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Griechenland und das Coronavirus:In den Flüchtlingscamps herrschen Idealbedingungen für eine Katastrophe

Flüchtlingslager Griechenland Coronavirus

Menschen leben in den Flüchtlingslagern, hier auf Lesbos, in dünnen Zelten und auf engstem Raum gedrängt. Hilfsorganisationen fürchten dort einen unkontrollierten Ausbruch des Coronavirus.

(Foto: Alea Horst/obs)
  • Zehntausende Flüchtlinge leben in Lagern auf den griechischen Inseln. Die Hygiene ist schlecht, Abstand halten unmöglich.
  • Wenn sich das Coronavirus dort ausbreitet, droht eine humanitäre Katastrophe.
  • Die griechische Regierung verweigert bislang die Umsiedlung der Menschen auf das Festland.

Nach der Krise ist vor der Krise, das gilt für Griechenland leider seit Langem. Nachdem das Land die Euro-Turbulenzen halbwegs überstanden und jüngst den Ansturm von Migranten aus der Türkei mit drastischen Maßnahmen abgewehrt hat, naht das nächste Unheil in Gestalt des Coronavirus. Neben den wirtschaftlichen Verwerfungen, die es anrichten wird, droht eine humanitäre Katastrophe auf den Inseln, die Migranten beherbergen.

"Wir machen uns große Sorgen", sagt George Makris von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen der Süddeutschen Zeitung. Die Hygiene in den Lagern sei schlecht, Abstand halten unmöglich, deshalb ließe sich das Virus kaum eindämmen.

Auf Lesbos, wo Makris arbeitet, sind drei Coronafälle bestätigt, außerhalb des Lagers Moria. Dort leben mehr als 20 000 Menschen auf engstem Raum, überwiegend in dünnen Zelten, Tausende haben keinen direkten Zugang zu Wasser. Auf den Inseln gebe es kaum Intensivbetten und nur wenig Testmöglichkeiten.

Aus Sicht der Helfer gibt es nur eine Lösung: Die Lagerbewohner müssten auf das Festland gebracht werden, und zwar zunächst die Kranken und Geschwächten. Die griechische Regierung und die EU stünden in der Verantwortung, dies zu organisieren.

Im EU-Parlament teilt man die Befürchtung. Es müsse dringend etwas unternommen werden, forderte der Vorsitzende des Innenausschusses Juan Fernando López Aguilar in einem Brief an die EU-Kommission, aus dem Politico zitierte. Die humanitäre Krise auf den griechischen Inseln drohe zu einem Gesundheitsproblem zu werden, das eine "sofortige europäische Antwort" nötig mache.

Die griechische Regierung hat bisher eine Umsiedlung von Flüchtlingen aufs Festland verweigert. Schließlich gebe es noch keine Ansteckung in den Lagern. Vor einer Woche hatte sie die Bewegungsfreiheit der 42 000 Lagerinsassen beschränkt. Demnach dürfen sie die Camps nur in kleinen Gruppen verlassen, um Lebensmittel zu besorgen, und jeweils nur eine Person pro Familie.

Vordenker des EU-Türkei-Deals fordert "humanitäre Luftbrücke"

Zuvor waren die Lager für Neuankömmlinge geschlossen worden. Der Politikberater Gerald Knaus, Vordenker des EU-Türkei-Deals, fordert seit mehreren Tagen die Evakuierung der Lager. Sein Plan sieht vor, etwa 35 000 Menschen auf das Festland zu bringen, zunächst in Zeltstädten, später in festeren Unterkünften.

Um die Griechen zu entlasten, sollten die EU-Staaten davon 10 000 anerkannte, ausreisewillige Flüchtlinge aufnehmen, mit organisatorischer Hilfe durch die Internationale Organisation für Migration, die auch Gesundheitstests bereitstellen könnte. Knaus spricht von einer "humanitären Luftbrücke" und erinnert an die Evakuierung der 7000 Juden aus Dänemark, die 1943 vor der Deportation in Konzentrationslager gerettet wurden.

Die EU-Kommission schlug der griechischen Regierung am Dienstag vor, ältere und kranke Menschen zumindest auf andere Teile der griechischen Inseln zu bringen.

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