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Boris Johnson infiziert:Kampfansage aus der Heimquarantäne

  • Der britische Regierungschef Boris Johnson hat sich mit dem Coronavirus angesteckt, hat aber nach eigener Aussage nur leichte Symptome.
  • Auch Gesundheitsminister Matt Hancock ist infiziert.
  • Er werde den Kampf gegen das Virus nun von zu Hause aus führen, sagt er in einer Videobotschaft.
  • In Großbritannien hat sich die Eindämmung der Pandemie mittlerweile zu einem verzweifelten Rennen gegen die Zeit entwickelt - es fehlt an Tests und Schutzanzügen.

In einem Video auf Twitter - bekanntlich werden ja die wichtigsten Nachrichten über die sozialen Medien verbreitet -, kam am Vormittag aus der Downing Street die breaking news: Boris Johnson hat sich mit dem Coronavirus angesteckt. Er habe leichte Symptome entwickelt, heißt es, darunter Fieber und Husten, und habe sich daher, dem Rat seiner Ärzte folgend, testen lassen. Das Ergebnis: positiv.

Er werde jetzt eine Zeit lang daheim, also vermutlich aus der Wohnung über den Büros in der Downing Street, arbeiten - aber dank der Zaubermittel, welche die moderne Technik zur Verfügung stelle, könne er weitermachen im Kampf gegen das Virus. Johnson überbrachte die Botschaft selbst per Video in seinem üblichen, leicht flapsigen Ton: "Hi Folks ..." ("Hallo Leute ..."). Dann dankte er dem medizinischen Personal, Lehrern und Polizisten und all denen, die sich als Freiwillige gemeldet haben, um in einer landesweiten Anstrengung die Folgen des Virus gemeinsam zu bekämpfen.

Nach dem Thronfolger, Prinz Charles, hat sich mit Johnson nun ein weiterer, sehr prominenter Brite angesteckt. Wenig später wird bekannt, dass auch Gesundheitsminister Matt Hancock das Virus hat.

Das alles entbehrt, trotz der Schrecken, die eine solche Nachricht enthält, nicht einer gewissen Ironie, hatte doch der Premier lange Zeit darauf bestanden, dass es zum Selbstschutz vor allem wichtig sei, sich oft die Hände zu waschen. Seine jüngste Botschaft indes trägt das neue Signet, mit dem alle Regierungs-Accounts mittlerweile versehen sind: "Boris Johnson #StayHomeSaveLives", also: zu Hause bleiben, Leben retten.

Am Freitag gab es im Königreich 11 800 gemeldete Corona-Fälle, 578 Menschen sind bisher gestorben. Johnson, 55 Jahre alt, gehört noch nicht zu einer der von der britischen Regierung identizifierten Risikogruppen.

Für den vorliegenden Fall, also die Erkrankung des Premierministers, wurde auch in Großbritannien ein "designated survivor" auserkoren, wie man ihn vor allem aus einer US-amerikanischen Serie kennt: Außenminister Dominic Raab soll die Amtsgeschäfte übernehmen, wenn der Premier dazu aus Krankheitsgründen nicht mehr in der Lage sein sollte. Es gibt offiziell keinen Vizekanzler, jedoch einen First Secretary of State. Diesen Titel trägt offiziell Raab.

Mediziner sprechen von einem "permanenten Tsunami"

Medienberichten zufolge hatte es in den vergangenen Tagen einen regelrechten Wettlauf zwischen mehreren Ministern gegeben, wer als designated survivor nominiert werde. Michael Gove, eine Art Kanzleramtsminister, soll sich ebenso für die richtige Person gehalten haben wie Rishi Sunak, der als Finanzminister politisch derzeit eine wichtige Rolle spielt. Dem jungen Mann, der erst unlängst ins Amt kam, wird in britischen Medien bereits das Talent zum Premierminister zugeschrieben. Er hatte bei den täglichen Pressekonferenzen, auf denen Johnson gemeinsam mit Experten die jeweils neuesten Pläne der Regierung im Kampf gegen das Virus vorstellte, zwei große Hilfspakete für die Wirtschaft präsentiert. Johnson war in den vergangenen zwei Tagen bei den Pressekonferenzen persönlich nicht mehr aufgetaucht.

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Die Eindämmung der Corona-Krise hat sich in Großbritannien mittlerweile zu einem verzweifelten Rennen gegen die Zeit entwickelt. Mediziner sprechen von einem "permanenten Tsunami". Es fehlt vor allem an Test-Einheiten und Schutzanzügen, aber auch an Intensivbetten und Beatmungsgeräten. Derzeit wird überlegt, mit jeweils einem Beatmungsgerät zwei Patienten zu versorgen.

Der Nationale Gesundheitsdienst NHS hat am Freitag begonnen, Krankenschwestern aus dem ganzen Land nach London zu schicken, das von der Krise am stärksten betroffen ist. Ärzte wurden gebeten, von nun an in einem eigens zum Krankenhaus umgebauten Kongresszentrum zu schlafen, um nicht mehr Menschen anzustecken, wenn sie nach Hause gehen. Die hohe Infektionsrate des Klinikpersonals ist mittlerweile eines der größten Probleme; mancherorts fehlen bis zu 50 Prozent der Ärzte und Schwestern, weil sie sich daheim mit einem Infektionsverdacht selbst isolieren. Getestet werden die wenigsten von ihnen, was die Personaldecke in den Kliniken weiter ausdünnt.

© SZ.de/mane/jsa
A man disinfects a desk before a news conference of European Council President Charles Michel in Brussels

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