, zu viel. Und ein älterer Mann sagt im Vorbeigehen: "Ich bin mit unserem Land, so wie es ist, zufrieden. Es geht uns gut."

"Man hetzt nicht über Leute, die in Not sind"

"Es reicht", sagt dagegen Gunter Kunecke. Er ist schon halb in Rente, und Rita Zengerle, seine Begleiterin, stimmt ihm zu. Sie meinen die Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge und fügen an: "Es sind schon zu viele da." Aha, da stehen also zwei AfD-Sympathisanten, denkt man - bis man länger zuhört. Kunecke und Zengerle finden es nämlich völlig daneben, wie im Internet von ganz Rechten und der AfD gegen Flüchtlinge gehetzt werde. "Man hetzt nicht über Leute, die in Not sind", sagt Kunecke. So sehr er die Asylpolitik kritisiert, so findet er doch: Denjenigen, die nun mal da sind, müsse Deutschland nun auch helfen, mit Sprachkursen zum Beispiel. Und den Kriegsflüchtlingen aus Syrien sowieso, keine Frage. Bloß die, die sich strafbar machen, die sollten in den Flieger nach Hause gesetzt werden: "Wer ein Gefährder ist, muss weg."

So verlaufen viele Gespräche: Hört man länger zu, fragt man nach, kommen hinter zunächst scheinbar eindeutigen Parolen differenzierte Meinungen an die Oberfläche. Gerade beim Thema Asyl. So auch bei Petra Schimass, die mal Postbotin war und nun in Frühpension ist. Sie beklagt, dass in einem nördlichen Stadtteil Mannheims Frauen ein ungutes Gefühl hätten, wenn sie auf die Straße gingen - wegen der Flüchtlinge in einem Asylheim. Sie selbst habe noch nichts Negatives erlebt, aber was man so höre im Bekanntenkreis, das sei Anlass zur Sorge. Nun fordert Schimass aber keineswegs, die Flüchtlinge wegzuschicken. Sie will vielmehr, dass sie arbeiten dürfen, um nicht jeden Tag die Zeit totschlagen zu müssen. Arbeit für Flüchtlinge - ein Rezept gegen deutsche Angst.

Mehr Kontroverse, mehr Transparenz - und mehr bezahlbarer Wohnraum

Ein älterer Herr mit Baseballkappe kommt zielstrebig auf unseren Stand zu, Klaus Brückner, 76, von der Bürgerinitiative "Konversion ja, BuGa nein" - beziehungsweise von der kleinen Truppe, zu der die Initiative geschrumpft ist. Die Bundesgartenschau in Mannheim ist beschlossene Sache, wenn auch mit 50,7 Prozent eine denkbar knapp beschlossene. Brückner ist sauer, weil die Stadt die Bürger betrogen habe, wie er sagt - mit Versprechen, die sie nun nicht halte. Hätte man immer mit offenen Karten gespielt, wäre der Bürgerentscheid anders ausgegangen, da ist er sicher. Es wird ein langes Gespräch, über die Konversion ehemaliger Flächen des US-Militärs, über Mannheims Schulden, über mangelnde Kommunikation zwischen Bürgern und Politik. Der Diplom-Kaufmann verlangt "echte Bürgerbeteiligung", mehr kontroverse Diskussion, mehr Transparenz.

Unter den Eltern, die mit ihren kleinen Kindern in den Luisenpark kommen, ist auch eine junge Mutter aus Stuttgart. Sie hat einen Wunsch an die Politik: Dass für Familien die Wohnungen erschwinglich werden. Dass es mehr bezahlbare Wohnungen gibt im mittleren Segment zwischen Sozialwohnung und dem Luxusbereich. Sie selbst suche schon lange nach einer neuen Bleibe in Stuttgart, vergeblich. "Paul!" ruft sie, weil ihr Sohn allzu große Freude an einer Pfütze gefunden hat. Paul kommt lachend angelaufen. Und sonst, noch einen Wunsch an die Politik? Die Mutter überlegt. Nein, nur die Sache mit den Wohnungen. "Der ist schon sehr akut, der Wunsch."

