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Coronavirus in Italien:Eine Sperrzone für 16 Millionen Menschen

  • In der Nacht zum Sonntag hat die italienische Regierung neue Maßnahmen verkündet, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bekämpfen.
  • Öffentliche Einrichtungen wie Museen und Schwimmbäder bleiben geschlossen. Die Schulen sollen erst Anfang April wieder öffnen.
  • Der Vatikan entschied, das sonntägliche Angelusgebet des Papstes per Livestream abzuhalten, der Petersplatz bleibt gesperrt.

Italien sperrt seinen Norden ab, das Herz seiner Wirtschaft. Die gesamte Lombardei sowie vierzehn Provinzen Venetiens, der Emilia Romagna, des Piemonts und der Marken gehören ab sofort und bis mindestens 3. April in eine Sicherheitszone, die nur noch betreten und verlassen darf, wer "unaufschiebbare" Arbeitsmotive hat. So steht es in einem neuen Dekret der Regierung, mit dem die Italiener die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen versuchen. Betroffen sind 16 Millionen Menschen.

Nach einer langen Krisensitzung seines Kabinetts sagte Italiens Premier Giuseppe Conte in der Nacht auf Sonntag den Medien, es handle sich nicht um eine "totale Blockade". Züge und Flüge werde es weiterhin geben, auch wolle er das Gebiet nicht "Zona rossa" nennen, rote Zone: "Aber ja, das sind sehr rigorose Maßnahmen."

Dazu gehört auch die Schließung aller Museen, Theater, Kinos, Fitnesscenter, Kulturinstitute, Schwimmbäder und Skiorte. Die Schulen, die ursprünglich bis Mitte März hätten geschlossen bleiben sollen, werden in der Sicherheitszone nun frühestens Anfang April wieder öffnen. Konkret sind neben der Lombardei folgende Provinzen gemeint: Venedig, Treviso, Padua, Modena, Parma, Piacenza, Reggio Emilia, Rimini, Pesaro, Urbino, Asti, Novara, Alessandria, Verbano Cusio Ossola und Vercelli.

Verboten sind Hochzeitsfeste, Bestattungsfeiern und religiöse Prozessionen. Einkaufszentren dürfen in den kommenden Wochen in diesen Gegenden nur jeweils von Montag bis Freitag offen sein. Bars und Restaurants können auf eigene Verantwortung weitermachen, sofern ihre Räumlichkeiten so groß sind, dass die Kunden mindestens einen Meter Distanz zueinander halten können. Die Polizei kann ein Lokal, das die Vorschriften nicht erfüllt, sofort schließen. Und sie darf Personen, die im Auto unterwegs sind, anhalten und fragen, warum sie unterwegs sind - selbst wenn sie sich innerhalb der Sicherheitszone bewegen. Für ganz Italien gilt außerdem ein Öffnungsverbot für Pubs, Diskotheken und Kasinos, vorerst ebenfalls bis 3. April.

Er sei sich der Tragweite des Dekrets bewusst, sagte Conte, die Maßnahmen seien beispiellos: "Ich trage dafür die volle politische Verantwortung."

Die Präsidenten der Regionen Lombardei und Emilia Romagna, Attilio Fontana von der rechten Lega und Stefano Bonaccini von den Sozialdemokraten, zeigten sich zunächst irritiert über das Paket. Es schaffe Verwirrung, sagten sie. Niemand wisse genau, was er nun eigentlich noch tun dürfe.

Ein Teil der Konfusion rührte daher, dass bereits in den Stunden vor Contes Medienauftritt geleakte Entwürfe des Dekrets durchs Netz gingen. Als Folge davon machten sich Dutzende Süditaliener, die in Mailand leben, auf zur Stazione Centrale, dem Hauptbahnhof, um schnell noch an ihren Heimatort zu kommen, bevor alles blockiert würde. Viele hatten nicht einmal eine Fahrkarte. Conte versicherte nun, dass Familienzusammenführungen in Notfällen auch weiterhin möglich seien.

Die Verschärfung ihres Kurses erscheint der Regierung deshalb nötig, weil die Zahl der Ansteckungen in den vergangenen Tagen stärker angewachsen ist als angenommen - der Höhepunkt scheint noch nicht erreicht zu sein. Das Gesundheitssystem im Norden gerät zusehends an seine Grenzen, vor allem in jenen Krankenhäusern, die Infizierte auf der Intensivstation behandeln. Conte kündigte an, dass er 20 000 Ärzte und Pflegepersonen aus anderen Regionen des Landes und aus privaten Kliniken aufgeboten habe, um die Stresslage zu lindern. Humanitäre Organisationen wie etwa Ärzte ohne Grenzen boten ihre Hilfe an.

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Im Moment sind in Italien 5883 Infektionsfälle bekannt, die meisten von ihnen in der Lombardei. Seit Ausbruch der Epidemie sind 233 Menschen an oder mit dem Virus gestorben. Angelo Borrelli, der Chef des nationalen Zivilschutzes und Sonderkommissar in der Krise, erklärte am Wochenende, das Durchschnittsalter der verstorbenen Personen liege bei 81 Jahren. Männer zwischen 80 und 100 seien die anfälligste Bevölkerungsgruppe. Nur zwei Prozent der Opfer seien vor der Ansteckung gesund gewesen, sagte Borrelli. Alle anderen waren bereits schwer krank, als sie sich ansteckten, ein Großteil litt an Herz- und Lungenproblemen.

Borrelli schwor die Italiener auf einen "Pakt der Verantwortung" ein. Es sei Zeit, dass der oberflächliche Umgang mit dem Risiko, wie man ihn da und dort beobachten könne, endlich aufhöre. So wurde zum Beispiel bekannt, dass ein betagtes Ehepaar aus Codogno, dem wahrscheinlichen Ursprungsherd der Virusverbreitung in Italien, die beschlossene Sperre der dortigen "Zona rossa" missachtete und ins Trentino zum Skilaufen fuhr. Beide sind mit dem Erreger infiziert und liegen nun in Trento in Behandlung.

Nur der Fußball soll weitergehen

Angesteckt hat sich auch Nicola Zingaretti, der Vorsitzende des mitregierenden Partito Democratico und Gouverneur der Region Latium. Er meldete sich über Facebook von zuhause, es gehe ihm gut, er kämpfe gegen die Krankheit. Da Zingaretti mit vielen Menschen in Kontakt war in jüngerer Vergangenheit, stellten sich nun auch andere Politiker und Minister unter Selbstquarantäne.

In Rom sollte es am Sonntag noch eine weitere Premiere geben. Der Vatikan beschloss, dass das sonntägliche Angelusgebet des Papstes vorerst aus der Bibliothek im Apostolischen Palast in die Welt gestreamt wird. Franziskus wird sich also für eine gewisse Zeit nicht mehr am Fenster zeigen, der Petersplatz wird gesperrt.

Nur der Fußball soll weitergehen - wenigstens vorerst und ohne Zuschauer. Die Mailänder Zeitung "Corriere della Sera" schreibt, das sei richtig so, die Fußballer möchten den Italienern doch ein bisschen Freude bereiten in diesen unerfreulichen Zeiten. Doch wie lange noch? Der Präsident der Spielergewerkschaft, der frühere Profi Damiano Tommasi, forderte einen sofortigen Abbruch der Meisterschaft der Serie A, Italiens höchster Liga. Andere denken, eine Pause von einem Monat würde ausreichen. Sportminister Vincenzo Spadafora findet, der Spielplan sollte beibehalten werden, die Spiele müssten einfach in geschlossenen Stadien stattfinden. Von den Bezahlfernsehsendern verlangte er, dass sie die Begegnungen für alle freischalten, was denen aber nicht so sehr einleuchten mag. Der Verbandschef wiederum findet, die Meisterschaft könne solange weitergehen, bis ein Spieler positiv auf das Coronavirus getestet würde.

© SZ/vd
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Roberta Magrì lebt in Codogno, einem 15 000-Einwohner-Ort in Norditalien, der seit mehr als acht Tagen abgeriegelt ist. Ein Lagebericht.   Protokoll von Oliver Meiler

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