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Kampf gegen Pandemie:Innenministerium dringt auf massive Ausweitung von Corona-Tests

Drive-In-Tests auf Corona-Virus in München, 2020

Drive-in-Tests auf das Coronavirus in der ehemaligen Bayernkaserne in München.

(Foto: Robert Haas)
  • In einem Strategiepapier namens "Wie wir Covid-19 unter Kontrolle bekommen", das inzwischen auch Kanzlerin Merkel vorliegt, fordern Experten die Regierung zu schnellem Handeln auf.
  • Die bei Weitem wichtigste Maßnahme gegen das Virus ist den Fachleuten zufolge "das Testen und Isolieren der infizierten Personen".
  • Für den Erfolg sei entscheidend, dass es der Bundesregierung gelinge, die Bevölkerung zu mobilisieren.

Im Kampf gegen das Coronavirus reifen in der Bundesregierung Überlegungen, das Virus mithilfe massiv ausgeweiteter Tests einzudämmen. Vorbild ist dabei Südkorea, das mit Massentests und der Isolierung von Erkrankten die Ausbreitung des Erregers stark verlangsamt hat, ohne das öffentliche Leben zum Stillstand zu bringen. Die größtmögliche Erhöhung der Testkapazitäten in Deutschland sei "überfällig", heißt es nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR in einem vertraulichen Strategiepapier aus dem Bundesinnenministerium mit dem Titel "Wie wir Covid-19 unter Kontrolle bekommen". Demnach müsse die Regierung auf ein Szenario namens "Schnelle Kontrolle" hinarbeiten, um schlimmere Folgen für Gesundheit, Wirtschaft und Gesellschaft abzuwenden.

Die bei Weitem wichtigste Maßnahme gegen das Virus ist den Experten zufolge "das Testen und Isolieren der infizierten Personen". Getestet werden sollten "sowohl Personen mit Eigenverdacht als auch der gesamte Kreis der Kontaktpersonen von positiv getesteten Personen". Die Fachleute hoffen, dass die Testkapazität in Deutschland "sehr schnell" hochgefahren werden könne. So spielen sie ein Szenario durch, in dem vom 6. April an 50 000 Tests pro Tag möglich sind, vom 13. April an 100 000, und Ende April 200 000. Derzeit sind nach Angaben von Gesundheitsminister Jens Spahn wöchentlich 300 000 bis 500 000 Coronavirus-Tests möglich. Die bisherige Methode nach dem Motto "Wir testen, um die Lage zu bestätigen" müsse abgelöst werden durch den Ansatz "Wir testen, um vor die Lage zu kommen". In dieser Hinsicht sei Südkorea ein "eindrucksvolles" Vorbild. Anders als etwa China hat Südkorea keine allgemeinen Ausgangsverbote verhängt.

Für breit angelegte Tests seien innovative Lösungen erforderlich, heißt es in dem Strategiepapier. Um das medizinische Personal vor Infizierten zu schützen, sollten Bürgerinnen und Bürger den notwendigen Rachenabstrich selbst erledigen, zum Beispiel in "Drive-in"- oder Telefonzellen-Teststationen. Um die Suche nach Kontakten von positiv getesteten Personen zu erleichtern, sollten längerfristig computergestützte Lösungen und sogar das Location Tracking von Mobiltelefonen zum Einsatz kommen. Alle positiv Getesteten müssten isoliert werden, zu Hause oder in einer Quarantäne-Anlage. Sobald diese Verfahren einmal eingespielt seien, "können sie relativ kostengünstig über mehrere Jahre hinaus die wahrscheinlich immer wieder aufflackernden kleinen Ausbrüche sofort eindämmen", heißt es in dem Papier. Zudem sei es notwendig, die Zahl der Krankenhausbetten deutlich zu erhöhen. Derzeit gebe es in Krankenhäusern und Reha-Kliniken knapp 300 000 Betten. Weitere 60 000 ließen sich voraussichtlich in Hotels und in Messehallen einrichten.

Bundesinnenminister Horst Seehofer hat die Studie am 18. März bei seiner Grundsatzabteilung in Auftrag gegeben. Sie entstand unter Federführung von Staatssekretär Markus Kerber binnen weniger Tage mithilfe des Robert-Koch-Instituts und weiterer Fachleute, unter anderem von ausländischen Universitäten. Inzwischen liegt das Papier auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und Gesundheitsminister Spahn vor.