Worms: Ach, gäbe es doch nur einen wie Macron in Deutschland

Worms, Samstag, 1.7.

Von Josef Kelnberger, Susanne Klein, Gianna Niewel und Bernd Kastner

Der Wind setzt unserem Sonnenschirm zu, dabei bräuchten wir ihn in Worms als Regenschirm. Wie gut, dass gleich am Obermarkt ein Eis-Cafe ist mit sehr großen Schirmen und warmem Kaffee. Dort finden wir am Samstag vorübergehend Asyl mit dem SZ Democracy Lab. Ein guter Ort für gute Gespräche. Und Gesprächspartner begegnen uns genug. Mag sein, dass dabei auch die Flohmarkttische helfen, die vor den Läden rund um den Obermarkt stehen. An diesem Samstag steht die Innenstadt unter dem Motto "Fern Appel unne Ei" - das lockt die Menschen trotz Regen auf die Straße.

Joachim Schulte allerdings sucht nicht nach Schnäppchen, er ist eigens aus Mainz angereist, weil er die Idee des Democray Lab so gut findet und weil es solche Aktionen noch viel öfter und größer geben sollte. Er ist Lehrer von Beruf und macht sich viele Gedanken, wie das Scharnier zwischen gesellschaftlichem Diskurs und den Parlamenten besser geschmiert werden könnte.

Demokratieausbildung für Lehrer

Mehr öffentliche Orte der Begegnung, der politischen Diskussion wünscht Schulte sich zum Beispiel; Orte, die parteipolitisch und weltanschaulich neutral sind, und an denen über unsere Demokratie geredet und nachgedacht wird; Orte, die leicht zugänglich sind, also keine Schwellenangst auslösen. Und er wünscht sich, dass ein Modul Demokratiebildung verpflichtend in den Ausbildungsplan für Lehrer aufgenommen wird. Das kommt ihm nämlich zu kurz: Dass Lehrer ihren Schülern mehr Lust auf Demokratie machen.

Eine Frau schiebt ihr Fahrrad über den Obermarkt, bleibt kurz stehen. Es seien zu viele Ausländer in Deutschland, sagt sie. Und dass sie Angst habe vor Terroristen und ihren Bomben und deshalb am liebsten wieder zurück gehen würde, in ihre Heimat. Die Frau spricht gebrochen Deutsch, sie lebt seit 27 Jahren hier, nun überlegt sie, heimzukehren in die Dominikanische Republik. "Ich habe Angst."

Ein Ehepaar überquert den Marktplatz, die Frau schiebt einen Buggy, in dem ein Zweijähriger sitzt. Auf ein kleines Winken strahlt er zurück. Kurz vor seiner Geburt sind seine Eltern nach Deutschland gekommen, aus Syrien, sie sind vor dem Krieg geflohen. Die Frau hat dort als Lehrerin gearbeitet, ihr Mann als Tierarzt. Jetzt lernen sie Deutsch und hoffen auf baldige Arbeit. Die junge Frau fürchtet, nirgendwo eine Stelle zu bekommen, weil sie Hidschab trägt. Das Gespräch findet auf Englisch statt, mit ein paar deutschen Brocken.

Die Deutschen sind alt

Was bekommen die beiden mit von der Politik in Deutschland? Die Ehe für alle zum Beispiel, gerade im Bundestag entschieden. Das finden sie sehr merkwürdig, nur Mann und Frau sollten heiraten. Aber das Erste, was ihnen zu Deutschland einfällt: Es ist sicher. Es gibt Schulen und Universitäten, sehr wichtig; sie wollen, dass ihr Sohn eine gute Bildung bekommt. Aber die Deutschen sind ziemlich alt, das ist ihnen aufgefallen. Wenn das so weiter geht mit den wenigen Kindern, wer soll dann in 20 Jahren die Arbeit machen, das Handwerk vor allem? Darum sollte Deutschland sich kümmern, sagen sie. Und noch einen Wunsch haben sie: Wenn in Syrien eines Tages der Krieg vorbei ist, dann soll Deutschland helfen, dass aus Syrien eine Art kleines Deutschland wird.

