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Interview am Morgen: Ehrenamtliche Helfer in der Pandemie:"Das ist eine Ungerechtigkeit"

Coronavirus in Deutschland: Impfzentrum in Erding

Impfzentrum in Erding: In der Pandemie haben ehrenamtliche Mitglieder der Hilfsorganisationen viele Aufgaben übernommen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In der Pandemie engagieren sich Tausende Ehrenamtliche in Hilfsorganisationen. Gerda Hasselfeldt, Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes, über Lehren aus der Flüchtlingskrise und die Ungleichbehandlung von Einsatzkräften.

Interview von Claudia Henzler

Etwa 600 000 ehrenamtliche Helfer engagieren sich in Deutschland bei privaten Hilfsorganisationen wie dem Roten Kreuz, der Johanniter-Unfall-Hilfe oder dem Arbeiter-Samariter-Bund im Bevölkerungsschutz. Die Ehrenamtlichen bilden sich in ihrer Freizeit fort, um im Katastrophenfall Menschen zu betreuen oder den Sanitätsdienst zu verstärken. Im vergangenen Jahr wurden sie zu einer wichtigen Stütze der Pandemiebekämpfung. Können die Hilfsorganisationen diese Art von Bevölkerungsschutz dauerhaft leisten? Ein Gespräch mit der DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt.

SZ: Waren die Akteure im Bevölkerungs- und Katastrophenschutz auf eine Pandemie eingerichtet?

Gerda Hasselfeldt: Nicht in diesem Ausmaß. Das hat man zum Beispiel an der Schutzausrüstung gesehen, die Anfang des Jahres 2020 überall gefehlt hat. Das vergangene Jahr hat noch einmal deutlich gemacht, dass wir uns auf Katastrophen jeder Art vorbereiten müssen, und zwar gemeinsam auf Bundes- und Landesebene. Beim Bevölkerungsschutz geht es ja darum, in unterschiedlichsten Situationen sehr schnell, sehr vielen Menschen zu helfen - bei großen Unfällen, Naturkatastrophen, Pandemien oder auch Cyberangriffen auf Infrastruktureinrichtungen. Da stehen die anerkannten Hilfsorganisationen mit ihren haupt- und ehrenamtlichen Kräften zur Verfügung.

Bis Mitte der Neunzigerjahre gab es in Deutschland mehrere große Lager mit Material für den Zivil- und Katastrophenschutz wie Zelte, Betten, Hygieneartikel. Wurde an der Stelle zu viel gespart?

Die Auflösung dieser Lager war damals Konsens in Politik, Gesellschaft und auch bei den Hilfsorganisationen. Man dachte, der Kalte Krieg ist vorbei und die Lager wären deshalb nicht mehr notwendig. Schon in den Flüchtlingsjahren 2015 und 2016 hat sich dann herausgestellt, dass wir solch eine Reserve brauchen. Damals mussten wir ja Betten und Decken aus Kanada und den USA organisieren, weil in ganz Europa nichts mehr vorhanden war.

Welche Lehren wurden daraus gezogen?

Die anerkannten Hilfsorganisationen haben unter Federführung des DRK ein Konzept erarbeitet, um wieder zehn solcher Materiallager anzulegen und zu betreuen. Zwei davon wurden mittlerweile vom Bundestag genehmigt, mit der Option für weitere acht. Parallel dazu sind vom Technischen Hilfswerk (THW) in den letzten Haushaltsberatungen vier Lager, die mehr auf technische Ausrüstung ausgerichtet sind, genehmigt worden. Das Bewusstsein, dass hier etwas getan werden muss, ist also in Regierung und Parlament vorhanden. Ich begrüße das sehr.

Die frühere CSU-Bundespolitikerin Gerda Hasselfeldt, 70, ist seit 2017 Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes.

(Foto: Toni Heigl)

Baden-Württemberg gibt jetzt mehr Geld für die Ausbildung und Ausrüstung der Helfer im Katastrophenschutz aus. Wie sieht die Lage bundesweit aus?

