bedeckt München

Coronavirus:Däne werden geht im Moment nicht

Neil Donovan underskriver erklaeringen og udveksler haandtryk med beskaeftigelses- og integrationsborgmester Cecilia Lon

Die Kopenhagener Integrationsbürgermeisterin Cecilia Lonning-Skovgaard schüttelt Neil Donovan, einem neuen dänischen Staatsbürger, im Februar die Hand.

(Foto: Ritzau Scanpix/imago images)
  • Das Ministerium für Ausländer und Integration hat die Kommunen angewiesen, alle Einbürgerungszeremonien abzusagen und auf unbestimmte Zeit zu verschieben.
  • Das Gesetz sieht es seit einem Jahr vor, dass Neubürger bei der Zeremonie die Hand eines Beamten schütteln müssen.
  • Wegen Corona aber soll in Dänemark auf das Händeschütteln verzichtet werden.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Die Dänen sollen in nächster Zeit verzichten aufs Küssen, aufs Umarmen und aufs Händeschütteln - mit diesen Empfehlungen gegen die Gefahr einer möglichen Ansteckung mit dem Coronavirus waren die Spitzen der dänischen Regierung am Freitag vor ihr Volk getreten. Empfehlungen waren das, die, was das Händeschütteln betraf, sofort auch in behördliche Anordnungen umgesetzt wurden und nun bemerkenswerte Folgen haben: Däne werden geht im Moment nicht mehr.

In Dänemark wird nämlich seit Anfang 2019 nur mehr derjenige eingebürgert, der Hände schüttelt. Näheres regelt ein Händedruckgesetz, das vom damals konservativ-liberal beherrschten dänischen Parlament mit Unterstützung der rechtspopulistischen Volkspartei Ende 2018 beschlossen wurde. Das Gesetz war von Anfang an Ziel von Spott und scharfer Kritik, Gegner verstanden es als Affront gegen muslimische Mitbürger. Der Gesetzestext erklärt den Händedruck zum zentralen Ausdruck dänischer Identität und verpflichtet einen jeden Neubürger, während der Einbürgerungszeremonie einem dänischen Beamten die Hand zu schütteln. Und zwar ausdrücklich ohne Handschuhe, Handinnenfläche an Handinnenfläche. Damit, so sieht es der Gesetzgeber, signalisiert der Neubürger, dass er "die dänischen Werte" angenommen hat.

Nackte Haut, die sich an fremder Haut reibt, das ist natürlich eine Steilvorlage für das Coronavirus. Noch am Freitagnachmittag informierte das Ministerium für Ausländer und Integration die Kommunen im Land, dass sämtliche Einbürgerungszeremonien umgehend abzusagen und auf unbestimmte Zeit zu verschieben seien. Den Bürgermeister von Ringsted, Henri Hvidesten, erreichte der Anruf um halb drei, kurz bevor er 14 neuen Bürgern ihre Staatsbürgerurkunde überreichen wollte. "Die Leute waren wirklich traurig", sagte Hvidesten hernach der Zeitung Politiken. Dann ging der Bürgermeister einen Schritt weiter und sagte, er verstehe nicht, weshalb man angesichts der Coronakrise nicht einfach für die nächste Zeit auf den Zwang zum Händedruck verzichten hätte können: "Ich glaube nicht, dass die dänischen Werte an einen Handschlag gebunden sind."

Ähnlich äußerten sich am Wochenende Politiker der Opposition in Kopenhagen. Ein Sprecher der links-grünen Einheitsliste fand es "obszön und absurd", dass sich die sozialdemokratische Regierung selbst in dieser Ausnahmesituation nicht bereit sieht, auf die Erfordernis zum Händedruck zu verzichten. Die Sozialdemokraten hatten sich 2018, damals noch in der Opposition, bei der Abstimmung über das Gesetz der Stimme enthalten.

Premierministerin Mette Frederiksen sagte allerdings bei der Pressekonferenz der Regierung zum Coronavirus am Freitag, ihre Position sei klar: Es könne keine Ausnahme von der Handschlagpflicht geben. Integrationsminister Mattias Tesfaye erklärte in einer Stellungnahme auf der Webseite seines Ministeriums, die Situation sei nun "natürlich traurig für diejenigen, die jetzt warten müssen, um dänische Staatsbürger zu werden". Die Gesellschaft müsse nun allerdings "zusammenstehen, um die Ausbreitung der Infektionen zu begrenzen".

© SZ.de/cck

SZ PlusMeinungCoronavirus
:Der große Rückzug

Das Coronavirus beschleunigt eine Entwicklung, die seit Jahren die Weltpolitik bestimmt: Abgrenzung und Abwehr. Doch die nationale Souveränität, nach der viele rufen, schafft in Wahrheit Enge.

Kommentar von Stefan Kornelius

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite