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Corona in den USA:Wenn Warnungen ungehört verhallen

U.S. President Trump leads daily coronavirus response briefing at the White House in Washington

Anthony Fauci, Chef der Behörde für Infektionskrankheiten, versucht bei Auftritten mit Präsident Donald Trump Haltung zu bewahren.

(Foto: Jonathan Ernst/Reuters)

Die USA beklagen mehr als 80 000 Corona-Tote und 1,3 Millionen Infizierte. Etliche Bundesstaaten lockern nun dennoch ihre Lockdown-Regeln - ermuntert von Trump. Immunologe Fauci erinnert vor dem Senat an "die Gefahren einer vorzeitigen Öffnung".

Von Alan Cassidy, Washington

Das letzte Mal, als Anthony Fauci in Washington vor dem US-Kongress aussagte, sprach er eine Warnung aus: Das Schlimmste, sagte der Immunologe, stehe den Vereinigten Staaten in der Corona-Pandemie noch bevor. Das war am 11. März. Bis dahin waren in den USA 31 Menschen an den Folgen des Virus gestorben, doch schon zu diesem Zeitpunkt war vielen Gesundheitsexperten klar, dass die Regierung von Präsident Donald Trump zu spät und zu zögerlich auf die Ausbreitung des Virus reagiert hatte.

Nun, zwei Monate später, war Fauci erneut zu einem Auftritt vor dem Kongress geladen, diesmal vor dem Gesundheitsausschuss des Senats. Inzwischen verzeichnen die USA mehr als 80 000 Coronatote und 1,3 Millionen Infizierte, und Fauci, der 79 Jahre alte Leiter des Nationalen Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten, konnte nicht persönlich auf dem Kapitolshügel erscheinen - er befindet sich zuhause in Quarantäne, weil er im Weißen Haus mit einer Mitarbeiterin Kontakt hatte, die positiv auf das Virus getestet wurde.

Unter Kontrolle ist das Coronavirus nicht einmal im Weißen Haus

Fauci folgte der Einladung des Senats am Dienstag deshalb per Videoschaltung. Der Kern seiner Botschaft war wie schon im März eine Warnung: Er wolle den Senatoren "die Gefahren einer vorzeitigen Öffnung des Landes" klarmachen, sagte er vor der Anhörung zur New York Times. Wenn die Richtlinien des Weißen Hauses über eine Lockerung der Einschränkungen durch die Bundesstaaten missachtet würden, riskiere man mehrere neue Ausbrüche im ganzen Land. "Das wird nicht nur zu unnötigem Leid und Sterben führen, sondern würde uns auch dabei zurückwerfen, wieder zur Normalität zu finden." Auf eine Frage einer Senatorin sagte Fauci, es bereite ihm Sorgen, dass manche Gegenden bereits wieder zur Öffnung übergingen, obwohl ihnen die Mittel fehlten, um einen Anstieg von Infektionen in den Griff zu kriegen. Der Immunologe dämpfte Hoffnungen auf eine rasche Verfügbarkeit eines Impfstoffs. Er gehe davon aus, dass die Zahl der tatsächlichen Opfer von Covid-19 "ziemlich sicher" höher sei, als die Todesfallstatistik ausweise.

Das Weiße Haus hatte im April Empfehlungen herausgegeben, an die sich die Gouverneure halten sollten, wenn sie über eine Öffnung ihrer Bundesstaaten entscheiden. Dazu gehört, dass die Zahl der Neuinfektionen über einen Zeitraum von 14 Tagen sinken soll. Nach einer Zählung der Nachrichtenagentur AP ist dies jedoch in mindestens 17 Bundesstaaten nicht der Fall. Trotzdem haben viele dieser - meist von Republikanern regierten - Staaten damit begonnen, Corona-Einschränkungen aufzuheben. Von Donald Trump werden sie dazu bei jeder Gelegenheit ermuntert. Insgesamt haben mehr als 40 Bundesstaaten damit begonnen, ihre Regeln zu lockern.

Faucis Warnung vor dem Senat steht in Kontrast zu der Botschaft, die der Präsident verbreitete. Donald Trump hielt im Weißen Haus eine Ansprache, in der er einmal mehr klang, als wäre die Pandemie bereits Geschichte. Amerika habe noch jedes Problem gemeistert, sagte er, so sei es auch diesmal: "Wir haben uns der Situation gestellt, und wir haben gesiegt." Auf die Nachfrage eines Journalisten, wie das gemeint sei, sagte Trump, er habe damit bloß über die Tests gesprochen, bei denen die USA "Weltspitze" seien.

Bisher haben die USA neun Millionen Menschen auf das Coronavirus getestet, und in den kommenden Wochen sollen die Kapazitäten weiter ausgebaut werden. Das ist zwar ein deutlicher Fortschritt gegenüber dem Vormonat, doch es reicht nach Ansicht von Gesundheitsexperten bei Weitem nicht aus, um die fortgeschrittene Ausbreitung der Pandemie einzudämmen.

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Derzeit werden nach einer Zählung der Website Covid Tracking Project rund 260 000 Amerikaner pro Tag getestet. Um die Wirtschaft zu öffnen, müssten es laut Epidemiologen mindestens zwei- bis dreimal so viele sein. Trotzdem behauptete Trump am Montag, die USA testeten auch umgerechnet auf die Bevölkerungszahl mehr Menschen als jedes andere Land, was falsch ist. Bisher wurden erst 2,75 Prozent der Bevölkerung getestet, weniger als etwa in Deutschland, Italien, Kanada oder der Schweiz.

Nachdem Trump von einer Journalistin danach gefragt wurde, warum er die USA ständig mit anderen Staaten vergleiche, wenn doch das Leid im eigenen Land offenkundig sei, brach er die Pressekonferenz sichtbar genervt ab. Unter Kontrolle ist das Coronavirus allerdings nicht einmal im Weißen Haus: Am Montag wies das Weiße Haus am Montag alle Mitarbeiter und Besucher an, ab sofort eine Schutzmaske zu tragen. Trump ist von der Vorschrift ausgenommen.

US-Vize-Präsident Mike Pence teilte mit, er werde sich einige Tage lang von Präsident Trump fernhalten, weil in seinem eigenen Stab ein Fall nachgewiesen wurde.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, nach einer Zählung der Website Covid Tracking Project würden rund 260 000 Tests pro Woche in den USA durchgeführt. Diese Angabe war falsch, so viele Tests werden im Schnitt pro Tag erledigt. Wir haben das korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

© SZ vom 13.05.2020/fie
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