Vor einer Modeboutique linker Hand steht ein Mann und lutscht Eis, er wartet auf seine Partnerin. Haben Sie Zeit für ein Gespräch, wir sind von der SZ? Er schaut mürrisch: Süddeutsche? "Lügenpresse." Warum bitte? "Weil so vieles verheimlicht wird." Es folgt eine Tirade auf die Medien im Allgemeinen und den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk und seine Gebühren im Speziellen und dann auf die Hilfsschiffe, die im Mittelmeer Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten. "SA der Grünen" nennt der Mann die Organisatoren dieser Einsätze.

Wunsch nach französischen Verhältnissen

Er ist kein Wormser, er besucht hier nur gerade seine Freundin. Als Landwirt hatte er in der Nähe von Bremen einen Bauernhof, jetzt ist er im Ruhestand und fühlt sich immer noch verunglimpft als Massentierhalter und damit Tierquäler, wegen seiner 350 Kühe. Und weil er ein paar Mal bei Pegida mitgelaufen ist, fühlt er sich als Rechtsradikaler gebrandmarkt. Als das Eis schon gegessen ist und er seine Finger abgewischt hat, erzählt er, dass er seit 40 Jahren CDU Mitglied sei, regelmäßig die Kirche besuche, dass er einen gläubigen Muslim zum Freund habe und stolz darauf sei, dass Deutschland Flüchtlinge aufnehme, "echte Flüchtlinge". Und das mit der Lügenpresse, das sei natürlich "eine kleine Übertreibung".

Es regnet gerade mal nicht, unsere Bierbänke sind mit einem Fensterabzieher aus dem Cafe trocken gemacht. Am Obermarkt befindet sich der Weltladen von Worms, ein Paar mittleren Alters läuft von dort auf den SZ-Bus zu. "Wir bräuchten französische Verhältnisse", sagt der Mann. Am Tisch stellt er sich später als Werner Neßler vor, seine Frau Christiana sitzt neben ihm, sie leitet den Weltladen, ehrenamtlich. Ehe sie beide ihrer Enttäuschung über das hiesige politische Personal Luft machen, schwärmen sie vom neuen französischen Präsidenten Macron.

Wie der Neue Leute in die Politik gebracht habe und die alten Strukturen pulverisiert habe - toll. Und in Deutschland? "Du kannst entweder Not oder Elend wählen." Man finde keinen mehr, der nach der Wahl tue, was er angekündigt habe. Klingt fast nach AfD. Nein, nein, diese Partei finden sie am schlimmsten von allen. Ach, sagen sie, gäbe es doch nur einen wie Macron in Deutschland.

Neben den Neßlers, am selben Biertisch, sitzt ein Mann in einer türkisfarbenen Tracht mit großen afrikanischen Mustern. Er ist 44, gelernter Schweißer, verdient sein Geld aber als Lagerarbeiter. Was sich in Deutschland ändern müsste? Dass man für zusätzliche Samstag- oder Sonntagarbeit, die man auf Verlangen der Firma erledigt, keine Steuern zahlen muss. Er zahlt gern Steuern, aber das Arbeiten am Ruhetag, das findet er hart, da hätte er gern mehr über.

Grenzen vermitteln Sicherheit

Der Mann stammt aus Guinea, er lebt gleich hier am Obermarkt, er zeigt auf die Fassade eines schlichten Altbaus 30 Meter weiter, keine Gardinen in den Fenstern. Worms ist die menschlichste Stadt, die man sich denken kann, sagt er. Nie habe er in den 17 Jahren, die er schon hier ist, Diskriminierung erlebt. Aber Deutschland müsse aufpassen, es kämen zu viele Flüchtlinge unkontrolliert ins Land. "Sie sagen, wegen Krieg, aber vielleicht sind auch Terroristen dabei." Davor hat er Angst, zum Beispiel, wenn er mit der Bahn unterwegs ist, deswegen will er mehr Grenzkontrollen. "Ein Europa mit festen Grenzen macht Europa nicht kaputt, sondern sicher", sagt er.

