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Corona und Kultur:Der Mensch ist mehr als eine abwaschbare Oberfläche

Ein Mitarbeiter der Staatstheater Stuttgart steht auf der Bühne des Opernhauses der Staatstheater Stuttgart, im Hintergrund ist der Zuschauerraum zu sehen.

Museen, Kinos oder Theater wie hier das Staatstheater Stuttgart, spielen in den öffentlichen Überlegungen so gut wie gar keine Rolle.

(Foto: dpa)

In der Debatte über die Coronakrise spielen Musik, Theater oder bildende Kunst kaum eine Rolle. Das ist kurzsichtig.

In einer Schlüsselszene des Westernfilms steht ein Mann mit einer Schlinge um den Hals auf den Schultern seines Sohnes. Irgendwann werden den Sohn die Kräfte verlassen, er wird zusammenbrechen, und sein Bruder wird sterben. Es ist eine im klassischen Sinne tragische Lage, zeitgenössisch ausgedrückt eine No-Win-Situation, denn für den Sohn gibt es keinen Ausweg. Besonders gemein wird das Ganze, als der Bösewicht dem Jungen eine Mundharmonika zwischen die Zähne drückt, womit die Kinogeschichte um eine wunderbare Melodie und einen unsterblichen Titel reicher ist: "Spiel mir das Lied vom Tod."

Spaghettiwestern sind keine Blockbuster mehr, sie haben in Vorcorona-Zeiten keine Multiplexe gefüllt und werden jetzt nicht wie der Wahnsinn gestreamt. Zu hart, zu zynisch. Aber gibt es jemanden, der in diesen Tagen nicht gelegentliche No-Win-Anflüge hat? Damit ist eine Funktion von Kunst bereits erwähnt: Sie findet ein Bild, eine Sprache, einen Ton für manches, was dem Einzelnen oft nicht einmal bewusst ist. Sie schafft Distanz zur eigenen Verletzlichkeit und Vergänglichkeit. Andere haben Ähnliches durchlitten. Es sind Botschaften von Gemeinschaft und Humanität, deren immunstärkende, um nicht zu sagen: antivirale Effekte man nicht unterschätzen sollte.

Umso befremdlicher deshalb, dass während der sehr nötigen und sehr detailreich geführten Gespräche über erste Öffnungen von Geschäften und Friseursalons, Kirchen, Synagogen und Moscheen, Baumärkten, Buchläden und irgendwann auch Schulen eine kleine, feine Stille gerade dort herrschte, wo es sonst sehr lebendig zugeht. Museen, Kinos oder Theater finden derzeit nicht nur laut Programm nicht statt, sie spielen auch in den öffent- lichen Überlegungen so gut wie gar keine Rolle.

Für diejenigen, denen bereits die vorsichtige Öffnung zu weit geht, die eine zweite, schlimmere Welle fürchten, ist dieses Schweigen eher entlastend. Das Verrechnen von Ladengrößen und Sortimenten klingt für sie wie fahrlässiges Feilschen. Und steht nicht viel mehr auf dem Spiel als nur die Kultur? Wenn bereits Freiheitsrechte wie das Versammlungsverbot nicht mehr selbstverständlich sind, wer will da das Recht auf einen Museumsbesuch fordern? Auf Freiluftkonzerte? Open-Air-Lesungen mit begrenzter Teilnehmerzahl? Nun, idealerweise möglichst viele.

Die Glaubensgemeinschaften haben sich völlig zu Recht zu Wort gemeldet und darauf verwiesen, dass die freie Religionsausübung durch die Verfassung garantiert ist. Und wirklich schlüssig kann wohl niemand erklären, warum Kirchen gefährlicher sind als ein Gartencenter. Man kann ohne Häme festhalten, dass sich bei einem deutschen Gottesdienst an einem normalen Sonntag leicht ein Mindestabstand einhalten ließe. Natürlich werden die christlichen, jüdischen und muslimischen Gemeinden ihre Gotteshäuser nicht gegen die Empfehlung oder Anweisung der Regierung öffnen, aber immerhin vertreten sie vernehmlich die Rechte der Gläubigen. Und die Kunst? Wahrscheinlich ist das Recht auf den Zugang zur Kultur nur in wenigen Verfassungen der Welt verankert. Er sollte es in allen sein.

All die geschäftigen Brotback-Selfies und rosaroten Mutmach-Memes können ja nicht darüber hinwegtäuschen, dass die wochenlange Isolation kein "Challenge", ist, sondern eine Verheerung, ein Einbruch der emotionalen und sozialen Grundversorgung, die rein gar nichts mit "Disziplin" oder "Vernunft" oder ähnlich unbeholfenen Durchhalte- und Disziplinierungsfloskeln zu tun hat, sondern den Psychologen demnächst viel Arbeit verschaffen wird. Der Mensch ist mehr als eine abwaschbare Oberfläche.

Für ein Leben, das diesen Namen verdient, spielt deshalb nicht nur die Kontrolle über den eigenen Körper (Friseur) eine Rolle oder die Gestaltung der eigenen Umgebung (Baumarkt). In Kriegen und Lagern, bei Hunger und Kälte waren Lieder, kleine Theaterstücke, geschnitzte Skulpturen schon oft der letzte Widerstand gegen die Entmenschlichung. Je weniger sich der Mensch als selbstbestimmtes, denkendes, sinnliches Wesen erfährt, umso wichtiger ist die Erinnerung daran, dass er es einmal war. Wenn Menschen jetzt über Balkone hinweg musizieren, wenn die globale Bachfamilie online gemeinsam singt, wenn die Uffizien virtuell überrannt werden, dann sind dies Techniken kultureller Selbstermächtigung in neuer digitaler Ausprägung. Aber die schönste Grafikkarte kann keinen Ersatz für einen echten Tizian bieten, die beste Konferenz-Software ein Livekonzert nicht ersetzen.

Niemand rechnet damit oder würde es auch nur gutheißen, wenn die Berliner Philharmonie oder die Münchner Kammerspiele jetzt zum Status quo ante zurückkehrten. Filmfestivals, Symphonie-Konzerte und Blockbuster-Ausstellungen wird es so bald nicht geben. Aber müsste man über den Rest nicht mal reden?

Seit Wochen beraten die Kulturinstitutionen, wie sie ihr Angebot an die Erfordernisse anpassen können. Die Museen, von denen einige buchstäblich über Nacht geschlossen wurden, die aber zumindest einen Teil ihrer Erlöse erwirtschaften müssen, weisen zu Recht auf günstige Bedingungen hin: Die Säle sind groß, Besucher lassen sich mindestens so leicht lenken wie im Einzelhandel, die Klimaanlagen sind vom Feinsten. Kinos könnten weniger Tickets verkaufen, Plätze frei lassen, Theaterensembles Solo-Abende anbieten und die Zuschauerzahl begrenzen.

Die wirtschaftliche Bedrohung für Deutschlands Kulturlandschaft ist nicht gebannt. Dass viele Künstler und Institutionen auf der Strecke bleiben, ist schlimm genug. Aber wenn die Kultur zum Accessoire degradiert wird, dem man sich zuwendet, wenn alles andere geregelt ist, dürfte der Weg aus der No-Win-Situation deutlich länger dauern.

© SZ vom 18.04.2020/khil
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