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Corona in Schweden:Der König attestiert Versagen

König Carl Gustaf

Weihnachtsansprache mit bitterem Resümee: Schwedens König Carl XVI. Gustaf beklagt den Umgang von Regierung und Behörden mit der Corona-Pandemie.

(Foto: Bertil Ericson/dpa)

Carl XVI. Gustaf sagt, die schwedische Corona-Strategie sei "gescheitert". Dass der Monarch sich politisch einmischt, ist höchst ungewöhnlich.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Viel wurde in diesem Jahr darüber diskutiert, ob Schwedens Sonderweg in der Corona-Pandemie als Modell taugt oder nicht mit seinem Ansatz, der mehr auf Freiwilligkeit und Empfehlungen setzte denn auf Restriktionen.

Am Donnerstag nun hat der schwedische König Carl XVI. Gustaf die eigene Nation mit einem erstaunlich harten Urteil überrascht: "Ich denke, wir haben versagt", sagte der König in einer vom schwedischen Fernsehen für Weihnachten aufgezeichneten Ansprache an die Nation.

In der Ansprache, die am kommenden Montag in voller Länge ausgestrahlt werden soll, nannte der König die Corona-Strategie des Landes "gescheitert". Er beklagte eine "hohe Zahl von Toten, und das ist schrecklich".

Eine solch politische Einmischung des Königs und dann noch in dieser Schärfe ist für das Land ungewöhnlich. Schwedische Kommentatoren nahmen sie als weiteres Zeichen für den Ernst der Lage. In Schweden sind bislang fast 7900 Menschen an Covid-19 gestorben. Das sind im Verhältnis zur Bevölkerungszahl weniger als in Ländern wie Frankreich, Italien oder Großbritannien.

Schweden aber vergleicht sich traditionell eher mit seinen nordischen Nachbarn und schneidet dabei äußerst schlecht ab. Während Schweden im Moment 779 Tote pro einer Million Einwohner zu beklagen hat, sind es in Finnland nur 87, in Norwegen gar nur 74.

Der oberste Epidemiologe setzte auf Herdenimmunität

Norwegen und Finnland hatten anders als Schweden im Frühjahr schnell ihre Grenzen geschlossen und sich jenseits mancher Restriktionen vor allem darauf konzentriert, Ausbrüche mit Kontaktverfolgung und Massentests früh zu erkennen und zu bekämpfen.

Vor ein paar Monaten noch hatte Staatsepidemiologe Anders Tegnell den Schweden prophezeit, ihre relativ entspannte Strategie werde dem Land im Herbst einen Vorteil verschaffen: "Schweden wird dann einen hohen Grad an Immunität haben, und die Zahl der Fälle wird wahrscheinlich ziemlich niedrig sein", sagte er im Mai der Financial Times. Schweden brauche keine zweite Welle zu fürchten und werde dann "besser abschneiden als Norwegen", meinte Tegnell noch im Sommer.

Eine Fehleinschätzung. Die Zahlen schnellen auch in Schweden schon seit vielen Wochen wieder in die Höhe, und das scheint erstmals auch messbare Auswirkungen auf das Vertrauen der Bevölkerung in den Kurs ihrer Führung zu haben: Es ist im Moment so niedrig wie noch nie seit Beginn der Pandemie.

In einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage der Zeitung Dagens Nyheter gab nur mehr ein Drittel der Schweden an, Vertrauen in den Corona-Kurs des Staatsapparates insgesamt zu haben. Dem Staatsepidemiologen Tegnell vertrauen demnach nur noch 59 Prozent, im Oktober waren es 72 Prozent gewesen. Meinungsforscher Nicklas Källebring vom verantwortlichen Umfrageinstitut Ipsos sprach von einer "Abwärtsspirale".

Es war der tödlichste November seit 1918

Es war auch sonst keine gute Woche für Anders Tegnell und die schwedische Gesundheitsbehörde, die lange Zeit federführend und praktisch ohne Einmischung der Politik den schwedischen Kurs bestimmt hatte. Nicht nur vermeldeten Statistiker den für Schweden tödlichsten November seit 1918.

Am Dienstag veröffentlichte eine Untersuchungskommission einen Zwischenbericht zur Lage in den schwedischen Alten- und Pflegeheimen und stellte ein schweres Versagen des schwedischen Staates beim Schutze seiner Alten und Pflegebedürftigen fest. Der Schutz ebendieser Risikogruppen aber war im Frühjahr ein zentraler Pfeiler der Strategie der Gesundheitsbehörde gewesen - ein Pfeiler, der schnell wegbrach. In den Heimen starben viele Menschen.

Seit November ist erstmals zu beobachten wie sich Schwedens sozialdemokratische Regierung vorsichtig absetzt von ihrem Staatsepidemiologen. Ministerpräsident Stefan Löfven hatte Ende November schärfere Restriktionen ohne Rücksprache mit Anders Tegnell eingeführt. Unter anderem dürfen sich seither nicht mehr als acht Menschen in der Öffentlichkeit treffen, auch schloss die Regierung die Schulen für die über 16-Jährigen.

Noch immer aber sind Bars, Restaurants, Fitnessstudios, Einkaufszentren und auch die Skilifte geöffnet. Und noch immer nicht empfiehlt die schwedische Gesundheitsbehörde das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Begründung: Es gebe keinerlei wissenschaftliche Anhaltspunkte für den Nutzen von Masken. Eine Meinung, mit der die schwedischen Behörden in Europa mittlerweile alleine stehen.

Hilferufe haben nun die Krankenhäuser vor allem der Metropolen ausgesandt. Die Auslastung der Intensivstationen in der Region Stockholm habe am vergangenen Wochenende bei mehr als 100 Prozent gelegen, erklärte am Dienstag Björn Eriksson, der Gesundheitsdirektor der Region.

In der schwedischen Presse boten die Behörden der Nachbarländer Norwegen, Finnland und Dänemark diese Woche Schweden ihre Hilfe an. Eine Vertreterin der schwedischen Regierung erklärte jedoch auf Anfrage der Zeitung Dagens Nyheter, das sei im Moment noch nicht notwendig.

© SZ/odg
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