Dass Trump zuerst für sein Land sorgen wolle, sei nicht schlecht, das solle Europa auch so machen. Er sagt aber auch: Europa darf nicht aus wirtschaftlichen Interessen dazu beitragen, Kriege auszulösen, etwa im Kongo, sondern es muss mit den afrikanischen Ländern fair kooperieren. Damit es dort besser wird, und nicht mehr so viele nach Europa wollen.

Dann steht er auf und schiebt sein Fahrrad nach Hause. An der Ecke trifft er eine Bekannte, kleiner Schwatz; ein paar Meter weiter tritt die Geschäftsführerin der Parfümerie aus der Tür, die nächste Unterhaltung. Wie das eben so ist, am Samstagmittag, wenn man sich in der City trifft.

Gelsenkirchen: "Protest wählen"

Gelsenkirchen, Freitag, 30.6.

Von Thomas Hummel

Tag zwei des Democracy Labs in Gelsenkirchen, diesmal allerdings auf der anderen Seite des sogenannten Sozial-Äquators der Stadt. Südlich des Rhein-Herne-Kanals liegt das alte Gelsenkirchen, heute das arme Gelsenkirchen. Der SZ-Bus steht in der Fußgängerzone am Preuteplatz, Ecke Bahnhofsstraße.

Niklas Haffert kommt, 21 Jahre alt, ursprünglich aus Bochum, zur Zeit studiert er Politik und Verwaltungswissenschaft in Konstanz. Was soll sich in Deutschland ändern? Da hat er genaue Vorstellungen: Die soziale Durchlässigkeit müsse wieder gefördert werden, "jetzt zementiert ja praktisch die Geburt, in welcher sozialen Schicht man mal endet". Früher hätte es ein Arbeiterkind auch mal nach oben geschafft, das sei heute nur noch schwer möglich.

Startvorteil für Kinder reicher Leute

Deshalb sollten auch Erbschaften viel höher besteuert werden, vielleicht sogar zu 100 Prozent. "Denn mit welchem Recht bekommen die Kinder reicher Leute so viel Geld geschenkt, für das sie nichts geleistet haben?" Sie hätten durch die Verbindungen und ihre privilegierte Erziehung ohnehin einen Startvorteil. Kürzlich ist der 21-Jährige in die SPD eingetreten, auch wenn er mit seiner Forderung nach einer 100-Prozent-Erbschaftssteuer dort noch einige Überzeugungsarbeit wird leisten müssen. Er will in seiner neuen Partei eigene Vorschläge einbringen, die zu mehr Umverteilung, zu mehr Ausgleich zwischen Arm und Reich führen sollen.

Von Menschen wie Niklas lebt die Hoffnung, dass die Demokratie in Zukunft lebendig bleibt. Andere haben sich von der Politik abgewendet - oder wollen "Protest wählen", wie eine Frau sagt. Wie schon tags zuvor im Norden der Stadt wird viel geschimpft über die hohe Ausländerquote, viel geklagt über die angeblich viel zu hohen Sozialleistungen für Flüchtlinge - während die Hartz-IV-Empfänger oder Rentner, so die Wahrnehmung, um jeden Euro betteln müssten. Bei etlichen am Stand herrscht das Gefühl vor, der Staat bevorzuge die Zugewanderten, das macht die Menschen wütend.

Plötzlich stehen zwei Jungs vor dem Bus, dunklere Haut, Immigrantenkinder aus Rumänien, der eine zwölf, der andere 13. "Was macht ihr hier?", fragen sie. "Wir fragen die Leute, was sie stört, was sich hier ändern soll. Was stört euch denn?", antworten wir. "Der Rassismus", sagt einer. Sie würden oft geschubst, manchmal auf der Straße verfolgt von Männern, die zu viel Bier getrunken haben. "Das kommt oft vor", sagt er, der andere nickt.

