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Olympische Spiele:Die Krise ist lebendig

Tokio 2020 - Olympic Village

Ein Mann vom Team Mexiko geht an Olympischen Ringen am Eingang des Olympischen Dorfes vorbei.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

55 Coronavirus-Fälle in Zusammenhang mit den Spielen: Die jüngsten Nachrichten erwecken nicht den Eindruck, als sei das Corona-Management in Tokio so sicher, wie Japans Politiker und die Olympiamacher das ständig versprechen.

Von Thomas Hahn, Tokio

Heiner Gabelmann ist schon seit ein paar Tagen im Olympischen Dorf in Tokio. Und der Sportdirektor des Deutschen Schützenbundes ist angetan von den Neubauten im Stadtteil Harumi. "Alles tipptopp." Vor fünf Jahren in Rio mussten die Handwerker noch das eine oder andere reparieren. Die Räumlichkeiten in Tokio hingegen sind nach der Verschiebung der Sommerspiele um ein Jahr wegen des Coronavirus möglicherweise sogar vollendeter und makelloser als jedes andere Olympische Dorf davor.

Dafür ist Heiner Gabelmann etwas anderes aufgefallen. Auf dem Weg vom Flughafen zum Dorf kam es ihm nicht so vor, als würde er in eine Olympiastadt voller freudiger Erwartung kommen. "Der Funke ist scheinbar noch nicht übergesprungen", sagt er, "und wird wahrscheinlich auch nicht überspringen."

Wenige Tage vor der Eröffnung der Sommerspiele am 23. Juli deutet tatsächlich wenig darauf hin, dass sich Japans Bevölkerung schon angefreundet hat mit dem Ereignis. Wie sollte sie auch? Die jüngsten Nachrichten erwecken nicht den Eindruck, als seien die Spiele so sicher und sorgenfrei, wie Japans Premierminister Yoshihide Suga das ständig verspricht. Am Sonntag meldete das Organisationskomitee Tocog zehn zusätzliche Covid-19-Fälle unter den Teilnehmenden, darunter drei Sportler, von denen zwei im Olympischen Dorf untergebracht waren.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete bald, Team Südafrika habe bestätigt, die Fälle aus dem Dorf gehörten zu seiner Männerfußball-Mannschaft. Die Spieler Thabiso Monyane und Kamohelo Mahlatsi sowie der Video-Analyst Mario Masha seien betroffen. "Es gibt ein tägliches Monitoring", sagte Teammanager Mxolisi Sibam, "Masha und Monyane meldeten hohe Temperaturen und positive Speicheltests." Folgende PCR-Tests hätten die Gewissheit gebracht. Das ganze Team musste zunächst in Quarantäne bleiben. Die erste intensive Trainingseinheit fiel aus. Am Donnerstag sollen Südafrikas Fußballer gegen Japan ins olympische Turnier starten.

Olympics - Previews - Day -5

Sehr viel voller wird es nicht: Ein einsamer Radfahrer passiert die Tribünen, von denen sich bald die Ruder-Wettbewerbe beobachten lassen.

(Foto: Maja Hitij/Getty Images)

Das sind also die ersten Olympia-Geschichten aus Tokio. Seit Anfang Juli hat es nun schon 55 Coronavirus-Fälle im Zusammenhang mit den Spielen gegeben. Und außerhalb Olympias ist die Krise erst recht lebendig. Tokio meldete am Sonntag zum fünften Mal in Serie über 1000 tägliche Neuinfektionen, 1008 genau; am Samstag waren es 1410, so viele wie seit einem halben Jahr nicht mehr. Die höfliche Aufforderung von oben, zu Hause zu bleiben, wirkt offensichtlich nicht mehr so gut wie noch in früheren Phasen der Pandemie.

"Die Leute werden müde", sagte Shigeru Omi, Japans oberster Coronavirus-Regierungsberater, laut Japan Times am Donnerstag in einer nichtöffentlichen Ausschusssitzung, "und ich höre, dass Restaurants, vor allem die, die Alkohol servieren, die aktuelle Situation nicht mehr aushalten."

Shigeru Omi hat auch mal gesagt dass es "nicht normal" sei, in diesen pandemischen Zeiten Olympische Spiele stattfinden zu lassen. Er hat einsehen müssen, dass Japans Regierung und das Internationale Olympische Komitee (IOC) diese Meinung nicht hören wollten. Immerhin, der Vorschlag, keine Zuschauer in die Stadien zu lassen, wurde in der Not umgesetzt. Aber falsche Hoffnungen sind in der hohen Sportpolitik immer noch verbreitet. IOC-Präsident Thomas Bach soll Premierminister Suga zuletzt gebeten haben, Zuschauer zuzulassen, wenn sich die Lage verbessere. "Das wird nicht passieren, wenn normal entschieden wird", antwortete Omi. Außerdem verbessert sich die Lage ja gerade nicht.

Japanische Medien berichten, dass die sogenannte Olympia-Blase bereits gebrochen sei

Sonntagmittag am Flughafen Haneda. Eine kleine Mannschaft aus freundlichen Tocog-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern wartet auf die nächsten Ankömmlinge aus der Ferne. Ein Flieger aus London ist gelandet, britische Athletinnen und Athleten schieben ihre Gepäck-Trolleys durch einen mit Bändern begrenzten Korridor. Die Tocog-Mitarbeiter sagen "Konnichiwa", winken und stellen sicher, dass niemand aus dem Korridor biegt. Andere Gelandete müssen etwas länger warten, bis sie weiter dürfen. Alles wirkt ruhig und geordnet.

Aber japanische Medien berichten, dass es den Organisatoren nicht gelinge, die Spiele-Leute von gewöhnlichen Einreisenden fern zu halten. Auch in Hotels gelinge das nicht. Die sogenannte olympische Blase, die das Olympia-Personal umgeben sollte, um Japans Bevölkerung vor eingeschleppten Coronavirus-Mutanten zu schützen, sei schon gebrochen. Die Zeitung Asahi zitierte einen zuständigen Regierungsbeamten mit den Worten: "Es ist unmöglich, die olympischen Delegationen ganz von den allgemeinen Passagieren zu trennen."

Keine Überraschung: Japans olympisches Corona-Management wirkte von Anfang an wie eine eher theoretische Versuchsanordnung. Immerhin zeichnet sich schon ab, wem Japan die Schuld am Scheitern geben könnte: den Ausländern, die zu undiszipliniert sind, um sich nicht an die Regeln der sogenannten Playbooks zu halten. Japanische Medien haben zuletzt über Spiele-Beschäftigte aus dem Ausland berichtet, die nach acht Uhr in Shibuya, Roppongi oder Shimbashi getrunken hätten. Tocog hat am Sonntag noch einmal klargestellt, dass man das nicht tun soll.

Und der Sport? Wirkt so weit weg wie eine wirklich gute Nachricht. Wobei Heiner Gabelmann, der Sportdirektor der deutschen Schützen, immerhin bestätigen kann, dass die pandemischen Spiele nicht für alle grundsätzlich furchtbar sein müssen. Tokios Null-Zuschauer-Politik werde sein Team um Olympiasieger Christian Reitz zum Beispiel nicht sehr stören. Gabelmann sagt: "Beim Schießen gab es ja vorher auch kaum Zuschauer."

© SZ/jkn/schm
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