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Corona-Pandemie:RKI-Chef: "Diese Entwicklung ist wirklich sehr beunruhigend"

Das Robert-Koch-Institut ist angesichts der wieder steigenden Infektionszahlen "in großer Sorge". Der Chef des Instituts, Wieler, sagt: "Das alles geschieht nur, weil wir Menschen uns nicht mehr an die Regeln halten."

Von Philipp Saul

Der Chef des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler hat angesichts der aktuellen Entwicklung bei den Corona-Fallzahlen eine deutliche Warnung ausgesprochen. "Die neueste Entwicklung in Deutschland macht mir und uns allen im Robert-Koch-Institut große Sorgen." Die Zahl der Neuinfektionen und Todesfälle sei zwischenzeitlich deutlich gesunken. "Aber seit einigen Tagen sehen wir, dass die Fallzahlen wieder deutlich steigen."

Es bestehe die Sorge, dass es eine Trendumkehr geben könne. Ende Juni, Anfang Juli seien dem RKI nur noch etwa 300 bis 500 Fälle täglich übermittelt worden. Am vergangenen Freitag aber habe es 815 neue Fälle gegeben, sagte RKI-Expertin Ute Rexroth bei der Pressekonferenz am Dienstagvormittag. "Da haben wir uns wirklich Sorgen gemacht."

Die Zahl der Infektionen nimmt deutschlandweit wieder zu. Innerhalb der vergangenen sieben Tage habe es mindestens 3611 Neuinfektionen gegeben, sagte Wieler. "Diese Entwicklung ist wirklich sehr beunruhigend." Im Unterschied zur letzten Zeit mit einzelnen großen Ausbrüchen sei die Lage derzeit diffus, analysierte Rexroth. Beobachtet würden steigende Fallzahlen in unterschiedlichen Kommunen und Gemeinden. Zwischenzeitlich hätten mehr als 150 Landkreise innerhalb von sieben Tagen keine Neuinfektionen gemeldet. Inzwischen seien es nur noch 95 Landkreise.

"Das alles geschieht nur, weil wir Menschen uns nicht mehr an diese Regeln halten", sagte Wieler und warnte mit deutlichen Worten davor, die Vorsichtsmaßnahmen angesichts der Pandemie schleifen zu lassen. Er appellierte insbesondere daran, auf Partys, Feiern und ähnliche Zusammenkünfte zu verzichten. Das sei rücksichtslos.

Wieler ergänzte: "Wir sehen viele kleinere Ausbrüche, die an verschiedenen Orten gleichzeitig auftreten. Und wir sehen, dass diese Ausbrüche häufiger werden." Man müsse jetzt verhindern, dass sich das Virus wieder rasant und unkontrolliert ausbreitet. Die Übertragung des Virus könne "wirklich überall" stattfinden, sagte Rexroth: bei Familienfeiern, auf Hochzeiten, bei Treffen mit Freunden, am Arbeitsplatz, in Gemeinschafts- oder Gesundheitseinrichtungen.

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"Wie alle wünschte ich, dass die Pandemie vorbei wäre. Aber sie ist nicht vorbei", betonte Wieler: "Lassen Sie uns erreichen, dass möglichst wenige Menschen durch das Virus erkranken und wir möglichst wenige verlieren."

Er wisse nicht, ob die steigenden Fallzahlen der Beginn einer zweiten Infektionswelle seien. Es könne aber sein. "Die Abstands- und Hygieneregeln müssen noch monatelang bleiben. Diese dürfen nie infrage gestellt werden", sagte Wieler. "Wir haben es in der Hand." Er forderte insbesondere, den Dreiklang der sogenannten AHA-Regel einzuhalten: Abstand, Hygiene und Alltagsmasken.

Zur Diskussion um eine Rückkehr der Schulen zum Normalbetrieb nach den Sommerferien sagte Wieler: "Die Schulen werden geöffnet und sie müssen auch geöffnet werden." Dafür müsse es aber bestimmte Regeln geben. Die Schüler sollten beispielsweise möglichst wenig gemischt werden.

© SZ.de/saul/leja

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