Es ist in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich geregelt, wie viel Geld zum Beispiel für Ausbildung und Ausstattung zur Verfügung gestellt wird. Insgesamt könnte noch mehr passieren, um den Katastrophenschutz so auszustatten, dass er immer einsatzfähig ist. Die Aufgaben im Bevölkerungsschutz sind ja mehr geworden. Es ist zum Beispiel wichtig, dass nicht nur für die Fahrzeuge gesorgt wird, sondern auch für Wartung und Unterbringung. Das ist nicht einheitlich.

In der Pandemie haben ehrenamtliche Mitglieder der Hilfsorganisationen viele Aufgaben übernommen - vom Aufbau der Test- und Impfzentren bis zu Einkaufshilfen. Blicken Sie noch durch, wann Menschen mit einem DRK-Logo an der Brust haupt- und ehrenamtlich tätig sind?

Es ist wirklich ein unheimliches Engagement und eine große Flexibilität sichtbar, sowohl im haupt-, als auch im ehrenamtlichen Bereich. Gleich zu Beginn der Pandemie haben sich Ehrenamtliche bereit erklärt, Reiserückkehrer aus dem chinesischen Wuhan in der Quarantäne zu betreuen, und viele haben sich spontan zur Verfügung gestellt, um in Hotspots wie Heinsberg zu helfen, wo wir eine mobile Arztpraxis im Einsatz hatten.

Wo verläuft denn die Grenze zwischen Haupt- und Ehrenamt?

Das geht oft Hand in Hand. Im Rettungsdienst haben wir sowohl viele Hauptamtliche als auch Ehrenamtliche, die rund um die Uhr bereitstehen müssen. Wenn kurzfristig und intensiv geholfen werden muss, können wir die Ehrenamtlichen rasch mobilisieren, so wie das zum Beispiel bei den Wuhan-Rückkehrern der Fall war, an den Autobahn-Teststationen oder bei den Schnelltestaktionen vor Weihnachten. Über einen längeren Zeitraum geht das natürlich nicht, dann müssen hauptamtliche Helfer eingesetzt werden.

Nun handelte es sich bei den vorweihnachtlichen Schnelltests um eine ehrenamtliche Aktion von Rot-Kreuz-Kreisverbänden. Andere Tätigkeiten fielen in die Rubrik Bevölkerungsschutz, für die Helfer von ihren Arbeitgebern bei Lohnausgleich freigestellt wurden. Ist denn ausreichend scharf definiert, wo der Bevölkerungsschutz beginnt?

Die Freistellung vom Arbeitsplatz mit Weiterbezahlung des Lohns ist in den einzelnen Bundesländern leider sehr unterschiedlich geregelt. In einigen Ländern werden Ehrenamtliche der Hilfsorganisationen wie die THW- und Feuerwehrleute behandelt - doch meist ist die Freistellung auf den Katastrophenfall begrenzt. Das ist ein Problem. Gerade in der Pandemie hat sich gezeigt, dass die anerkannten Hilfsorganisationen im Bevölkerungsschutz viele Tätigkeiten übernehmen, auch wenn der Katastrophenfall nicht ausgerufen wird.

Baden-Württemberg hat im vergangenen Jahr beschlossen, Hilfsorganisationen auch unterhalb des Katastrophenfalls wie die Feuerwehren zu behandeln. Ist das der richtige Weg?

Ich würde mir bundesweit eine Gleichstellung des DRK und anderer anerkannter Hilfsorganisationen mit Feuerwehr und THW wünschen. Wenn ehrenamtliche DRK-Mitarbeiter aus dem Bevölkerungsschutz, etwa nach einem Zugunglück, die Einsatzkräfte von THW und Feuerwehr mit Essen versorgen, dann ist doch nicht einzusehen, dass die Mitglieder von THW und Feuerwehr freigestellt sind und die anderen nicht. Das ist eine Ungerechtigkeit, die einfach nicht nachvollziehbar ist.

© SZ
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