Gelsenkirchen: "Ich bin kein Rassist, aber ..."

Gelsenkirchen, Donnerstag, 29.6.

Von Jan Bielicki, Jan Heidtmann, Thomas Hummel und Julia Ley

Es ist erst kurz nach zehn Uhr morgens, da kommt ein Mann auf den SZ-Bus in Gelsenkirchen zugeeilt. Groß, schlank, graublonde Haare, Stoppelbart: "Sie sind zu spät." Wir tauschen verwirrte Blicke aus. Wir sind seit zwanzig Minuten am Aufbauen, noch nicht ganz fertig, aber das Democracy Lab ist pünktlich. Der Mann, der sich später als Thomas Fründt vorstellt, redet einfach weiter, er sei SZ-Leser, er habe schon auf uns gewartet. Irgendwann dämmert es uns: Das ist also dieser Pott-Humor, von dem alle reden, dem Gegenüber erst mal einen vor den Latz knallen, eine derbe Freundlichkeit.

Fründt ist Architekt, gebürtiger Gelsenkirchner, er investiert nebenher in Immobilien. Man redet ein bisschen über dies und das, dann wird klar, was er auf dem Herzen hat: Die Stadt sei nicht so schlecht wie ihr Ruf. Vor mehr als zehn Jahren wurde die Großstadt im Ruhrgebiet von einem CDU-Bürgermeister regiert. "Der hat die Stadt systematisch schlechtgemacht", sagt Fründt.

Viele in der Fußgängerzone in Gelsenkirchen-Buer sehen das allerdings anders. Man lernt auch schnell, dass der Zusatz Buer wichtig ist, es ist der nördliche Teil der Stadt und der wohlhabendere. Viele hier oben würden am liebsten wieder eine eigene Stadt sein, so wie damals, bevor Buer 1928 nach Gelsenkirchen eingemeindet wurde. Aber wohlhabend ist relativ, im Laufe des Tages kommen auch viele Hartz-IV-Empfänger und weniger betuchte Rentner an den Stand. Was soll sich in Deutschland ändern? Rasch wird klar: Bei so manchem hat sich einiges angestaut.

Muss man die AfD wählen?

Vor allem, wenn es um Menschen mit anderen Wurzeln geht. Reimund, 59, kommt mit dem Fahrrad. Der Islam sei nicht mit der säkularen Demokratie vereinbar, glaubt er, der Kulturunterschied sei zu groß. Überhaupt würden sich zu viele danebenbenehmen: "Wenn man als Gast in ein Haus kommt, dann muss man sich nach dem Gastgeber richten." Reimund hat eine klare Forderung an Deutschland: seine Werte, seine Leitkultur verteidigen und stärken. Er hat ja früher immer SPD gewählt, aber was Ex-Kanzler Schröder dem Land mit Hartz IV, mit der Leiharbeit oder mit der Riester-Rente eingebrockt habe, das könne er der Partei nicht verzeihen. Und nun? "Die Braunen von der AfD mag ich nicht, aber vielleicht muss man sie wählen, damit die Etablierten mal ihre hoch dotierten Posten verlieren."

Reimund ist hier nicht alleine mit seinen Meinungen. Mehrfach ist der fast zum Klischee gewordene Satz zu hören: "Ich bin kein Rassist, aber so geht es nicht weiter." Bei knapp 20 Prozent liegt der Ausländeranteil in Gelsenkirchen. Das Kopftuch gehört auch zum Stadtbild, im Süden noch eher als im Norden. Dazu gärt es seit einigen Jahren wegen Immigranten aus Rumänien und Bulgarien, die in heruntergekommenen, sogenannten Problem-Immobilien leben - in Nachbarschaften, in denen es kaum noch eine soziale Mischung gib. Die Anwohner vermissen deutschen Ordnungssinn, ihre Klagen werden lauter.

