Debatte um Prostitutionsgesetz:"Flatrate-Bordelle leben von männlicher Selbstüberschätzung"

Lesezeit: 7 min

Was sollte die neue Regierung also stattdessen tun, um die Situation von Prostituierten zu verbessern?

Unsere zentrale Forderung ist die Beteiligung von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern an allen politischen Prozessen, die sich mit dem Thema Prostitution befassen. Außerdem halten wir Weiterbildungs- und Professionalisierungsangebote für sehr wichtig. Sexarbeiterinnen müssen ihre Rechte gegenüber Behörden kennen, sie müssen darin bestärkt werden, ihre persönlichen Grenzen zu kennen und zu wahren. Solche Angebote müssen gefördert und ausgeweitet werden. Wir wünschen uns Kampagnen gegen die Stigmatisierung von Sexarbeiterinnen, für einen respektvollen Umgang mit dieser Berufsgruppe. Was Zwangsprostitution betrifft, ist der Opferschutz enorm wichtig, vor allem für Frauen und Männer aus Drittstaaten. Das hat auch die Politik erkannt, Union und SPD diskutieren gerade ein Aufenthaltsrecht für Frauen, die aus der Zwangsprostitution aussteigen wollen. Was nicht hilft, ist die Stigmatisierung einer ganzen Branche.

Aber eine Studie der EU aus dem Jahr 2011 kommt zu dem Schluss, dass ein liberaler Umgang mit Prostitution, wie wir ihn in Deutschland haben, Menschenhandel und Zwangsprostitution begünstigt. Das ist auch das Argument vieler Politiker.

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Eine Sexarbeiterin in einem Bordell in Amsterdam: "Wir wollen nicht zum schutzbedürftigen Opfer erklärt werden", sagt Prostituiertenvertreterin Undine de Rivière.

(Foto: Anoek de Groot/AFP)

An dieser Studie gab es jede Menge Kritik, denn die Datengrundlage dafür war die mediale Berichterstattung über Menschenhandel in den untersuchten Ländern. Das heißt, die Studie kann keine Aussagen über absolute Zahlen machen, das haben die Autoren auch selbst zugegeben.

In Ihrem kürzlich veröffentlichten Appell für Prostitution schreiben Sie, dass die Fälle von Menschenhandel zurückgehen - mit Verweis auf die Zahlen des Bundeskriminalamtes (BKA). Für die Jahre 2002 bis 2011, also seit Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes, steigt aber die Zahl der erfassten Fälle.

Wenn Sie sich den Verlauf der letzten 15 Jahre anschauen, ist der Trend aber leicht abfallend. Hinzu kommt, dass Sexarbeiterinnen, die zwischen 18 und 21 Jahre alt und bei einem Bordellbetreiber angestellt sind, in der BKA-Statistik automatisch als Menschenhandelsopfer zählen. Das macht ungefähr ein Drittel der erfassten Fälle aus. Es heißt immer, das Prostitutionsgesetz hat den Menschenhandel nicht bekämpft - aber die Straßenverkehrsordnung verhindert ja auch keine Raubüberfälle! Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun. Opfer von Menschenhandel gibt es auch in anderen Branchen - auf dem Bau, in der Landwirtschaft, in der Pflege, in der Gastronomie.

In TV-Berichten und Reportagen kommen oft Sexarbeiterinnen zu Wort, die überhaupt nicht selbstbestimmt oder zufrieden wirken. Kann Ihr Berufsverband für diese Frauen überhaupt sprechen, oder vertritt er nur die zufriedenen Sexarbeiter?

