Corona-Pandemie:Warum auch in Südkorea die Zahlen wieder steigen

Corona-Pandemie: Eine Corona-Teststation in Seoul: In Südkorea steigen die Zahlen wieder.

Eine Corona-Teststation in Seoul: In Südkorea steigen die Zahlen wieder.

(Foto: Lee Jin-man/AP)

Musterland des Corona-Schutzes? Südkorea hat beim Impfen Fehler gemacht, jetzt werden die Regeln wieder verschärft. Fitnessstudios kämpfen mit einer besonders kuriosen Vorschrift.

Von Thomas Hahn, Tokio

Seit Montag herrscht ein anderer Ton in den Fitnessstudios des Großraums Seoul. Seit Montag gilt nämlich die neue Verordnung der südkoreanischen Regierung im Kampf gegen das Coronavirus: Fitnessstudio-Betreiber dürfen keine Musik mehr spielen, die schneller ist als 120 Schläge pro Minute. Die Idee dahinter: Mit langsamerer Musik bewegen sich die sportelnden Kunden auch langsamer auf dem Laufband, atmen weniger heftig und pusten damit auch weniger Coronaviren in die Umgebung, falls sie infiziert sind. Die Branche hadert. In der Korea Times sagte ein Studiobetreiber aus Suwon: "Laufbänder sind die populärsten Maschinen, aber wenn man darauf nur noch zu langsamer Musik langsam laufen darf, weiß ich nicht, wer dafür noch bezahlen will."

Doch Südkorea befindet sich gerade in der nächsten Stufe der Corona-Krise. Am Sonntag meldete die nationale Agentur für Krankheitskontrolle und Vorbeugung KDCA 1454 Neuinfektionen, Rekord für einen Sonntag und die Bestätigung des besorgniserregenden Trends. Für ein Land, das sich im Sommer 2020 der Null-Linie näherte, ist das erschütternd - auch wenn die Zahl der Todesfälle mit etwas über 2000 relativ niedrig bleibt; nach den Daten vom Sonntag sind in Südkorea 1,16 Prozent der Infizierten an Covid-19 gestorben.

Der Tigerstaat galt einmal als Musterland des Corona-Schutzes, weil er seine erste Welle nach einer mächtigen Clusterinfektion in einer Kirche in Daegu im Februar 2020 gut unter Kontrolle brachte. Die Vorzüge der südkoreanischen Digitalgesellschaft mit schnellem Internet und ausgeprägter Online-Routine waren von großem Vorteil. Mithilfe von Kreditkarten- und Mobilfunkdaten vollzogen Virusfahnder Infektionswege nach und fanden Verdachtsfälle. Es wurde früh viel getestet, unter anderem in Drive-in-Stationen. Auch die Disziplin der Bürgerinnen und Bürger trug dazu bei, dass die Demokraten-Regierung des Präsidenten Moon Jae-in die erste Welle ohne strenge Lockdowns in den Griff bekam.

Mithilfe dieses Systems sollte ein schlimmerer Ausbruch verhindert werden, um Zeit für eine nachhaltige Virus-Bekämpfung zu gewinnen, vor allem durch Impfstoffe. Aber die Regierung hat die Zeit nicht gut genutzt. Sie war langsam beim Einkauf der Impfdosen - und einen eigenen Impfstoff hat Südkorea nicht. "Die Rate der bestätigten Fälle beträgt immer noch 0,002 Prozent", sagte im April Roh Kyung-ho, Professor für Labormedizin am NHIS-Krankenhaus in Ilsan der Zeitschrift The Diplomat, "ich glaube, das ist der Hauptgrund dafür, dass die Regierung die Sicherung von Impfstoffen vergangenes Jahr nicht mit Dringlichkeit und unbedingtem Willen verfolgte."

"Dynamite" ja, "Gangnam Style" nein

Jetzt spürt Südkorea die Folgen der Lieferengpässe. Am Sonntag waren erst 12,8 Prozent der 51 Millionen Menschen im Land vollständig geimpft. Trotzdem wollte die Regierung im Sommer endlich die Einschränkungen lockern. Denn auch ohne Lockdown ist Südkoreas Alltag stark von der Covid-19-Vorbeugung geprägt. Mit Maskenpflicht und Abstandsregeln. Seit Monaten muss man sich bei jedem Coffeeshop- oder Restaurant-Besuch registrieren lassen. Als die Regierung die Vorschriften lockerte, strömten viele dankbar in Bars oder ans Ufer des Han zum Biertrinken. Der Anstieg der Infektionszahlen war logisch. Son Young-rae aus dem Gesundheitsministerium räumte ein: "Wir müssen weiter versuchen, die Balance zu finden zwischen Anti-Virus-Maßnahmen und Bemühungen, die Normalität wiederherzustellen."

Doch jetzt sind die Vorschriften wieder streng. In Seoul dürfen nach 18 Uhr nur zwei Menschen gemeinsam ins Restaurant. Öffnungszeiten sind eingeschränkt, Nachtclubs und Bars sollen erst gar nicht öffnen. Und Fitnessstudio-Betreiber fragen sich, was unter der neuen 120-Schläge-pro-Minute-Grenze auf ihre Musik-Listen darf. Aus dem K-Pop-Angebot soll zum Beispiel "Dynamite" von der Boy-Gruppe BTS okay sein. Psys "Gangnam Style" dagegen, einer der erfolgreichsten Songs des Genres, ist eindeutig zu schnell.

© SZ/segi
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