So fordern die Menschen Lösungen, sie fordern schärfere Maßnahmen gegen Straftäter und sie fordern mehr Rücksicht auf die angestammte Bevölkerung. Auch Neid auf angeblich zu hohe Sozialleistungen für Ausländer wird immer wieder spürbar. Einiges wird mit echter Sorge und verhandelbaren Argumenten vorgetragen, anderes überschreitet die Grenze ins braune Gedankengut und wird zur pauschalen Ablehnung.

Gut, dass es in Gelsenkirchen-Buer auch noch andere Dinge gibt, die sich ändern sollen. Hannes Kleemiß und Phuong Pham kommen vorbei, beide 21 Jahre alt, beide Studenten. Phuong Pham ärgert sich über den "faulen Trick" der Bundesregierung, die Medizinstudenten mit Privilegien auf Jahre als Landarzt verpflichten will. Und Hannes Kleemiß wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für die Architektur, weil sie doch auch das Lebensgefühl der Menschen präge.

Viel Potenzial, viel Maloche

Natürlich gibt es hier in Gelsenkirchen Probleme, das will auch der optimistische Thomas Fründt nicht leugnen, aber eben auch viel Potenzial. Es gibt hier Leute, die arbeiten können, sagt Fründt. Man denkt: malochen. Die Leute packen an, sie ruhen sich nicht aus auf dem, was sie haben. Das ist vielleicht nicht viel, aber es gibt diese Grundzufriedenheit. Und: "Wenn Sie sich hier auf den Markt stellen, dann kennen Sie nach einer halben Stunde fünf Lebensgeschichten." Die Menschen seien offen, herzlich, direkt. Aber Gelsenkirchen werde immer auf das Schlechte reduziert. Vielleicht, weil die großen Medien eher woanders säßen. In Hamburg, Berlin, München. Viele Journalisten würden Gelsenkirchen nur aus der Ferne kennen. Gut also, dass wir da sind.

Wolfratshausen: "Zu Wort kommen nur die Lauten"

Wolfratshausen, Mittwoch, 28. 6.

Von Isabel Meixner, Konstantin Kaip, Ulrike Heidenreich, Bernd Kastner und Lars Langenau

Wie geht es der Demokratie in Deutschland? Darüber und über das demokratische Miteinander wird am SZ-Bus immer wieder diskutiert - und damit über die zentralen Fragen des Democracy Labs. Am Dienstag auf dem Tollwood in München und auch am Mittwoch bei der zweiten Station unserer Deutschlandreise in Wolfratshausen im Süden der Landeshaupstadt.

"Es entstehen immer mehr Wutbürger, die etwas erzwingen wollen", stellt ein Wolfratshauser fest. "Etwas", damit meint er die Abstimmung über den Brexit genauso wie die über das interkommunale Hallenbad, das nun neu im benachbarten Geretsried gebaut werden soll - und das, obwohl Hallenbäder in vielen Fällen ein großes Zuschussgeschäft für die Kommunen sind. Die Politiker dürften das Votum der Bürger in den folgenden Jahren dann ausbaden, meint der Rentner. Zu Referenden hat er eine klare Meinung: "So komplexe Dinge wie den Brexit kann das Volk nicht überblicken."

"Man hört sich nicht mehr zu", sagt auch eine ältere Dame in Wolfratshausen. Zuhause, mit den Nachbarn, im Stadtrat und im Bundestag - "es wird nicht mehr nach Gemeinsamkeiten gesucht". Dabei sei es Grundvoraussetzung der Demokratie, herauszufinden, was der andere meine. Doch es fehle der Respekt, auch in der großen Politik. "Das führt zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Meinungsbildung: Zu Wort kommen nur noch die Lauten, die Lobbyisten mit ihren Schlagwort-Argumenten. Und die Bescheidenen hört man nicht." Politiker sollten da Vorbilder sein. "Jeder, der ein Amt hat und in der Öffentlichkeit steht, sollte sich am Riemen reißen", sagt die Frau.