Wie bei anderen Berufen auch muss man für Sexarbeit bestimmte Talente und Fähigkeiten mitbringen, um den Beruf ausüben zu können. Das gilt aber auch für Dachdecker, die schwindelfrei sein müssen, oder Lehrer, die bei Kindern nicht die Nerven verlieren dürfen. Natürlich gibt es auch Männer und Frauen, denen Sexarbeit nicht guttut und die sich gefangen fühlen, die eine falsche Entscheidung getroffen haben. Diesen Leuten muss mit einer Umschulung geholfen werden, eine Kriminalisierung hilft ihnen überhaupt nicht. Sexarbeit ist weder psychisch schädlich, noch muss man uns vor uns selbst schützen. Klar, nicht alle finden wie ich in der Sexarbeit ihre Selbstverwirklichung. Auch bei uns gibt es Frauen und Männer, die nur für Geld arbeiten. Aber das ist unser Recht. In welcher Branche ist es denn so, dass alle ihr Hobby zum Beruf gemacht haben? Es gibt eine große Vielfalt an Gründen, sich für diesen Beruf zu entscheiden. Jeder dieser Gründe muss respektiert werden.

In den vergangenen Jahren waren vor allem die Sex-Flatrates ein Thema. Gerade hat die SPD-Politikerin Manuela Schwesig gesagt, dass solche Praktiken verboten gehören, weil sie menschenverachtend seien. Können Sie dieser Kritik gar nichts abgewinnen?

Nein, denn wir sind generell für den Erhalt der Vielfalt von Arbeitsstätten und Arbeitsweisen in der Sexarbeit. Ich kenne Frauen, die genau so arbeiten möchten - weil sie selbst keine Kundenakquise machen wollen, weil sie das feste Tageshonorar schätzen, weil die Einnahmen dort häufig nicht schlechter, manchmal sogar besser sind. Und, um mal deutlich zu werden: Diese Flatrate-Geschichte hört sich erst einmal, sagen wir, überfordernd an. Aber sie ist vor allem eine Werbegeschichte. Das Flatrate-Konzept lebt nicht zuletzt von männlicher Selbstüberschätzung. Das sind Kunden, die einmal zahlen, zehn Mal wollen und dann zwei Mal können. Aber natürlich gibt es Frauen, die davon überfordert sind, die solche Arbeitsbedingungen nicht möchten und schrecklich finden.

Ihr Verband ist gerade einmal ein paar Wochen alt. Trotzdem scheinen Ihre Forderungen in der Politik zumindest etwas Gehör zu finden - im Gegensatz zu Alice Schwarzer, deren große Kampagne gegen Prostitution bei Union und SPD nicht auf Zuspruch stößt.

Das glaube ich auch, und das ist auch gut so (lacht). Alice Schwarzers Kampagne für ein Prostitutionsverbot geht völlig an der Realität der Menschen vorbei, die in der Sexarbeit tätig sind. Die Behauptung, dass 90 Prozent von uns unfreiwillig arbeiten würden, ist komplett aus der Luft gegriffen. Frau Schwarzer behauptet auch, die Interessenverbände der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter seien Lobbyverbände von Betreibern, was in keinster Weise stimmt.

Bei Ihnen dürfen allerdings auch Bordellbetreiber Mitglied werden.

Aber nur, wenn sie selbst aktiv in der Sexarbeit tätig sind oder waren. Natürlich sprechen auch wir in erster Linie für unsere Mitglieder, aber wir suchen den Kontakt zu anderen Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern. Ich war gerade ein paar Tage in einem großen Bordell in NRW und habe dort mit vielen Kolleginnen gesprochen. Wir denken, dass wir besser für die Frauen sprechen können, die sich nicht öffentlich zu Wort melden als eine Alice Schwarzer. Ich glaube, sie hat noch nie in einem Bordell gearbeitet und dort Gespräche von Kollegin zu Kollegin geführt. Zumindest würde mich das sehr wundern (lacht).

Linktipps: Die EU-Studie zu Prostitution und Menschenhandel finden Sie hier, die Kritik daran von Doña Carmen e.V., Verein für soziale und politische Rechte von Prostituierten, hier. Hier geht es zu Alice Schwarzers Appell gegen Prostitution.

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