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China und Indien:Explosive Frontstellung

China und Indien. DIe Staatschefs Xi Jinping und Narendra Modi

Chinas Präsident Xi Jinping (hinten), und Indiens Premierminister Narendra Modi. (Archivbild)

(Foto: AP)

Höchste Zeit, dass Narendra Modi und Xi Jinping das Gespräch suchen, um rechtzeitig eine Abkühlung zwischen den beiden Atommächten zu erlangen.

Kommentar von Arne Perras

Indien und China versicherten noch vor wenigen Tagen, sie wollten ihre Grenzstreitigkeiten in den Bergen entschärfen. Doch nun ist im westlichen Himalaja das Gegenteil geschehen. Mindestens zwanzig indische Soldaten wurden bei einem Zusammenstoß der Armeen getötet, auch auf chinesischer Seite soll es Opfer geben, obgleich Peking bisher keine Toten bestätigt hat. Nun beginnen bange Stunden, in denen es zu verhindern gilt, dass sich die Atommächte Indien und China in eine größere militärische Auseinandersetzung verstricken.

Sicher ist: Die jüngste Episode der Konfrontation im Himalaja wiegt schwerer als alle Zusammenstöße der vergangenen Jahre. Immer wieder belauerten sich Patrouillen beider Seiten im Grenzgebiet, und manchmal prügelten sie sich, wenn sie sich zu nahe kamen. Nun aber hat die Konfrontation mehrere Todesopfer gefordert, die ersten seit 1975; noch weiß man über die Umstände nichts, doch die Verluste schüren in Indien bereits Entsetzen und Wut. Und sie steigern die Gefahr, dass sich nun ein breiter, antichinesischer Nationalismus Bahn bricht, der die Regierung in eine schwierige Lage zwingt. Indien ist schon mit der Covid-19-Krise völlig überlastet und dürfte den Chinesen in den Bergen militärisch-konventionell unterlegen sein.

Eine denkbar schlechte Ausgangslage für Premier Narendra Modi mit seiner hindu-nationalistischen Partei, er muss nun einen Weg finden, nicht als schwach dazustehen. Modi hat den indischen Nationalismus stets selber fleißig genährt und genutzt, wenn er hilfreich war, Wahlen zu gewinnen. Gerichtet waren die martialischen Parolen gegen den Erzfeind Pakistan, ein simples Mittel, um von innenpolitischen Problemen abzulenken. Doch China ist ein Gegner von ganz anderem Gewicht: Modi weiß, dass sich Indien auf einen größeren Konflikt mit der Vormacht Asiens nicht einlassen kann, schon gar nicht in Zeiten der Pandemie, die Indien wirtschaftlich lahmlegt und Millionen Menschen ins Elend treibt.

Wie aber kann Indien sein Gesicht wahren, wo immer offenkundiger wird, dass China seinen Vorteil an der nicht demarkierten Grenze im Himalaja sucht? Peking setzt dabei offenbar auf die Strategie: zwei Schritte vor, einen zurück. Zermürbend für Indien, aber Hebel hat Delhi dagegen nicht, solange der Grenzverlauf ungeklärt ist. China nutzt die nebulöse Lage aus, um Fakten zu schaffen, so signalisiert die Führung in Peking ihre Dominanz und den Anspruch, vorherrschende Macht in Asien zu bleiben und den Rivalen in seine Schranken zu weisen.

Auch Pekings Führung schürt seit Jahren den Nationalismus, mit dem Kalkül, dass es der Absicherung der eigenen Macht dienen wird. Daraus ergibt sich eine explosive Frontstellung in den Bergen. Sollte der Volkszorn angesichts der Krise auf beiden Seiten überschäumen und die Regierungen vor sich hertreiben, könnte sich die Lage gefährlich aufschaukeln. Und mit jedem tödlichen Zusammenstoß würde dann ein Krieg näher rücken, den eigentlich keine Seite will.

Höchste Zeit, dass Narendra Modi und Xi Jinping das Gespräch suchen, um rechtzeitig eine Abkühlung zwischen den beiden Atommächten zu erlangen.

© SZ vom 17.06.2020

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