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Impfstoffe:Brüssel fürchtet US-Exportstopp für Astra-Zeneca-Vakzin

DEUTSCHLAND, NIEDERSACHSEN, HANNOVER, 04.03.2021 - Zentrale Polizeidirektion Niedersachsen (ZPD) - Eine Ampulle des SARS

Begehrter Stoff: Eine Ampulle des Vakzins von Astra Zeneca.

(Foto: Michael Matthey/imago)

Der Impfstoff-Hersteller Astra Zeneca muss offenbar ein US-Werk nutzen, um Europa zu beliefern. Das könnte heikel werden, denn die EU hat selbst Ausfuhren in andere Länder gestoppt.

Von Björn Finke, Brüssel

Vorige Woche hat die EU erstmals den Export von Corona-Impfstoff blockiert - nun versucht die Kommission sicherzustellen, dass Europa nicht selbst Opfer solcher Verbote wird. An diesem Montag wird Industriekommissar Thierry Breton mit Jeffrey Zients telefonieren, dem Koordinator des amerikanischen Impfprogramms im Weißen Haus. Thema sei die Zusammenarbeit bei den Lieferketten für Vakzine, sagte eine Kommissionssprecherin am Wochenende.

Hintergrund ist offenbar, dass der britisch-schwedische Pharmakonzern Astra Zeneca für seine Lieferungen an die EU auch auf ein US-Werk angewiesen ist. Der im August abgeschlossene Vertrag mit der Kommission listet als mögliche Produktionsstätten neben Fabriken in der EU und in Großbritannien einen Standort in den Vereinigten Staaten auf: Das US-Unternehmen Catalent in Maryland soll im Auftrag von Astra Zeneca fertigen.

Vor zwei Wochen räumte Astra Zeneca ein, dass wohl nur die Hälfte der für das zweite Jahresviertel zugesagten 180 Millionen Dosen Impfstoff aus EU-Fabriken stammen wird. Die zweite Hälfte soll von Werken aus anderen Teilen der Welt geliefert werden - wohl auch aus Maryland.

Allerdings erließ der damalige US-Präsident Donald Trump im Dezember die Order, dass die Impfstoffproduktion amerikanischer Werke zunächst den US-Bürgern dienen solle. Sein Nachfolger Joe Biden hat das bislang nicht aufgehoben. Die EU-Kommission geht trotzdem davon aus, dass die Behörden Lieferungen nicht stoppen werden: "Die Kommission vertraut darauf, dass wir mit den USA zusammenarbeiten können, um sicherzustellen, dass Impfstoff, der in den USA hergestellt oder abgefüllt wird, für die Erfüllung der vertraglichen Pflichten der Vakzinhersteller gegenüber der EU voll genutzt werden kann", sagte eine Sprecherin etwas gedrechselt.

Das Verbot öffne die Büche der Pandora, klagt ein Abgeordneter

Corona-Vakzine waren ebenfalls eins der Themen beim Telefonat von Biden mit Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Freitag. Hinterher sagte die Deutsche, beide Seiten hätten "ein starkes Interesse daran, sich gemeinsam für das gute Funktionieren der weltweiten Lieferketten einzusetzen". Die US-Regierung kann den Astra-Zeneca-Impfstoff im Moment ohnehin nicht verwenden: Er ist dort noch nicht zugelassen, anders als in der EU oder in Großbritannien.

Die Engpässe von Astra Zeneca in Europa sind Folge von Anlaufschwierigkeiten in einem belgischen Werk des Auftragsfertigers Thermo Fisher. Diese Probleme stecken auch dahinter, dass das Unternehmen im ersten Quartal, von Januar bis März, bloß 40 statt 90 Millionen Impfdosen liefern kann.

Diese Verzögerungen nahm die EU-Kommission Ende Januar zum Anlass, Exporte von Corona-Vakzinen aus der EU genehmigungspflichtig zu machen. Hersteller müssen nun in dem EU-Staat, in dem sie fertigen, einen Ausfuhrantrag stellen. Der soll nur in dem Fall abgelehnt werden, dass die Exporte die Erfüllung der Lieferverpflichtungen in der EU gefährden. Bis zum 1. März wurden 174 Anträge bewilligt - und dann wurde erstmals die Erlaubnis verweigert: Italien stoppte die Ausfuhr von 250700 Dosen des Astra-Zeneca-Vakzins nach Australien.

Der SPD-Europaabgeordnete Bernd Lange klagt, diese "extrem kurzsichtige" Entscheidung öffne die Büchse der Pandora. "Die Lieferketten sind komplex, und wir sind auch auf Lieferungen von außerhalb der EU angewiesen", sagt der Vorsitzende des Handelsausschusses. Etwa aus den USA, wie sich nun zeigt.

© SZ/bepe
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