400 Euro Grundsicherung? Viel zu wenig

Eine andere Besucherin ist schon zum zweiten Mal am SZ-Bus. Dabei wohnt sie weder in München noch in Wolfratshausen. Aus Fürstenfeldbruck ist sie extra angereist, zuerst zum Tollwood-Festival (siehe Seite 2) und dann noch nach Wolfratshausen, um über Armut zu sprechen, genauer: über die Hartz IV-Sätze und die Rente. Sie ist nicht selbst betroffen, weiß aber als ehemalige Sozialarbeiterin bei der Stadt München, was es heißt, nur noch das Nötigste zu bekommen: Grundsicherung, derzeit um die 400 Euro im Monat. Und sie erlebt es bei ihrem Bruder. Die Frau ist keine der aufbrausenden Wutbürger, wie sie andere Diskutanten kritisiert haben, überhaupt nicht, sie redet leise, aber eindringlich.

Die 400 Euro findet sie viel zu wenig, sie will das Bewusstsein für die Menschen stärken, die unverschuldet in Not sind und denen kaum was bleibt. Und sie will, dass die Renten steigen, um im Alter Armut zu vermeiden: "Grundsicherung bedeutet, in die Armut abzurutschen", schreibt sie auf die grün-weiße Karte, mit der unsere Reporter Anliegen der Bürger fürs Democracy Lab sammeln. Und weil ihr der Kampf gegen die Armut ein großes Anliegen ist, setzt sie sich auch hier am Wolfratshausener Marienplatz wieder auf die Bierbank und argumentiert.

Eine Mutter hat an ihren Kinderwagen das Logo des Vereins "Motherhood" gepinnt. "Ein Kind zu bekommen, ist eigentlich für Eltern eine der schönsten Erfahrungen ihres Lebens", sagt sie. Aber nicht in und um München. Geburtsstationen schließen, Hebammen fehlen. Eine ihrer Bekannten ist neulich an zwei Krankenhäusern abgewiesen worden - obwohl sie schon Wehen hatte. Die junge Mutter will diesen Missstand nicht mehr hinnehmen, darum engagiert sie sich im Verein. "Alle sagen, dass mehr Kinder auf die Welt kommen sollten in Deutschland. Aber die Kreißsäle schließen. Das passt nicht zusammen." Der Verein "Motherhood" kämpft für eine wohnortnahe Versorgung mit Kliniken, Geburtshäusern und Hausgeburtshebammen - egal an welchem Ort.

Überdüngung und Insektensterben

Ein weiteres wichtiges Thema am SZ-Bus: der Umweltschutz. Eine Frau, die Wollsocken in ihren Trekkingsandalen trägt, hat sogar ein Vier-Punkte-Programm der alternativen GLS-Bank ausgedruckt und verteilt den Zettel am SZ-Bus. Düngemittel seien die Ursache für das Bienensterben, sagt sie, vor zehn Jahren habe man noch viel mehr Insekten umherfliegen gesehen als heute. Ein Zuhörer aus Tegernsee mischt sich ins Gespräch ein. Auch er wünscht sich mehr Engagement in Umweltthemen: "Die Grünen sind mir da zu wenig präsent." Ein Mittelschullehrer schnappt das im Vorbeigehen auf und pflichtet bei. Eigentlich ist er Stammwähler der Grünen, bekennt er. Diesmal aber denkt er darüber nach, die Linken zu wählen. "Die Insektenpopulation ist um 80 Prozent zurückgegangen, habe ich neulich gehört. Das schockt mich. Und keiner tut etwas."

München: Den Mittwoch abschaffen? "Ja, schon richtig gehört"

München, Dienstag, 27.6.

Von Peter Lindner, Bernd Kastner, Thomas Hummel, Isabel Meixner, Frank Müller, Lars Langenau, Jessy Asmus, Laura Terberl

Der Bus wird beladen. Ein T3, ein etwas betagtes Modell. Farbe Blau. Oder Grün. Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen im Team. Getränke werden eingepackt, eine Bierbank, ein Sonnenschirm. Ein wenig Nervosität stellt sich ein. Die kommenden zwei Wochen werden spannend. Was werden uns die Menschen in Deutschland erzählen? Was werden wir erleben? Und hält der Bus durch? 3000 Kilometer? Es kann jetzt jedenfalls losgehen. Endlich.

