Colonia Dignidad Deutsche Justiz stellt Ermittlungen gegen früheren Sektenarzt ein

Hartmut Hopp bei seiner Festnahme in Chile im Jahr 1996.

(Foto: REUTERS)
  • Die Staatsanwaltschaft Krefeld erhebt keine Anklage gegen Hartmut Hopp, die frühere mutmaßliche Nummer zwei der brutalen Colonia Dignidad in Chile. Sie erklärt, keine ausreichenden Beweise gefunden zu haben.
  • Der Politologe Jan Stehle zeigt sich entsetzt und moniert, dass Opfer teilweise nicht einmal angehört wurden.
  • Im August 2018 hatte es bereits das Oberlandesgericht Düsseldorf abgelehnt, eine rechtskräftige chilenische Haftstrafe gegen Hopp in Deutschland zu vollstrecken.
Von Peter Burghardt, Hamburg

Seit Jahrzehnten warten Opfer der Colonia Dignidad auf wenigstens ein bisschen Gerechtigkeit. Deutschlands Justiz allerdings scheint die Aufklärung eines der großen Skandale der deutschen Nachkriegsgeschichte begraben zu haben. Kein einziges ehemaliges Führungsmitglied der deutsch-chilenischen Foltersekte wurde hierzulande vor Gericht gestellt, obwohl etliche führende Schergen zurück nach Deutschland geflüchtet sind.

Jetzt enden zum Entsetzen von Geschädigten und Menschenrechtlern auch die deutschen Ermittlungen gegen Hartmut Hopp, den früheren Arzt und die ehemals mutmaßliche Nummer zwei der Kolonie des Schreckens.

Die Staatsanwaltschaft Krefeld gab bekannt, dass das im August 2011 eingeleitete Verfahren gegen Hopp eingestellt worden sei. "Ein für eine Anklageerhebung erforderlicher hinreichender Tatverdacht" könne "unter keinem rechtlichen Gesichtspunkt begründet werden", schreibt der Oberstaatsanwalt Axel Stahl.

Im August 2018 hatte es bereits das Oberlandesgericht Düsseldorf abgelehnt, eine rechtskräftige chilenische Haftstrafe gegen Hopp in Deutschland zu vollstrecken. In Chile war Hopp erstinstanzlich 2011 und dann vom Obersten Gerichtshof 2013 wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch von Kindern zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden, hatte sich aber 2011 trotz eines internationalen Haftbefehls nach Deutschland abgesetzt.

Der Politologe Jan Stehle spricht von einer "Verhöhnung der Opfer"

Hopp galt Betroffenen und Experten als enger Vertrauter des 2010 in chilenischer Haft verstorbenen Päderasten Paul Schäfer, der die Colonia Dignidad (Kolonie Würde) Anfang der Sechzigerjahre im südlichen Chile gegründet hatte. In der Siedlung in den Anden wurde hinter Stacheldraht und der Fassade von Fleiß, Frömmigkeit und Folklore entführt, versklavt, vergewaltigt, gequält, gemordet.

Während der Pinochet-Diktatur wurden auf dem Gelände Regimegegner gefoltert und getötet. Später fand die Polizei ein Waffenarsenal, außerdem ist von enormen Vermögenswerten der Enklave die Rede. Heute führt die verbliebene Gemeinde als Villa Baviera (Bayerndorf) einen bizarren Freizeitpark.

Hopp leitete die Klinik der Kolonie und soll Kontakte zu Pinochet und dessen Geheimdienst gepflegt haben. Ihm wird vorgeworfen, an der Tötung Oppositioneller, dem Missbrauch Minderjähriger und dem Verabreichen von Psychopharmaka mitgewirkt zu haben. Überlebende, Angehörige, die Anwältin Petra Schlagenhauf und das European Center for Constitutional and Human Rights stellten 2011 Strafanzeige gegen Hopp, gegen den schon seit den achtziger Jahren ermittelt worden war.

Nun erklärt die Krefelder Staatsanwaltschaft, keine ausreichenden Beweise gefunden zu haben. Sie spricht von der "Ausschöpfung aller erfolgversprechender Ermittlungsansätze". Das grenze "an eine Verhöhnung der Opfer, die teilweise nicht einmal angehört wurden", sagt der Politologe Jan Stehle, der sich seit Jahren intensiv mit der Colonia Dignidad beschäftigt. "Diese Verfahrenseinstellung war wahrscheinlich das letzte Kapitel eines langen Justizskandals, der Ohnmacht hinterlässt. Diese nun wohl endgültige Straflosigkeit macht fassungslos."

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