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Corona-Neuinfektionen:Deutschland droht ein Motivations-Paradoxon

Weitere Entwicklung in der Corona-Krise - Berlin

Vor einer Arztpraxis im Bezirk Neukölln warten Menschen, die für einen Corona-Test anstehen. Die Corona-Neuinfektionszahlen sind auf mehr als 4000 in den vergangenen 24 Stunden angestiegen.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

In Deutschland sind vergleichsweise wenig Menschen mit dem Coronavirus infiziert, die Gesellschaft aber doch von der Pandemie erschöpft. Der Politik dürfte es nicht leicht fallen, da die Bereitschaft zu punktuellen Einschränkungen zu wecken.

Kommentar von Nico Fried, Berlin

Die Zahlen klingen nach Alarm, doch klang es keineswegs wie Alarmismus, was der Gesundheitsminister zu sagen hatte. Zwar war der Zuwachs von 4000 neuen Corona-Infektionen binnen 24 Stunden, den das Robert-Koch-Institut am Morgen vermeldet hatte, kein zu erwartender Schritt mehr, sondern schon ein besorgniserregender Sprung.

Dennoch sprach Jens Spahn von Zuversicht, mit der man hierzulande in die kommenden Monate der Pandemie gehen könne. Große Worte wählte der Minister: Die Gesellschaft als Ganzes stehe vor einem Charaktertest. Der Fels in der Brandung sei Deutschland einstweilen noch. Doch ob das so bleibe, habe man selbst in der Hand.

Es ist ein schmaler Grat zwischen Besorgnis und Beruhigung, den die Politik angesichts der neuen Corona-Welle gehen muss. Man weiß mehr über das Virus als Anfang des Jahres. Das kann helfen, Einschränkungen, wie sie im Frühjahr nötig waren, zu vermeiden, selbst wenn die Infektionszahlen weiter steigen. Schulen können länger offen bleiben, Friseure müssen nicht mehr schließen, Schutzbestimmungen machen auch in der Wirtschaft vieles möglich.

Ein Lockdown wie im Frühjahr werde sich im Herbst so nicht wiederholen, versicherte Spahn. Für die Erkrankten gibt es erste Medikamente, die wirken, es gibt ausreichend Intensivbetten, die zur Verfügung stehen, es gibt mehr Erfahrungen, um Ausbrüche einzudämmen und mehr Personal, um Kontakte von Infizierten nachzuverfolgen. Das Corona-Deutschland im Herbst 2020 ist nicht mehr das aus dem Frühjahr 2020.

Das entspannt die Situation. Doch steckt genau darin auch die Gefahr. Als im Frühsommer die Infektionszahlen niedrig waren, gehörte plötzlich das Präventions-Paradoxon zum allgemeinen Wortschatz. Es besagt, dass der Erfolg der Vorsorge auch dazu führt, dass immer weniger Menschen mitmachen, weil das Risiko irgendwann unterschätzt wird. Doch der Rückgang der Bedrohung bewies eben nicht die Ungefährlichkeit des Virus, sondern dass richtig war, was man gegen Corona unternommen hatte.

Wo ist der Punkt, an dem die Pandemie außer Kontrolle gerät?

Was dem Land jetzt droht, ist ein Motivations-Paradoxon: Diesmal könnte die Tatsache, dass man mit einem Ausbruchsgeschehen wie im Frühjahr in diesem Herbst besser umzugehen wüsste, schon vorher dazu führen, dass Menschen sich nachlässiger verhalten und das Risiko unterschätzen.

In einer von Corona noch immer vergleichsweise wenig infizierten, aber von der Pandemie doch erschöpften Gesellschaft noch mal die Bereitschaft hervorzurufen, sich wenigstens punktuell einzuschränken, gleicht dem Versuch, an einem Gebrauchtwagen mit verschlissenen Zündkerzen den Motor zu starten. Kann klappen, muss aber nicht.

Doch schwer erkennbar ist nicht nur das Virus an sich, sondern auch der Punkt, an dem die Pandemie doch wieder außer Kontrolle gerät. Und ganz sicher ist dieser Punkt nicht erst in dem Moment erreicht, wenn alle 8500 Intensivbetten, die jetzt noch frei sind, mit Corona-Patienten belegt sind. Dann ist es schon viel zu spät.

© SZ/gal
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