Direkt am Eingang des Tollwood-Festivals in München parkt der Bus. Bässe wummern über das Gelände. Sonnenschirm, Tische und Bänke sind aufgebaut. Ein "Wir-müssen-reden!"-Plakat wird noch an der Busscheibe angebracht, da wartet schon der erste Interessierte, mit einer Zeitung unterm Arm. Er will reden.

Den Leser an unserem Bus elektrisiert vor allem die Verkehrspolitik. Nicht nur die Debatte über die zweite Stammstrecke in München, sondern auch bundespolitische Themen. Einen Ausbau des Schienennetzes fordert er unter anderem, ein "Nein" zu Gigalinern - und begründet seine Positionen sehr kundig, detailliert und leidenschaftlich. Etwa zwei Stunden dauert dieses erste Gespräch. Wir haben einiges gelernt.

Es ist heiß, sogar sehr heiß. Zu heiß zum Denken, sagt ein Mann, und trinkt erst einmal ein paar Becher Wasser. Dann kehrt auch der Gedankenfluss zurück. Die Werte fehlen ihm, zu viel Egoismus sei in der Gesellschaft, kritisiert er.

Wir haben Postkarten ausgelegt. Auf die kann jeder, der vorbeikommt, seinen Vorschlag für ein besseres Deutschland notieren. Wir sammeln alle Ideen, die uns auf dieser Reise begegnen. Unser Gesprächspartner schreibt die populäre Version von Kants kategorischem Imperativ auf: "Was du nicht willst, dass man dir tut ..." Für überraschend viele Besucher am SZ-Bus stehen solche Fragen ganz oben. Respekt vor dem Nächsten, Anstand, Zurückhaltung, Moral - diese Punkte werden oft genannt. Was die Politik dazu beitragen kann? Mehr Bildung, sagt der Mann mit dem großen Durst. "Das ist eine Frage der Erziehung."

Manch einer hat ungewöhnlichere Wünsche. "Die Abschaffung des Mittwochs", fordert Michael Wittner vom Kulturreferat München, Abteilung Technik. Wie bitte? Ja, schon richtig gehört. "Die Abschaffung des Mittwochs", wiederholt Wittner. Das ergäbe zehn Wochenenden im Jahr mehr, wodurch der Mensch endlich mehr Zeit für seine Familie, für seine Vereine, für seine Feste habe. Die Produktion von Gütern würden wir auch so hinkriegen, aber für die Freizeit habe der Bürger viel zu wenig Zeit, findet Wittner. Darunter leide auch die Freizeitindustrie. Er habe sich zudem erkundigt: Das könnte zum Beispiel Bayern im Alleingang verfügen. Wie gesagt: ungewöhnlich. Aber durchdacht.

Was populistische Strömungen stärkt und die Politik tun kann

Anne Flierdl ist eine Frau mit klaren Meinungen. Dass Deutschland sich nicht so anstellen soll bei der Aufnahme von Flüchtlingen etwa, "80 Millionen können doch eine Million Asylbewerber aufnehmen". Oder dass das Rentensystem grundsätzlich geändert werden muss, Frauen in der Politik stärker gefördert werden oder Bundestagswahlen nur noch alle fünf Jahre stattfinden sollen. In einem Punkt hat sie aber kein inhaltliches, sondern eher ein emotionales Anliegen: "Ich wünsche mir von der Politik mehr Aufklärung über Erfolge." Das gegenseitige Aufeinanderherumhacken mache populistische Strömungen stark, ist sie sich sicher. Beim Nennen von Positivem fängt Anne Flierdl dann auch gleich selbst an: "Ich bin froh, in einer funktionierenden Demokratie zu leben."

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