Welche Art von Tests eingesetzt werden sollen, um zu bestimmen, ob eine Person infiziert ist, wird in dem Papier nicht erwähnt. Das zurzeit gängige Nachweisverfahren ist die sogenannte Polymerasekettenreaktion, kurz: PCR, die das Erbgut der Erreger aufspürt. Experten schätzen, dass aktuell wöchentlich etwa 200 000 solcher PCR-Tests auf das neue Coronavirus in Deutschland gemacht werden. Diese Zahl wurde zu Beginn der Woche auch von Spahn genannt. Er sprach allerdings auch davon, dass notwendige Chemikalien für die Laborarbeit und Testmaterialien allmählich knapp würden. Wie die zusätzlichen Testkapazitäten geschaffen werden sollen, dazu macht das Papier keine Angaben. Um die Zahl so dramatisch zu steigern wie in dem Papier skizziert, müssten allerdings Chemikalien und Laborgeräte in großem Umfang beschafft werden. Grundsätzlich könnten solche Tests auch in vielen Labors von Universitäten und Biotech-Unternehmen analysiert werden. Die notwendigen Maschinen sind dort meist vorhanden und auch Personal, das damit umgehen kann. Dies zentral zu organisieren, wäre allerdings sehr komplex.

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Aus Sicht der Experten des Innenministeriums ist es für den Erfolg entscheidend, dass es der Bundesregierung gelingt, die Bevölkerung zu mobilisieren. In dem Papier heißt es, es sei daher notwendig, die Menschen noch stärker als bisher vom Ernst der Lage zu überzeugen und mit verbreiteten Fehlvorstellungen aufzuräumen. Zum Irrglauben gehöre es etwa, dass das Virus nur die Alten treffe oder für Kinder harmlos sei. Den Experten zufolge müssten alle Bürgerinnen und Bürger erkennen, dass auch sie in eine dramatische Lage geraten könnten, zum Beispiel weil schwerkranke Angehörige von überfüllten Krankenhäusern abgewiesen würden. Notwendig sei daher eine "deutschlandweite und transparente Aufklärungs- und Mobilisierungskampagne". Dabei gehen die Autoren des Innenministeriums-Papiers von deutlich höheren Todesraten und Schwerkranken aus als das Robert-Koch-Institut (RKI). Während das RKI die Letalität des Erregers aktuell in Deutschland mit 0,56 Prozent beziffert, rechnet das Innenministerium damit, dass 1,2 Prozent der Infizierten am Coronavirus sterben werden. Entsprechend dramatischer sind auch die Szenarien, die das Ministeriumspapier durchspielt.

Als Teil ihrer Kampagne wollen die Fachleute des Innenministeriums alle Deutschen auf das gemeinsame Ziel einschwören, ein Worst-Case-Szenario zu vermeiden, in dem sich die Krankheit monatelang unkontrolliert ausbreiten würde, mit vielen Toten sowie massiven Folgen für die Wirtschaft und die Gesellschaft. "Um die gesellschaftlichen Durchhaltekräfte zu mobilisieren, ist das Verschweigen des Worst Case keine Option", heißt es. "Wer Gefahr abwenden will, muss sie kennen." Es ist bei Planspielen dieser Art üblich, dass Experten das schlimmste Szenario durchspielen: In diesem Fall gehen die Fachleute davon aus, dass bei einer ungebremsten Verbreitung des Virus 80 Prozent der Patienten, die eigentlich auf die Intensivstation müssten, von den Krankenhäusern abgewiesen würden.

Das positivste Szenario dagegen, das die Experten aus dem Innenministerium anstreben, trägt den Namen "Hammer and Dance". Der Ausdruck bezieht sich vermutlich auf einen Artikel, der vergangene Woche auf der englischsprachigen Online-Plattform Medium erschien und viel Aufmerksamkeit erregte. Allerdings handelt es sich dabei nicht um einen wissenschaftlichen Beitrag. Das darin geschilderte Szenario findet sich dennoch im Papier des Innenministeriums wieder. Es bedeutet, dass das Virus zunächst mit Ausgangsbeschränkungen und Schulschließungen eingedämmt wird und die Fallzahlen binnen sechs Wochen deutlich zurückgehen.

Nach dieser Phase des Holzhammers, also etwa zum Ende der Osterferien, könnte dann die "Dance"- oder Tanzphase beginnen: Kindergärten und Schulen würden wieder öffnen, die Infektion würde dann durch intensives Testen, Nachverfolgung von Kontakten und Isolation kontrolliert. Das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben kehre dann "weitgehend zurück zur Normalität", heißt es in dem Papier. Ebenfalls zum Ende der Osterferien, um den 20. April herum, erwarten die Experten die höchste Zahl der pro Tag neu entdeckten Infektionen. Danach würden diese - dem optimistischen Szenario folgend - sinken.

Bei diesem Szenario ließe sich der Einbruch des Bruttoinlandsprodukts auf etwa vier Prozent begrenzen, dies sei der wirtschaftliche "Best Case". Ohne das umfangreiche Testprogramm aber könne es zu Szenarien kommen, bei denen die Krise in Wellen immer wiederkehre, oder bei denen ein schnelles Eindämmen misslinge und Ausgangsbeschränkungen über Monate notwendig seien.

© SZ.de/fued
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